Stilfrage

Irrtum Einheitsgröße

Cordula Schmitz über modische Gründe und Sünde

Immer mehr Unternehmen, die Kleidungsstücke produzieren, sind dem „One-size-fits-all“-Wahn verfallen. Dieses Phänomen greift um sich wie eine schlimme Erkältung im Aufzug. Wo man sich früher nur Sorgen um seine Kopfgröße machen musste, wenn man eine Mütze kaufen wollte, ist der Einheitsgrößen-Wahnsinn nun tatsächlich auch auf T-Shirts, Kleider und Oversized-Pullover übergesprungen. Was soll das überhaupt sein, eine „One-Size“-Größe? Eine, die ALLEN passen soll? Wie kommt man denn auf so eine völlig abwegige Idee? Was für Schals, Mützen oder Haargummis gilt, kann doch nicht für Kleidung gelten. Folgende Geschichte könnte eine Erklärung sein: Eine Bekannte erzählte mir von mehreren Vorfällen bei einer bekannten spanischen Bekleidungskette im vergangenen Jahr. Dort war vermutlich eine Etikettiermaschine über Wochen Amok gelaufen und hatte eine Menge Kleidungsstücke falsch ausgewiesen. „M“ war „XS“, „L“ wurde zu „M“. Die Folgen sollen grauenhaft gewesen sein: Tränen in der Umkleidekabine und Wutanfälle bei einigen Kundinnen. Angeblich sollen auch zahlreiche Facebook-Selbsthilfe-Gruppen gegründet worden sein, in denen Fotos gepostet wurden mit dem Tenor „Sind meine Arme über Nacht wirklich dreimal so dick geworden? Bitte antwortet mir ehrlich.“ Das ist doch schrecklich. Mal ganz davon abgesehen, dass wir Frauen öfter mal ein Buch von Simone de Beauvoir lesen sollten, als wegen solcher Dinge schlecht drauf zu kommen, dies könnte einer der Gründe für die One-Size-Schwemme sein. Wollte diese Bekleidungskette uns nur etwas Gutes tun und uns von der Größen-Sklaverei befreien? Da kann ich an dieser Stelle nur sagen: Nein, danke! Wir Frauen sehen weder alle wie Emma Watson noch wie Monica Bellucci aus. Es gibt da eine deutlich größere Varianz. Von unserem Innenleben gar nicht zu reden. Und Einheitsgrößen kommen meist nur in seltsamen Staatsformen wie dem Kommunismus vor. Da müssen dann oft auch alle den gleichen Stoff tragen. Das hat nichts mehr mit Mode zu tun. Viele dieser „Einheits“-Regimes sind mit wilden Revolutionen untergegangen. Wütende Frauen waren immer ein Teil davon. Das will man nicht vor dem Laden.