Polizei

Der Pfarrer, der mit dem SEK boxt

Reinhard Voigt arbeitet als Seelsorger bei der Berliner Polizei. Er kümmert sich um traumatisierte Beamte und deren Angehörige

Er trägt schwarz, wie alle Pfarrer. Aber keinen Talar, zumindest nicht bei diesem Treffen. Dafür schwarze Jeans, eine schwarze Outdoor-Jacke und eine schwarze Seemannsmütze. Der Händedruck von Polizeipfarrer Reinhard Voigt ist fest, aber die Schulter tut ihm weh. Am Abend zuvor war der 63-Jährige mit den Einsatztrainern und ein paar Männern vom SEK beim Boxen. Wie jede Woche, mindestens einmal. Ein Geistlicher, der in den Ring steigt? „Na klar, der liebe Gott hat doch nicht gesagt, dass man sich auf die Schnauze hauen lassen muss.“ Er lacht dabei, jede seiner Gesten verrät Fröhlichkeit und Zuversicht. Ein Wunder in seinem Job. Ein Muss in seinem Job. Denn Reinhard Voigt wird dann gerufen, wenn die Menschen am Ende sind. Trost brauchen. Weil ihnen Furchtbares widerfahren ist. Sie einen schweren Verlust ertragen müssen. Wenn Polizisten starben oder selbst töten mussten. Alle Berliner Lagedienste haben seine Handynummer. Und sie wird immer gerufen. Er ist sozusagen ein Ein-Mann-SEK. Aber ohne Helm und Schild. Dafür mit Bibel und dem festen Glauben, dass es selbst nach dem Tod weitergeht. „Der Glaube kann helfen. Und ich will helfen“, sagt er entschlossen.

Geboren wurde Reinhard Voigt in Leipzig. Zehn Jahre ging er dort zur Schule, bevor er eine Ausbildung zum Funkmelde-Monteur absolvierte und das Abi auf der Abendschule nachmachte. „Aber in der Kälte auf Baustellen arbeiten und sich den Hintern abfrieren, das war nichts für mich, wenn ich ganz ehrlich bin.“ Er lernte eine junge Frau kennen, die sich in der Kirche engagierte. Und das faszinierte ihn. Dann kam die Pflichtzeit bei der Nationalen Volksarmee, aber der Entschluss, sich an die Seite Gottes zu stellen, ließ ihn nicht los. „Schließlich studierte ich Theologie. Ich war zehn Jahre lang Dorfpfarrer in Possendorf.“ Die Wende näherte sich, die Kirche engagierte sich zunehmend, drei Stasi-Spitzel waren auf ihn angesetzt. Es zog ihn nach Berlin. Dorthin, wo sich der Widerstand organisierte. „Wir haben Klage-Gottesdienste gegen das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens in China und gegen die Wahlfälschungen in der DDR abgehalten.“ Bei einer Großdemo griffen die Mitarbeiter von Stasi-Chef Erich Mielke zu, und Reinhard Voigt verbrachte eine Nacht in Haft. Nach seiner Entlassung rief er trotzdem wieder am 8. November 1989 in die Kirche. 800 Menschen waren da. „Eine Woche darauf stand ich vor zwölf“, sagt er lachend. „Aber das war ja klar. Erst einmal wollten alle in den Westen.“ Freunde drängten ihn, in die Politik zu gehen. Ihn zog es mehr in Richtung Seelsorge. 1998 betrieb Voigt dann in Berlin Lebens- und Krisenberatung im Berliner Dom. „Die Probleme der Menschen waren vielfältig. Arbeitslosigkeit und Lebensprobleme.“ 20 Ehrenamtliche waren aktiv. Dann kam seine persönliche Wende. Die Stelle des Polizeipfarrers war ausgeschrieben. Er bewarb sich auf den letzten Drücker – und wurde genommen. „Es ist eine sogenannte Funktionspfarrstelle. Bezahlt werde ich von der Kirche, die Zeit beträgt jeweils sechs Jahre und wird dann verlängert.“ Gerade zu den „harten“ Männern der Berliner Polizei hat Reinhard Voigt eine enge Bindung. „Am Tag der offenen Tür bei der Berliner Polizei gab es eine Klettervorführung. Da hab ich gefragt, ob ich mal mitmachen kann.“ Es gab abfällige Blicke. Die änderten sich, als sich herausstellte, dass der Geistliche seit einigen Jahren in seiner Freizeit klettert. Seit diesem Tag ist er gewissermaßen als Aus- und Fortbilder regelmäßig mit den Elite-Polizisten und deren Nachwuchs in der sächsischen Schweiz unterwegs.

