Energie

Holz statt Kohle

Vattenfall will 2014 die Erzeugung erneuerbarer Energie in Berlin verdoppeln. Im Kraftwerk Moabit wird Biomasse verbrannt

In Augsburg oder Günzburg sind die Energiekonzerne zögerlich. Sie wissen nicht, ob sich eine Investition in neue Gaskraftwerke angesichts der niedrigen Strompreise und vielfältiger lokaler Widerstände auszahlen wird. In Braunschweig steht ein modernes Gaskraftwerk still. Die Energiewende bremst die Investitionsbereitschaft vieler Stromerzeuger. In Berlin ist die Lage anders. Hier entstehen neue Kraftwerke.

Mit dem Hinweis auf Probleme anderswo untermauert der Berliner Generalbevollmächtigte Alexander Jung das Bekenntnis des schwedischen Staatskonzerns zu Berlin. „Wir sind da und wir bleiben, weil wir investieren“, sagte Jung. Zwei Milliarden Euro fließen bis 2020 in Kraftwerke und Fernwärme. 1,4 Milliarden würde Vattenfall in zehn Jahren ins Stromnetz stecken, wenn man die Konzession im laufenden Vergabeverfahren gegen die landeseigene Berlin Energie und den niederländischen Netzbetreiber Alliander gewinne.

Ein Schwur für weiteres Engagement in Deutschland scheint notwendig, weil immer wieder Gerüchte die Runde machen, die schwedische Politik habe das Interesse an einem Engagement im Ausland verloren, seit Vattenfalls deutsche Atomkraftwerke Probleme machen und die Energiewende die Margen der klassischen Versorger drückt. Gerade erst mussten die Schweden den Wert ihres Kraftwerksparks in ihren Büchern um mehr als drei Milliarden Euro reduzieren. In der Berliner Regierungskoalition gibt es Stimmen, die sich bereits darauf einstellen, Vattenfalls Berliner Erzeugungskapazitäten für Strom und Fernwärme ebenso in Landeshand zu nehmen wie das Stromnetz, das Berlin im Bieterverfahren mit einer kommunalen Gesellschaft von Vattenfall zurückholen will. Jung wehrt jedoch ab. Derzeit gebe es in der schwedischen Politik „keinerlei Diskussionen zur Zukunft von Vattenfall“ und auch keine Verkaufspläne. Aber im Herbst 2014 sind Wahlen in dem skandinavischen Land.

In Berlin hat sich Vattenfall zu Investitionen in den Klimaschutz verpflichtet. In Lichterfelde und Marzahn sind zwei neue Gaskraftwerke im Bau. Die lassen sich anders als Kohlemeiler schnell ein- und ausschalten und können so auf die schwankende Strommenge aus Sonne und Wind reagieren. Für Vattenfall rechnen sich in Berlin solche Anlagen eher als für andere Versorger, weil die Gaskraftwerke nicht nur den unsicheren Strommarkt beliefern, sondern auch die stabil benötigte Wärme für Hunderttausende Berliner Haushalte liefern. „Wir leiden weniger als andere Gaskraftwerke, weil wir Kraft-Wärme-Koppelung machen, das hat wirtschaftliche Vorteile“, sagte Jung. Ein drittes Gaskraftwerk soll bis 2020 an der Rummelsburger Bucht entstehen. Die Pläne, dort Biomasse zu verbrennen, haben die Ingenieure jedoch aufgegeben.

Konzern hält an Plänen fest

Der Bezirk Lichtenberg war dagegen, außerdem rechnen sich nach Konzernangaben reine Biomassekraftwerke unter veränderten rechtlichen Rahmenbedingungen nicht mehr.

