Reportage

Warten auf den Kinderarzt

Die Situation in den Kinderstationen war nicht so schlimm wie erwartet. Aber auch in diesem Jahr gab es großen Andrang

Nadja Letifi ist besorgt: Ihre Tochter Ines ist erst fünf Monate alt und hat Fieber. „Schon gestern war ich hier in der Notaufnahme“, sagt die 32 Jahre alte Mutter aus Reinickendorf, „weil es in meinem Bezirk gar keinen Kindernotdienst gibt. Aber gestern habe ich zwei Stunden umsonst gewartet.“ Am 26. Dezember ist sie noch einmal wiedergekommen und wartet wieder seit zwei Stunden. Neben ihr in der Notaufnahme sitzt eine Mutter mit ihrer zehn Jahre alten Tochter. „Anna hat Ohrenschmerzen“, sagt die Frau, „die wurden über Nacht immer schlimmer, sodass wir lieber zu einem Arzt gehen wollten.“

Die Mütter von Anna und Ines haben sich darauf eingestellt, dass sie rund drei Stunden warten müssen, bis sie mit einem Arzt sprechen können. Das zumindest steht an der Wand auf einer Tafel mit der Beschriftung in drei Sprachen: „Wartezeiten / Bekleme süresi / Waiting times“. Darunter wurde mit schwarzem Filzstift eine große „3“ gemalt.

Drei Stunden seien aber nicht so schlimm, sagt Werner Luck, Chefarzt der Pädiatrie im Virchow-Klinikum. „Vor einem Jahr lagen die Wartezeiten zum Teil bei sechs Stunden.“ Er arbeite seit 21 Jahren hier und eigentlich auch jedes Jahr an Weihnachten. In diesem Jahr sei es ihm zufolge weit weniger akut, das könne aber auch am Wetter liegen. Während es in Zeiten von Kälteeinbrüchen während der Weihnachtszeit normal war, dass 180 Fälle pro Tag behandelt werden wollten, war es in den vergangenen zwei Tagen mit 95 Fällen an Heiligabend und 124 Fällen am 25. Dezember verhältnismäßig ruhig. „Das kann aber nicht nur am milden Wetter liegen, sondern auch an der günstigen Kalenderlage.“ Denn immerhin hatten einige Kinderärzte noch am Montag ihre Praxis wie an einem normalen Arbeitstag geöffnet.

Doch die Notlage der Kindernotdienste ist inzwischen auch Thema in der Berliner Politik. Und Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) hat in diesem Jahr mit einer Reihe von Maßnahmen reagiert. So wurde ein zusätzliches Angebot für akute Krankheitsfälle in Berlin entwickelt: Vier Erste-Hilfe-Stellen der Krankenärztlichen Vereinigung (KV) Berlin wurden weiter geöffnet, und zwar verteilt auf verschiedene Bereiche Berlins – in Lichtenberg, Charlottenburg, Wedding und Tempelhof. Dort bieten niedergelassene Kinderärzte außerhalb der normalen Sprechzeiten der Kinderarztpraxen am Wochenende, an Feiertagen sowie am 24. und 31. Dezember einen Notdienst an.

Regelung auf Bundesebene

Laut der Sprecherin der Gesundheitsverwaltung habe das bereits zu einer Entlastung beigetragen. „Mehr als ein Drittel der normalen Praxen haben geöffnet“, sagte Regina Kneiding am Donnerstag der Berliner Morgenpost. „Aber Senator Czaja will auch weiterhin Gespräche zwischen der KV und den Kliniken moderieren, um zu einer besseren Lösung zu kommen.“ Dafür solle das Programm der Einbeziehung der niedergelassenen Ärzte in die Dienstpläne der Rettungsstellen ausgebaut werden. Laut Czaja müsse dabei das Problem der unterschiedlichen Vergütung der niedergelassenen und stationären Ärzte gelöst werden. Deshalb strebe er eine Änderung der Regelung auf Bundesebene an.

Auch in den vier Erste-Hilfe-Stellen der KV herrschte am Feiertag großer Andrang. „Bei uns ist an Feiertagen generell immer viel zu tun“, sagt eine Krankenschwester vom Sana-Klinikum in Lichtenberg. Genauere Angaben wollte sie nicht machen, sagte jedoch, dass es in diesem Jahr nicht weniger war als 2012. Als etwas weniger anstrengend bezeichnete eine Kollegin vom DRK-Klinikum in Charlottenburg die Feiertage in diesem Jahr. „Wir hatten bisher rund 50 Fälle in acht Stunden“, sagte eine Schwester am Donnerstag, am Mittwoch sei viel mehr los gewesen.

„Die Vergütung für niedergelassene Ärzte, die im Krankenhaus helfen“, so Werner Luck von der Charité, „liegt bei uns bei rund 80 Euro in der Stunde und ist damit sehr gut.“ Er könne nicht verstehen, dass niedergelassene Ärzte nicht stärker einbezogen werden. In anderen Bundesländern im Süden Deutschlands oder in Bremen klappe das besser. Die Kliniken würden aber bei der Finanzierung gegenüber den niedergelassenen Kinderärzten benachteiligt. Für ein Kind in der Rettungsstelle bekommen Krankenhäuser etwa 18 Euro, hieß es, eine Kinderarztpraxis rechne 55 Euro bei den Krankenkassen ab. Die Folgen dieses Problems, lange Wartezeiten, müssten dann die Eltern aushalten.

Nadja Letifis Tochter Ines konnte am Donnerstag bereits nach etwas mehr als zwei Stunden behandelt werden. In dieser Wartezeit aber hatte sich die Zahl der Eltern und Kinder im Zimmer nahezu verdoppelt. „Je mehr Kinder im Wartezimmer sitzen“, sagt Chefarzt Werner Luck, „desto unruhiger wird die Gesamtsituation.“ Noch dazu seien viele Mitarbeiter in Erste-Hilfe-Stationen junge Ärzte oder Auszubildende, die noch nicht über langjährige Erfahrung verfügen. Andererseits wurde der Dienstplan in der Charité aufgrund der Erfahrungen vom vergangenen Jahr auch angepasst.

Es könnten also viele Faktoren sein, die in diesem Jahr das große Chaos in den Kindernotstationen verhindert haben – vielleicht war es auch einfach das milde Wetter.