Gastronomiebetrieb

Als Gehörloser zum erfolgreichen Café-Betreiber

Sezer Yigitoglu setzt sich gegen Konkurrenz durch

Die beiden Männer wissen auch ohne Karte, was sie wollen. Einen Espresso und einen Kaffee, dazu Käsekuchen. Der Raum ist nicht groß, sie könnten zur Theke hinüberrufen. Sie sind Handwerker, die Pause ist kurz. Trotzdem warten sie, bis Sezer Yigitoglu zum Tisch kommt, und bestellen so artikuliert und mit derart deutlichen Lippenbewegungen, dass es überall sonst lachhaft wirken würde. Überall, außer im Café Ole. Denn Yigitoglu, der den kleinen Gastronomiebetrieb an der Boddinstraße im Juli 2012 eröffnete, ist gehörlos.

Es ist ruhig geblieben den Vormittag über. Erst am frühen Mittag füllen sich die Tische. Yigitoglu hatte schon besorgt die Augenbrauen zusammengezogen. Gestern seien ebenfalls weniger Gäste als üblich gekommen, sagt er mit seiner kehligen, scheinbar tief aus dem Brustraum kommenden Stimme.

Schaut man sich die Bilanz an, hat Yigitoglu alles richtig gemacht. Ein Jahr lang hatte der gelernte Bäcker seine Selbstständigkeit vorbereitet, hatte einen Businessplan erstellt, Geldgeber gesucht und Behörden abgeklappert. Vor allem hatte er sich mit Bedenken auseinandergesetzt. Ein eigenes Café, als Gehörloser? Wie soll das gehen? Wie die Kommunikation mit den Gästen klappen, wie der Kontakt zu Lieferanten und Ämtern? Yigitoglu hatte all diese Sorgen zuerst ja selbst. Doch einen Tag vor seinem 30. Geburtstag feierte er in dem nach seinem Labradormischling Ole benannten Café Eröffnung. Vom ersten Monat an hat sich der Laden gerechnet. Ein Vorzeigestart.

Vielleicht wird ewig ein winziger Rest Unsicherheit bleiben angesichts seines Experiments. Schließlich ist der Neuköllner mit türkischstämmigen Eltern der einzige taube Cafébetreiber, außerhalb von Behinderteneinrichtungen. Der sich in eine Branche gewagt hat, in der Sprache auch ein Schlüssel zum Geschäftserfolg ist. 90 Prozent von Yigitoglus Kunden kommen aus dem Kiez. Künstler, Studenten, Neuberliner, die die erwachende Szene Neuköllns anlockt. Die allerwenigsten sind gehörlos. Er solle sich nicht sorgen, so kurz vor Weihnachten sei das Geschäft immer ruhig, beschwichtigt denn auch sein Freund und Arbeitsassistent Christian Seipel. Die Sorgenfalten auf Yigitoglus Stirn kann er dennoch nicht ganz glätten.

Natürlich gibt es diese komisch anmutenden Szenen. Wenn Yigitoglu eine Bestellung zugerufen wird, die er scheinbar ignoriert. Oder wenn er nicht darauf reagiert, dass ein Gast die Rechnungssumme aufrundet, während er selbst gerade den Blick in der Kasse hat. Schwierig wird es immer, wenn Verhandlungen mit Ämtern anstehen oder Handwerkern. „Aber für das Alltägliche“, sagt sein Assistent Christian Seipel, „da braucht er niemanden.“

Café Ole, Boddinstraße 57, Neukölln, Di. bis Sa. 10 bis 20 Uhr, So 12 bis 20 Uhr, Winterpause bis 2. Januar