Zwischenmenschlich

Die eigene Stadt, eine fremde Welt

Jule Bleyer begegnet dem Berliner Stadtleben

„Bleibt alles anders“, sang Herbert Grönemeyer, und dieser einprägsame seiner vorgenuschelten Texte wurde schon viel zu oft zitiert. Aber der Mann hat halt recht. Ist er doch selbst ein Unsteter: als leicht biederer Mucker, der oft auf Tour war, und auch lebenslauftechnisch. Geboren in Göttingen, aufgewachsen in Du-bist-keine-Weltstadt-Bochum, heute meist wohnhaft in London. Doch nach dem Mauerfall, da kaufte sich der Musiker ein Haus in der Doch-auch-Weltstadt Berlin. So sind sie eben, die Nicht-Berliner: Sie kommen und gehen, bleiben ein paar Jahre, vielleicht ein paar Monate, ziehen wieder weg, haben aber immer noch einen Koffer in der Stadt oder ein Bein, einen alten Schulfreund oder zumindest eine Affäre. Für Zugezogene ist Berlin schlimmer als jeder Flughafen zur Sommerferienzeit, die Stadt ist ein Transit. Kein Wunder, dass man in dem gleichnamigen Restaurant in Mitte so gut wie nie einen Platz bekommt, selbst wenn man reserviert, bekommt man nur einen Zeitslot von einer Stunde. Nach einem Teller Reisbandnudeln mit frittiertem Tofu zieht man weiter.

Allein von meinen Freunden sind in den vergangenen eineinhalb Jahren vier aus Berlin weggegangen, aus meinem Bekanntenkreis waren es gut zwei Dutzend, eine Freundin bewirbt sich gerade woanders, ein weiterer Freund ist gerade zurückgekommen. Ich selbst war ein Jahr in Berlin, ein Jahr weg, dann wieder da – und wohne in der Wohnung einer Bekannten, die jetzt grad mal in einer anderen Stadt lebt.

Dabei reicht es doch, wenn man innerhalb Berlins umzieht. Von Ost nach West zum Beispiel. Dann steigt man dort aus dem U-Bahn-Schacht und hat das Gefühl, in einer anderen Stadt rausgekommen zu sein. Die Straßen sehen anders aus, die Geschäfte, die Straßenlaternen, es riecht anders, die Menschen bewegen sich mit anderer Geschwindigkeit. Denn in Berlin kann man Jahre verbringen, ohne die Hälfte der Bezirke jemals betreten zu haben. Und manchmal ziehen Menschen weg, ohne überhaupt richtig in Berlin gewesen zu sein. Deshalb: Ziehen Sie durch die Stadt! Fahren Sie mal in die andere Richtung, steigen Sie auf der gegenüberliegenden Seite aus, sehen Sie die Stadt verkehrt herum – und verlieben Sie sich neu. Berlin mag ein Durchgang sein, doch solange man hier ist, ist es der Mittelpunkt der Welt. Und wir werden bleiben, nur anders.