Job

Die Verschiebung der Prioritäten

Mehr als 500.000 Menschen im Alter zwischen 30 und 40 Jahren leben in Berlin.

Angeblich verlangen viele von ihnen eine neue Arbeitswelt – bevorzugen flache Hierarchien und wollen neben einem erfüllenden Job vor allem Zeit für Familie und Freunde. Wir haben einige von ihnen gefragt, was ihre Generation prägt und was ihnen ganz persönlich wichtig ist.

„Mir macht die Arbeit Spaß – und solange sie mir Spaß macht, arbeite ich gern und viel.“ Solange sie Spaß macht: Mit dieser Einstellung spricht Judith Scholz, 32 Jahre alt und Steuerberaterin bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) in Spandau, ihrer Generation scheinbar aus dem Herzen. Die Zeiten, in denen Mitarbeiter von der Ausbildung bis zur Rente ihr ganzes Arbeitsleben loyal bei einem Arbeitgeber verbrachten, sind längst Geschichte. Wie das Berliner Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung herausfand, bleiben junge Arbeitnehmer im Schnitt nur noch 18 Monate im Job, bevor sie zum nächsten Arbeitgeber wechseln. Gerade am Anfang des Berufslebens sind viele noch auf der Suche nach dem für sie richtigen und besten Weg.

Und so merkt man auch im Gespräch mit Judith Scholz, dass Geld für sie nicht Antriebsfeder Nummer eins ist. „Wenn die Arbeit keinen Spaß macht, dann kann das Gehalt gar nicht hoch genug sein, um das auszugleichen. Schließlich ist die Arbeit ein wichtiger Teil meines Lebens“, sagt sie. Aber woran liegt es, dass Geld für die Generation der 30-Jährigen nicht mehr diese Bedeutung hat?

Die Arbeitswelt hat einen anderen Stellenwert bekommen. Es gibt auch noch ein Leben daneben. Es ist die erste Generation, in der auch die Väter in den Genuss von Elternzeit kommen. Auch sie können dank Elterngeld vom Staat eine Pause im Berufsleben machen, um sich um ihre junge Familie zu kümmern. Diese finanziellen Möglichkeiten verschieben die Prioritäten. Bei vielen Menschen um die 30 ist Karriere nicht abhängig von Statussymbolen wie Dienstwagen. Ein Berliner Personalberater berichtet davon, dass in Vorstellungsgesprächen häufig die Frage nach einem Dienstwagen gar nicht mehr gestellt wird. Wer in Prenzlauer Berg oder Friedrichshain wohnt, nutzt lieber den öffentlichen Nahverkehr, statt abends auf Parkplatzsuche gehen zu müssen. Bei Einstellungsgesprächen geht es dann auch häufig um einen Zeitausgleich für arbeitsintensive Phasen, berichtet der Headhunter. Die persönliche Entwicklung, nicht nur die berufliche, steht bei vielen Menschen zwischen 30 und 40 Jahren im Mittelpunkt. Zu diesem Ergebnis kommt auch eine Studie des Berliner Instituts trendence. Zum Beispiel bei den Nachwuchsjuristen: In diesem Berufszweig wollen viele junge Menschen nicht mehr am Anfang ihrer Karriere 50, 60 Stunden in der Woche arbeiten. Stattdessen kommt offenbar für viele Juristen auch eine vermeintlich langweiligere Karriere im öffentlichen Dienst infrage – eben um mehr Zeit für Freizeit und Familie zu haben.

Bei Christoph und Janice Klein aus Bohnsdorf ist es wichtig, Job und Familie unter einen Hut zu bringen. Das Ehepaar wohnt mit seinen drei Kindern im Südosten Berlins, Christoph Klein kann seine Zahnarztpraxis zu Fuß in wenigen Minuten erreichen. Ein Ausgleich zwischen Privat- und Berufsleben, die Work-Life-Balance, wie es Arbeitsforscher ausdrücken, spielt eine große Rolle – auch bei Menschen, die an das berufliche Vorankommen denken.

So wie bei Anna Plagens. Seit April betreibt die 32-jährige Konditorin mit Meisterbrief ihren eigenen Laden an der Brunnenstraße in Mitte. Zuvor war sie in Paris und Wien, hat in Restaurants und einer klassischen Patisserie gearbeitet. Immer war sie dabei auf der Suche nach neuen Herausforderungen. „Nach zwei Jahren in einer klassischen Konditorei in Wien wurde es mir dort in beruflicher Perspektive langweilig“, so die Konditorin. Sie sei deswegen nach Frankreich gegangen. „Eigentlich wollte ich dort zwei Jahre bleiben. Aber mir wurden dann schnell unglaublich gute Jobs in der Produktentwicklung angeboten. So war ich insgesamt fünf Jahre in Frankreich.“ Doch dann wollte sie etwas Eigenes aufbauen. Nun gehört sie zu den von der Handwerkskammer gerade mit einem Meisterbrief geehrten Konditoren.