Der Konzern hält dennoch an seinen Plänen fest, aus Holz Strom und Wärme zu gewinnen. Berlins ältestes Kohlekraftwerk in Moabit wurde ertüchtigt, um dort ab Januar bis zu 40 Prozent Holzhackschnitzel mit zu verbrennen. Das Landesamt hat die Anlagen abgenommen. Unter anderem entstand ein Förderband vom Westhafen, wo die Schnitzel per Lastkahn ankommen, zum Kraftwerk am Friedrich-Krause-Ufer. Eine alte Generatorhalle wurde als Speicher hergerichtet. Das Volumen ist beträchtlich. Bis zu 300.000 Tonnen des Brennstoffs könnten pro Jahr im Kessel landen. „Aus der Region“ komme das Holz, wie Vattenfall betont. Frühere Pläne, für Klingenberg in Rummelsburg Biomasse aus Westafrika zu beschaffen, hatten heftige Kritik ausgelöst. Bisher habe Berlin 205.000 Megawattstunden aus erneuerbarer Energie gewonnen, rechnet Jung vor. Mit Moabit werde sich diese Zahl auf 400.000 fast verdoppeln. „Damit sind wir mit großem Abstand der größte Produzent von erneuerbarer Energie in der Stadt“, sagte der Generalbevollmächtigte. Der Anteil von Energie aus nachhaltigen Quellen bleibt in Deutschlands Hauptstadt aber immer noch verschwindend gering.

Ehe die Vattenfall-Ingenieure ihr Auge auf ihr ältestes Kraftwerk in Moabit warfen, hatten sie lange im Kraftwerk Reuter an der Mitverbrennung von Holz getüftelt. Spezial-Holzpellets aus Norwegen hatten zufriedenstellende Resultate gebracht. Aber dieser Brennstoff wäre im Großeinsatz nur mit öffentlicher Förderung rentabel. Die Politik wollte sich aber nicht noch eine weitere Millionensubvention für Öko-Energien aufbürden. Weil normale Holzschnitzel in Reuter nicht funktionieren, kommen sie nun im technisch anders ausgelegten Kraftwerk Moabit zum Einsatz, ebenso im neuen Heizkraftwerk Märkisches Viertel.

Aber auch im Kraftwerk Reuter in Ruhleben soll die Energiewende sichtbar werden. Vattenfall beginnt dort im neuen Jahr mit dem Bau eines 45 Meter hohen Tanks, der ab 2016 gut isoliert 60.000 Kubikmeter heißes Wasser speichern soll. So kann das Unternehmen die Produktion von Strom ein Stück von der Erzeugung von Wärme entkoppeln. Vattenfall kann die Leistung der Meiler drosseln, wenn gerade Windstrom im Überfluss ins Netz drängt und der Börsenpreis für Strom gegen null geht. Die Fernwärmekunden bekommen aus dem Speicher dennoch eine warme Wohnung.

45 Blockheizkraftwerke

Solche Speichertechnologien wie die Anfang 2013 in Betrieb gesetzte Zwei-Megawatt-Batterie in Treptow sind nach Ansicht der Vattenfall-Experten unverzichtbar für die Energiewende. Noch wichtiger aber ist nach den Worten Jungs, das Gesamtsystem besser zu steuern sowie dezentrale Produzenten und Verbraucher intelligent zu vernetzen. In Berlin können solche „virtuellen Kraftwerke“ besonders wirksam sein, weil es von beiden Gruppen viele gebe. Allein Vattenfall selbst betreibt inzwischen in der Stadt 45 Blockheizkraftwerke, 2009 waren es erst zwölf.

Mit seinem Bekenntnis zum Standort Berlin und zur Energiewende will Vattenfalls Berlin-Chef Jung das Image des Konzerns aufbessern. Beim Volksentscheid Energie im November, bei dem es auch um die Rekommunalisierung des Stromnetzes ging, war Vattenfall Zielscheibe der Kritiker, obwohl 75 Prozent aller Berliner Stromverbraucher oder 1,6 Millionen Haushalte und Gewerbebetriebe Vattenfalls Kunden sind.

Bestimmte Grundlagen verteidigt Jung jedoch. Die Braunkohle, wie sie Vattenfall in der Lausitz fördert, bleibe für die Versorgung Deutschlands unverzichtbar. „An dieser Faktenlage kommen wir nicht vorbei“, sagte Jung. Ohne Kohle wäre Energie noch teurer. So kann er immerhin eine Teilentwarnung geben. Vattenfall werde die Strompreise zum Jahreswechsel nicht anheben, über die weitere Zukunft könne er nichts sagen. Auch für die Fernwärme geht Jung von stabilen Preisen aus.