Einsätze mit tödlichen Folgen

Gerade deswegen wird er diesen Tag im April 2003 nicht vergessen, als er mit den Männern auf dem Boxboden in deren Unterkunft trainierte. „Ich wollte gerade weg, als ich angerufen und gebeten wurde, noch dazubleiben. Etwas Schlimmes sei passiert.“ Wenig später sollte er erfahren, dass das 4. Team des SEK eine Wohnung in Neukölln gestürmt hatte, um einen Messerstecher festzunehmen. Ein Mann, er kannte ihn vom Sehen, war in den Kopf getroffen worden. Roland Krüger war sein Name. Und es war klar, dass er sterben würde. „Ich fuhr mit dem Teamführer und dem Chef der Spezialeinheiten zu seiner Lebensgefährtin. Wir haben ihr die Nachricht überbracht, ich habe sie ins Krankenhaus begleitet.“ Und auch in den drei folgenden Tagen. „Es mag komisch klingen. Aber es war gut, dass er nicht gleich verstarb. Denn so hatte seine Lebensgefährtin wenigstens Zeit, noch Abschied zu nehmen.“ Eine Zeit der Tränen.

Auch unter den SEK-Männern. „Wir haben uns dann auf dem Platz vor der Unterkunft versammelt. Ich habe ihnen gesagt, dass sie sich bewahren sollen, was Bulette ihnen gewesen ist.“ Dann sprach der Pfarrer für sie ein Gebet. Wie erklärt er den Menschen, dass Menschen sterben? Wenn sie fragen, wo Gott war, als es passierte? „Gott kann uns nicht beschützen, nur begleiten. Wir hier unten sind für das verantwortlich, was wir tun. Und wir können mit eben unserem Tun die Welt ein kleines bisschen besser machen, jeden Tag.“

Im März 2006 wurden wieder ein paar Gramm Blei aus einer Pistole abgefeuert. Und auch sie trafen den Kopf eines Polizisten. Uwe Lieschied hieß er. Er hatte einen Handtaschendieb verfolgt. War verhasst bei den Drogendealern, die er in der Hasenheide bekämpfte, um seine kleine Welt etwas besser zu machen. Jeden Tag. Reinhard Voigt war gerade bei seiner Familie in Leipzig zu Besuch, als er davon erfuhr. Fünf Tage später hielt er eine Trauerfeier für den Zivilfahnder ab. 1500 Menschen waren erschienen. „Ich habe damals fast eine Woche lang auf dem Polizeiabschnitt 55 gewohnt, wo die Kollegen trauerten. Jahre später musste ausgerechnet ein Kollege von Uwe Lieschied erneut betreut werden. Denn er hatte einen Mann in Neukölln erschossen. Der kam als Soldat aus Afghanistan zurück, war traumatisiert und richtete im Dunkeln die Waffe auf die Beamten, um erschossen zu werden. „Suicide by cop“, heißt das im Polizeijargon. Die Waffe war nicht geladen.

Mut zusprechen

Leise wird Reinhard Voigt, wenn er von dem Polizisten berichtet, der in seinen Armen geweint hatte. Bitterlich. Dessen Frau Zwillinge bekommen hatte, die nur 15 Minuten lebten. Nicht lebensfähig waren, wie die Ärzte später sagten. „Wie soll man jemandem vermitteln, dass sie nicht lebensfähig waren, wenn die Eltern sie haben schreien hören.“ Voigt hielt den Gottesdienst ab. Es gab nur einen Sarg, nicht zwei. Damit die beiden zusammen sein konnten. Eine Spieluhr wurde aufgezogen und spielte ihr Lied, als sie in die Erde gelassen wurden. Reinhard Voigt nahm das Paar in die Arme. „Das nächste Mal machen wir eine Taufe.“ Die Tochter des Paares ist jetzt acht Jahre alt und gesund.

Viele dieser traurigen Geschichten, die der Polizeipfarrer begleitet und bei denen er nicht schwach sein darf, dringen nicht an die Öffentlichkeit. Wie die eines 61 Jahre alten Bereitschaftspolizisten. Der im Sterben lag, der vom Krebs schwer gezeichnet war und dem die schwere Krankheit sogar die Kraft zum Sprechen genommen hatte. Voigt hielt seine Hand, als der Mann starb. Streichelte sie. „Es war ein schöner Moment. Das hört sich komisch an. Aber ich habe gemerkt, dass es ihm half. Und das bestätigt mich in meiner Arbeit. Die Angst vor dem Tod zu nehmen. Denn es geht auf jeden Fall weiter auf der anderen Seite.“ Davon ist er fest überzeugt.

Und wenn er selbst oben ankommt? „Dann wird der liebe Gott mir sicher für manche meiner Fehler die Ohren lang ziehen und mich in den Ring bitten wollen“, lacht er herzlich. Und was wird er dem Chef sagen, in der dritten Runde? „Mich darüber beklagen, dass er in den Situationen, wo ich ihn gebraucht hätte, nicht da war. Und mich bedanken für all die Momente, wo ich ihn brauchte und ich ihn gespürt habe.“ Er schaut auf seine große Taucheruhr mit dem Berliner Bären und der SEK-Schwinge. Die dürfen eigentlich nur die Kommando-Polizisten tragen. Ihm haben die Jungs eine geschenkt. „Ich muss los“, sagt er fröhlich. „Gleich ist Training. Denn ich halte nicht die andere Wange hin.“