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„Leistungsträger werden stark nachgefragt sein“

Interview mit Hans-Peter Müller, Lehrstuhlinhaber für Allgemeine Soziologie an der Humboldt-Universität Berlin

Professor Hans-Peter Müller lehrt an der Humboldt-Universität (HU) Soziologie. Mit ihm sprach Thorsten Briele.

Berliner Morgenpost:

Was macht eine Generation aus?

Hans-Peter Müller:

Die Basis sind gemeinsame Erfahrungen, die man in einem Alter so etwa um die 20 bis 30 macht. Sind diese Erfahrungen stark genug, prägen sie das Bewusstsein und die Identität einer ganzen Generation. Nehmen sie zum Beispiel die 68er: Damals gab es große politische Kontroversen und eine starke Auseinandersetzung mit politischen Themen. Die typischen Vertreter dieser Generation waren und sind auch heute noch sehr politisch. Solche prägenden Erfahrungen sind aber nicht auf das Politische beschränkt, sondern können jeden Bereich betreffen. Heute spielen politische Auseinandersetzungen für die Prägung einer Generation eine untergeordnete Rolle.

Wodurch ist die Generation der heute 30- bis 40-Jährigen denn sonst geprägt?

Grundlegend für diese Generation ist der Siegeszug des globalen Finanzmarktkapitalismus. Die konkurrenzbetonte Leistungsgesellschaft ist die gemeinsame, prägende Erfahrung. Das Ende des Ost-West–Konfliktes hat auch die Systemkonkurrenz beendet. Es gibt keine politischen Visionen mehr, kaum wirklichen politischen Protest. Anstatt dessen wird die angebliche Alternativlosigkeit der Politik akzeptiert. Die Globalisierung hat die Gesellschaft auf diese Weise komplett durchdrungen. Diese Generation der 30- bis 40-Jährigen steht unter einem enormen Konkurrenz- und Bildungsdruck. Ohne Bildung brauch man am Arbeitsmarkt gar nicht anzutreten.

Was hat das für Konsequenzen?

Das System von Angebot und Nachfrage wird mittlerweile weitestgehend akzeptiert – mit all seinen Konsequenzen. Dem Druck auf dem Arbeitsmarkt sind viele Studierende mit einem straff organisierten Studium begegnet und tun dies noch immer. Auslandsaufenthalte, drei bis vier Sprachen, mehrere Praktika – und über schlecht oder überhaupt nicht bezahlte Praktika oder Nebenjobs beklagt sich schon seit Jahren kaum noch einer. Außerdem hat sich das Geschlechterverhältnis beträchtlich geändert. Das Modell mit zwei Verdienern hat sich durchgesetzt. Viele Frauen machen erst Karriere und denken dann an die Familienplanung. Deshalb gibt es in Deutschland auch so wenige Kinder. Aber zumindest auf dem Arbeitsmarkt lässt sich aktuell eine starke Veränderung beobachten.

Welche?

Ab 2016 gehen die geburtenstarken Jahrgänge in Rente. Dann entspannt sich der deutsche Arbeitsmarkt merklich, und die Angebot/Nachfrage-Logik dreht sich zu Gunsten der gut Ausgebildeten. Die sogenannten Leistungsträger oder High Performer werden dann stark nachgefragt sein, und viele wissen das auch. Deshalb ist jetzt oft von der sogenannten Generation Y die Rede. Dass denen eine gute Work-Life-Balance wichtig ist, ist richtig. Das liegt aber weniger an einer generell neuen Einstellung oder einer komplett neuen Generation, sondern ist vielmehr Konsequenz der akzeptierten Logik von Angebot und Nachfrage. Nach dem Motto: Wenn mich viele Arbeitgeber wollen, dann müssen sie mir was bieten. Dieser Sichtweise auf eine neue Generation, der geregelte Arbeitszeiten wichtiger sind als die Karriere, steht jedoch die Lage eines großen Teils der Bevölkerung gegenüber, nämlich die der Geringqualifizierten. Sie können sich den Job nicht aussuchen, sondern müssen die ganze Härte der Weltmarktkonkurrenz aushalten.