Flüchtlinge

Sadafs Hoffnung auf ein eigenes Zimmer

Das zwölfjährige Mädchen kam aus Afghanistan nach Berlin. Hier hat sie eine neue Heimat gefunden, weil sie in einem Moment mutig war

So ein Umzug kann Angst machen, weg von Freunden, rein in die große Stadt. So jedenfalls wäre das wohl für die meisten zwölfjährigen Mädchen. Bei Sadaf Walizada klingt es anders. Ihre Familie muss bald aus dem Flüchtlingslager in Marienfelde ausziehen, und vermutlich werden sie in dem Stadtteil keine passende Wohnung finden, die Mieten sind zu hoch. Aber das sei okay, sagt Sadaf. Statt zu Fuß wird sie ihre beste Freundin dann eben mit der S-Bahn besuchen. Viel besser aber: In ihrem neuen Zuhause wird sie ein eigenes Zimmer haben. Bisher teilt sie sich eines mit ihrem Bruder.

Sie braucht eben ihren eigenen Platz, so wie jedes Mädchen in ihrem Alter. Aber wenn Sadaf Walizada so weitermacht, wird ihr bald die ganze Stadt offen stehen. In diesem Jahr hat sie nämlich vieles geschafft, was viele für unmöglich halten würden.

Noch im Sommer sah es so aus, als dürfe sie mit ihrer Familie nicht in Deutschland bleiben. Sie waren aus dem afghanischen Ghazni gekommen. Das ist eine Region, die seit Jahrzehnten von Konflikten geprägt ist. Die Strecke aus Griechenland legte sie ohne ihre Eltern zurück, mit ihrem kleinen Bruder und ihrer zwei Jahre älteren Schwester. Aber das Bundesamt für Migration erkannte sie als Flüchtlinge nicht an. Die Familie war so schlau, sich einen Anwalt zu nehmen. Sonst wären sie längst wieder dort, wo sie unbedingt wegwollten. Wo alte Männer sich junge Mädchen zum Heiraten aussuchen, wie sie sagt.

Als die Zukunft ungewiss war, bat Sadaf den Bundespräsidenten um Hilfe. „Darf ich Sie kurz sprechen?“, sagte sie. Sie habe nicht lange nachgedacht, erzählte sie später, als Joachim Gauck in diesem Sommer das Flüchtlingslager in Marienfelde besuchte, wo sie mit ihrer Familie lebt. Das Staatsoberhaupt war angetreten, um eine Rede über die Geschichte des Lagers für Flüchtlinge aus der DDR zu halten. Er sagte auch aktuelle Sätze wie diesen: „Wer kann es Menschen verdenken, wenn sie vor Elend und Perspektivlosigkeit fliehen, wenn sie sich auf die Suche machen nach einer besseren Zukunft für ihre Kinder?“ Sadaf ist einfach zu ihm gegangen. Vorbei an den Fotografen und den Mitarbeitern seines Protokollstabs. Der Präsident hörte ihr zu. Sie schrieb ihm später einen Brief, auch ihre Klasse, die 5b der Kiepert-Schule in Marienfelde, schickte einen Brief nach Bellevue.

Sadaf ist ein kluges Mädchen – und ein selbstbewusstes. Neulich hat sie ihren Eltern gesagt, dass sie Friseurin werden will. Derzeit richtet Sadaf eine Ausstellung im Jugendmuseum in Schöneberg ein. Zwei kleine Zimmer: Wie sie in Afghanistan gelebt hat und wie sie hier lebt. Weil ein echter afghanischer Teppich zu teuer ist, hat sie einen bei Ikea bestellt, in leuchtendem Blau. „Und ein Bild von Allah hängt in dem Zimmer“, sagt sie. Ein Bild? „Nein, die persischen Schriftzeichen für Allah, ich weiß doch gar nicht, wie der aussieht“, sagt sie. Auch das deutsche Zimmer ist sparsam eingerichtet. Ein Bild von ihr, ohne Kopftuch, und eine Ausgabe des Buches „Die Sonne im Gesicht“ von Deborah Ellis. Darin geht es um ein Mädchen in Afghanistan, das unter den Taliban leidet und flüchten will. Es ist ein bisschen auch Sadafs Geschichte. Nun kann sie darüber lesen, sie muss es nicht mehr erleben. Joachim Gauck antwortete damals der Klasse von Sadaf nach kurzer Zeit, dass seine Mitarbeiter sich nach dem Fall erkundigen würden. Mehr darf ein Präsident nicht tun. Kurz darauf kam ein weiterer Brief aus Bellevue, in dem stand, der „Bundespräsident hat sich sehr gefreut“, dass die Familienmitglieder als Flüchtlinge anerkannt würden. Wenn Sadaf sich auf ihr eigenes Zimmer freut, dann ist das für sie seit mehr als zwei Jahren erstmals der Ausblick auf ein normales Leben. Für ihre Familie ist das neue Leben wie ein Großprojekt mit strengen Regeln. Farsi, ihre Heimatsprache, darf inzwischen in den eigenen vier Wänden nicht mehr gesprochen werden, erzählt Sadaf. Schließlich müssen die Eltern bald einen Job finden, für Erwachsene ist es schwerer, eine neue Sprache zu lernen. In der Küche hängen Zettel mit Vokabeln. Auch die Mutter versteht inzwischen Deutsch, sie achtet darauf, dass ihre drei Kinder keine Schimpfwörter gebrauchen. Und wenn sich die Kinder mal streiten, korrigiert die Mutter: „Das heißt nicht: Geh weg! Es heißt: Bitte, gehe weg!“

Als Schülerin ist Sadaf aufgefallen. Weil sie es innerhalb eines Jahres vom Deutsch-Anfängerkurs über den Fortgeschrittenenkurs in die reguläre 5. Klasse schaffte. „Sadaf entwickelt sich sehr positiv, es fällt kaum noch auf, dass sie diesen besonderen Hintergrund eines Flüchtlings hat“, sagt Romy Wendt, ihre Klassenlehrerin an der Kiepert-Schule, die Sadaf immer unterstützt. Zwar sei deutlich, dass sie auch andere Interessen neben der Schule entwickelt habe. „Aber das ist gesund“, sagt Klassenlehrerin Wendt. Neulich hat ihre Klasse die Ballade „John Maynard“ von Theodor Fontane gelesen und interpretiert. Das sei für alle Schüler fordernd gewesen, aber Sadaf habe in einer Klassenarbeit besser abgeschnitten als einige andere Schüler, die in dieser Sprache aufgewachsen sind. Noch vor rund zwei Jahren konnte Sadaf nur persische Schriftzeichen lesen. Nun schreibt sie Klassenarbeiten über Balladen von Theodor Fontane.

In dem Buch „Die Sonne im Gesicht“, das Sadaf in ihre Ausstellung gelegt hat, steigt die Hauptfigur eines Tages mit ihrem Vater auf einen Lastwagen, sie werden aus dem Land fliehen. Mit ihrer Freundin, die zurückbleiben muss, hat sie sich vorher noch verabredet. 20 Jahre später wollen sie sich auf dem Eiffelturm in Paris treffen. Sadaf kann ihre beste Freundin dagegen oft sehen. Sie muss nur aus ihrem künftigen Stadtteil mit der S-Bahn nach Marienfelde fahren.