Gewalt

Konfrontation am Flüchtlingsheim

Bei einer Messerstecherei in Kreuzberg wird ein Angolaner verletzt. Die Polizei will den Täter festnehmen. Da eskaliert die Situation

Der Einsatzleiter kommt kaum zu Wort. Immer wieder fallen ihm die Demonstranten ins Wort, versuchen, den Mann zu provozieren. Man sieht dem Einsatzleiter an, wie sehr er um seine Beherrschung kämpft. Er schließt immer wieder sekundenlang die Augen, wie um sich zu konzentrieren, und will erzählen, dass im Haus die Identitäten derer überprüft wurden, die ins Täterprofil passen. Nur von denen ohne deutschen Pass, wirft jemand ein. „Scheiß-Faschisten“, ruft einer aus dem Hintergrund. Der Einsatzleiter steht an der Absperrung der Polizei in der Ohlauer Straße, es ist weit nach Mitternacht. „Ich geb Ihnen ja gern Informationen, aber Sie müssen mich mal ausr...“, sagt der Polizist in Richtung der Demonstranten. Doch da fällt ihm schon der Nächste ins Wort.

„Wir mussten von einer Bedrohungslage ausgehen“, setzt der Einsatzleiter erneut an. „Es bestand die Gefahr, dass eine Person mit einem Messer im Haus noch weitere Personen verletzt.“ Die Polizei schlage im Haus die Leute zusammen, brüllt einer aus der Menge. Der Einsatzleiter geht darauf nicht ein, versucht vielmehr, die Situation zu beruhigen. Im Haus habe Sicherheit hergestellt werden müssen, erklärt er, auch wegen der Kinder, die dort wohnen. „Die Bedrohung seid ihr, Mann!“, ruft ein anderer Demonstrant. Eine Frau will wissen, warum ein Täter mit Dutzenden Polizeibeamten in voller Montur und Hunden gesucht werden müsse. Die Situation im Haus sei „nicht gut“, sagt eine Frau und verweist auf Telefonkontakt mit Bewohnern. Doch zu Details des noch laufenden Einsatzes will der Einsatzleiter nun nichts mehr sagen.

Die kurze Szene aus der Nacht macht deutlich, wie angespannt und unübersichtlich die Lage war, als es nach 22 Uhr am Montagabend zu einem Polizeigroßeinsatz an der von Flüchtlingen besetzten Schule in Kreuzberg kam. Anlass war eine Messerstecherei an der Straßenkreuzung Ohlauer Straße Ecke Reichenberger Straße unweit der ehemaligen Gerhart-Hauptmann-Schule.

Nach bisherigen Ermittlungen soll es gegen 22 Uhr dort zu einem Streit zwischen fünf Personen gekommen sein. Einer der Beteiligten, ein 39 Jahre alter Mann aus Angola, wurde mit Messerstichen schwer verletzt. Die anderen Beteiligten sollen laut Polizei daraufhin in die Flüchtlingsunterkunft gelaufen sein. Rettungskräfte brachten den Schwerverletzten in ein Krankenhaus.

SEK im Einsatz

Die Polizei drang daraufhin sofort auf der Suche nach den Beteiligten in das Schulgebäude ein, in dem die Flüchtlinge seit Monaten Unterkunft finden. Es habe die Befürchtung bestanden, dass die Auseinandersetzung dort fortgeführt werden könnte, hieß es zur Begründung. Auch ein Spezialeinsatzkommando (SEK) wurde zur Unterstützung hinzugerufen. Vor der Schule wurde ein massives Polizeiaufgebot zusammengezogen. 150 Kräfte waren im Einsatz. Damit reagierte die Polizei ähnlich wie vor gut einem Monat, als es ebenfalls nach einer Messerstecherei an der Schule zu einem Großeinsatz kam. Damals konnte die Polizei erst zwei Wochen später einen 18 Jahre alten Tatverdächtigen festnehmen, der einen anderen Bewohner der Schule hinterrücks mit dem Messer angegriffen haben soll.

In der Nacht zu Dienstag wiederum wurde ein Tatverdächtiger noch vor Ort festgenommen. Während des Einsatzes in der Schule, so heißt es im Polizeibericht, sei ein 23-Jähriger mit lebensbedrohlichen Schnittverletzungen gefunden und ins Krankenhaus gebracht worden. Im Zuge der weiteren Ermittlungen habe sich dann ein Tatverdacht gegen den 23-Jährigen selbst ergeben, hieß es. Woher er die Verletzungen hatte, sei noch unklar, so die Polizei am Dienstag.

Die 5. Mordkommission des Landeskriminalamts hat wegen versuchten Totschlags die Ermittlungen übernommen. Polizeihunde wurden zur Suche nach der Tatwaffe auf dem Schulgelände eingesetzt. Die Polizei stellte später ein Messer als mögliches Tatwerkzeug sowie Blutspuren auf dem Gelände sicher.

Während des Polizeieinsatzes fand sich schnell eine Gruppe von Anwohnern und Unterstützern der Flüchtlingsproteste ein, die schließlich auf bis zu 100 Personen anwuchs. Die Versammelten kritisierten in Sprechchören den Einsatz. Augenscheinlich nahmen viele der Demonstranten fälschlicherweise an, die Schule solle geräumt werden. Den Erklärungen des Einsatzleiters wurde zunächst offenbar kein Glauben geschenkt. Auch Bezirksstadtrat Hans Panhoff (Grüne), der sich in der Nacht ein Bild von der Lage machte, bemühte sich vergeblich um eine Vermittlung zwischen Polizei und Demonstranten.

Unterdessen hat der Senat angekündigt, im Streit über das Flüchtlingslager auf dem Kreuzberger Oranienplatz nun Stück für Stück die Initiative an sich zu ziehen. Innensenator Frank Henkel (CDU) forderte am Dienstag die Bürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, Monika Herrmann (Grüne), schriftlich zu einer Stellungnahme auf, ob sie die „rechtswidrigen Zustände“ abgestellt habe. Henkel will damit formell einen Prozess in Gang setzen, an dessen Ende der Senat Mitte Januar selbst eingreifen und das Zeltlager durch die Polizei räumen lassen könnte. „Der Senat kann nicht tatenlos zusehen, wenn Recht gebrochen wird“, sagte Henkel.