Berlin-Trend

Mehrheit der Berliner hat Verständnis für Flüchtlingsprotest

Eine Mehrheit der Berliner kann nachvollziehen, warum die Flüchtlinge und ihre Unterstützer weiter auf dem Oranienplatz in Kreuzberg ausharren, um für eine Liberalisierung des Asylrechts in Deutschland und gegen die Residenzpflicht für Flüchtlinge zu demonstrieren.

53 Prozent der Bürger haben Verständnis für die Flüchtlinge. 40 Prozent gaben an, kein Verständnis zu haben. Das Thema polarisiert und interessiert. Nur sieben Prozent der 1000 wahlberechtigten Berliner, die Infratest Dimap für den Berlin-Trend der Berliner Morgenpost und der RBB-„Abendschau“ befragte, gaben an, keine Meinung zu haben.

Die Jungen zeigen sich dabei deutlich toleranter gegenüber dem seit Monaten umstrittenen Protestcamp als die älteren Berliner. Zwei Drittel der 18- bis 24-Jährigen haben Verständnis für das Verhalten der Asylbewerber. Nur in der Altersgruppe 60 plus überwiegt das Unverständnis über die anhaltende Protestform auf dem Platz. 53 Prozent der über 60 Jahre alten Berliner haben kein Verständnis dafür, 39 Prozent sind anderer Ansicht. Insgesamt sind Frauen deutlich toleranter als Männer. Die weiblichen Befragten sprachen sich zu 57 Prozent für die Flüchtlinge aus. Nur etwas mehr als ein Drittel der Berlinerinnen (36 Prozent) hat kein Verständnis, was man auch als Zustimmung für eine Räumung des Platzes deuten könnte. Innensenator Frank Henkel (CDU) hatte den Flüchtlingen ein Ultimatum gestellt, die Frist aber inzwischen bis ins kommende Jahr verlängert. Die männlichen Befragten sind zwar auch in der Mehrheit für Toleranz im Umgang mit den Flüchtlingen. Die Differenz fällt aber mit 49 zu 45 Prozent deutlich kleiner aus als bei den Frauen.

In den politischen Lagern ist das Bild eindeutig. Alle sind in der Mehrheit verständnisvoll, außer die Anhänger der CDU. 55 Prozent der Wähler Frank Henkels sind mit ihrer Geduld, was die Zustände am Oranienplatz angeht, am Ende. Aber auch im Unionslager gibt es mit 38 Prozent eine starke Minderheit, die noch Verständnis für das Ausharren der Flüchtlinge in den zugigen Zelten aufbringt. Der politische Gegenpol zur Union sind die Grünen. Vier von fünf (83 Prozent) der Menschen, die mit der Partei der Friedrichshain-Kreuzberger Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann sympathisieren, zeigen Verständnis für die Flüchtlinge. Nur 15 Prozent im Grünen-Lager würden anders entscheiden als die Bezirksbürgermeisterin, die das Camp weiter tolerieren will und die Bewohner zur allmählichen Aufgabe überreden möchte. Unter SPD-Wählern zeigen 58, unter Linke-Anhängern 62 Prozent Verständnis für die Flüchtlinge. Herrmann sagte Radio Energy, sie befürchte eine gewalttätige Auseinandersetzung, wenn die Polizei das Flüchtlingscamp am Oranienplatz im Januar räumen sollte. Verantwortlich dafür sei Innensenator Frank Henkel (CDU) mit seinem Ultimatum: „Herr Henkel hat einen Fehdehandschuh geschmissen – und die andere Seite hat den aufgenommen.“

Am Sonntag ist bereits eine Demonstration gegen die Räumung mit Start am Oranienplatz und Ziel Rotes Rathaus geplant. Am Montag wollen die Protestierer sich vor dem Sitz des Innensenators versammeln. Caritas-Verband und Diakonisches Werk haben für kommenden Donnerstag zu einem Runden Tisch zu Fragen von Flüchtlingen eingeladen. Der Innensenator hatte es abgelehnt, daran teilzunehmen.