Berliner helfen

Weihnachtswunsch: Eine Rodelbahn für Blinde

Schöne Bescherung: Blindenhilfswerk in Steglitz braucht Spenden zur Sanierung der Sportanlagen

An eine Sportstunde in seiner Kindheit kann sich Thomas Schmidt noch gut erinnern. „Ihr könnt nicht jede Sportart treiben: Basketball oder Volleyball kommen für Euch nicht in Frage“, hatte der Sportlehrer zu seinen Schülern, die alle blind oder stark sehbehindert waren, gesagt. „Aber Schlittschuhlaufen, Judo, Kugelstoßen oder Weitsprung – warum nicht? Das alles solltet ihr ruhig ausprobieren!“ Und dann war noch das Springseil, das der Lehrer seinen Schülern zu Beginn jeder Sportstunde in die Hand drückte. „Hundert Mal sollten wir – als Aufwärmübung – übers Seil springen“, erinnert sich Thomas Schmidt. „Das ist alles andere als einfach, wenn man nichts sieht. Erstmal schlägt das Seil immer wieder an die Schuhe, aber irgendwann kann man die Geschwindigkeit einschätzen und dann geht es.“ So ähnlich hat es auch mit dem Weitsprung funktioniert. Immer wieder ist er als Schüler die Strecke abgelaufen und hat sich bemüht, dass seine Schritte dabei exakt die selbe Länge haben. Irgendwann kannte er den Punkt, an dem er abspringen musste.

„Sport ist sehr wichtig für uns Blinde. Er schult Koordination und den Gleichgewichtssinn und hilft uns damit, besser im Alltag zurechtzukommen“, sagt Thomas Schmidt, der blind zur Welt gekommen ist. „Außerdem gibt es beim Sport diese Momente, in denen man die Behinderung komplett vergisst.“ Dass blinde und sehbehinderte Kinder trotz aller Schwierigkeiten und Hindernisse Sport treiben können, ist ihm eine Herzensangelegenheit. Im Blindenhilfswerk ist er in den Bereichen Öffentlichkeitsarbeit und Marketing tätig. Eins der Projekte, an denen Thomas Schmidt derzeit engagiert arbeitet, ist der Ausbau der Sportanlage des Blindenhilfswerks Berlin in Steglitz.

Der Verein ist bereits seit mehr als 125 Jahren auf einem weiträumigen Gelände in der Nähe des Kreisels untergebracht. Hier gibt es Wohnanlagen, eine Werkstatt, Räume für Zusammenkünfte und ein Ladengeschäft, in dem Körbe, Bürsten und Möbel aus eigener Fertigung verkauft werden. Nebenan befindet sich die Johann-August-Zeune-Schule, die blinde und sehbehinderte Grund- und Oberschüler besuchen. Auch am nahe gelegenen Fichtenberg-Gymnasium werden Blinde unterrichtet. In den letzten Jahren war die Sportanlage des Blindenhilfswerks auch eine Begegnungsstätte für blinde und sehende Kinder und Jugendliche. Schulklassen wurden regelmäßig eingeladen. Mithilfe sogenannter Dunkelbrillen machten sehende Schüler die Erfahrung, sich vor allem mit ihrem Gehör- und Tastsinn in der Welt zurechtzufinden. Doch die Jahrzehnte intensiver Nutzung haben ihre Spuren hinterlassen: Die Sportanlage ist in einem desolaten Zustand und muss nach und nach erneuert werden.

„Über unsere neue Laufbahn, die im Oktober fertig gestellt wurde, sind wir schon mal sehr glücklich“, sagt Thomas Schmidt und führt zu einem Oval, das inmitten einer Rasenfläche liegt. Der Bodenbelag ist eine Mischung aus Steinen und Gummi, die beim Laufen ein wenig federt. Der Belag ist braun, damit er sich optisch von der grünen Wiese abhebt und von denjenigen Sehbehinderten erkannt werden kann, die noch in der Lage sind, hell und dunkel zu unterscheiden. An den Seiten ist die Bahn mit Steinen eingefasst. Die flache Mauer gibt, wenn der Blindenstock dagegen schlägt, Orientierung. Bewohner und Schüler joggen oder walken auf der Bahn. Ältere Bewohner der Anlage nutzen das Laufoval für Spaziergänge.

„Die Mobilität bei blinden Menschen ist ein riesiges Problem“, seufzt Thomas Schmidt. Der Mitarbeiter des Blindenhilfswerks ist im Gegensatz zu vielen anderen Blinden häufig alleine in seinem Wohnviertel unterwegs. Das liegt nicht zuletzt daran, dass seine Frau sehen kann und ihn begleitet, und er so Teile des Bezirks gut kennengelernt hat. Doch einmal quer durch die Stadt an den Alexanderplatz zu fahren, das wäre auch ihm zu unsicher.

Viele blinde und sehbehinderte Menschen trauen sich kaum, ihr gewohntes Umfeld zu verlassen und bewegen sich deshalb viel zu wenig. Ein Ausflug in den nächst gelegenen Park, für Sehende keine große Sache, ist für sie mit großen Unsicherheiten und Ängsten verbunden. Umso wichtiger sei es, dass Kinder und Jugendliche von Anfang an Möglichkeiten haben, in ihrer Freizeit körperlich aktiv zu sein.

Neuer Handlauf

Direkt neben dem Laufoval befindet sich eine alte Rodelbahn. „Sie ist viel steiler, als man glauben mag. Man saust da mit ordentlichem Tempo runter“, weiß Thomas Schmidt zu berichten. Als Grundschüler in den 70er Jahren ist er mit seinem Schlitten den Abhang begeistert hinuntergerutscht, auch mit seinen Kindern war er hier bereits rodeln. Doch mittlerweile ist der Boden der Rodelbahn von Unkraut und Wurzeln durchdrungen, so dass sie jetzt ziemlich holperig ist und unbedingt von einer Gartenfirma überarbeitet werden muss. Würde man lediglich das Unkraut auf der Bahn entfernen, dann wäre der Boden zu locker und hätte keinen Halt mehr.

Am Rand der Rodelbahn verläuft außerdem ein Handlauf, der blinde Kinder und Erwachsene sicher auf den kleinen Abhang führt. Er ist mittlerweile durchgerostet und muss dringend erneut werden. „Ein weiterer Handlauf oben auf dem Plateau wäre ebenfalls wichtig. Es ist ganz schön abenteuerlich, wenn man sich als Blinder dort auf den eisigen Flächen bewegt – ohne dass man sich irgendwo festhalten kann“, erklärt Thomas Schmidt.

Geplant ist auch ein Outdoor-Fitnessplatz, an denen die Kinder und Jugendlichen, aber auch Erwachsene Kraft- und Herz-Kreislauf-Training absolvieren könnten. Doch das ist alles noch Zukunftsmusik. Die Renovierung der Sportanlagen wird hauptsächlich durch Spenden finanziert und kommt nur zögerlich voran. Als nächstes soll die Rodelbahn saniert werden – ein wenig Schneespaß muss einfach sein.