Serie: Weihnachtsplaner

Lichtgestalt selbst gemacht

Ob Kerzenziehen oder Sternebasteln: Werkeln und Formen entspannt vom Weihnachtsstress. Am Ende hat man noch ein paar persönliche Geschenke zusätzlich

Es ist ein uralter Brauch. Und ein uraltes Handwerk. Unzählige warm-leuchtende Flämmchen erhellen Jahr für Jahr tiefste, dunkelste Winternächte, lassen Kinderaugen glänzen. Doch wie entsteht das duftende Wachs-Licht? Die kleinen Magier in der Kerzenwerkstatt „Feuer und Flamme“ wissen es. Gedämpftes Stimmengewirr, dazwischen fröhliches Lachen im freundlich-vertrauten und zugleich funktionalen Raum an der Chodowieckistraße 2. Flinke Füße huschen elfengleich zwischen zwölf großen blauen Fässern voller farbigem Wachs, eifrige, geschickte Kinderhände werkeln und formen.

„Die Vorweihnachtszeit ist bei uns traditionell Hochsaison“, sagt Inhaber Michael Friedl. Vier Schulklassen sind am Vormittag bei ihm gewesen. Der Nachmittag gehört Familien. Drei Mütter mit Kindern sind – vorsorglich angemeldet – gerade am Werk. Rastlos schaut Friedl nach dem Rechten. „Hast Du genau auf die Zeit aufgepasst?“, mahnt er die kleine Sophie, die zum ersten Mal Kerzen herstellt. Ganz kurz, höchstens ein bis zwei Sekunden, muss die Siebenjährige ihr Rohlings-Pärchen – zwei an einem Ziehbrett fixierte Dochte – eintauchen. Dann abtropfen lassen und 30 Sekunden trocknen. Zwölf Mal pro Runde. Kinderleicht sei Kerzenziehen, sagt Friedl. Schon Dreijährige können auf Hockern stehend mitmachen.

Um die eineinhalb Stunden dauert das Verfahren nach dem Zwiebelprinzip, bei dem komplett durchgefärbte Kerzen entstehen. Ein Dutzend Farben stehen zur Auswahl. Ein Rohrsystem erhitzt die Wachsmasse in den Fässern auf 65 Grad, ein Isoliermantel hält die Temperatur konstant.

Sophie und ihre Mutter haben sich für Gelb und Orange entschieden. Acht 20 Zentimeter lange Kerzen wollen sie kreieren. „Als Geschenk für Oma und Opa“, verrät die siebenjährige. Schulfreund Kieron hatte die Idee. „Ich habe das schon mal gemacht, aber hier bin ich zum ersten Mal“, sagt er selbstbewusst. Sein Kerzenpaar hängt für zehn Minuten am Holzgestell zum Trocknen. Damit das Wachs nicht wieder abschmilzt. Vor der nächsten Runde werden die überschüssigen Zipfel abgeschnitten. Eine übliche Leuchterkerze mit 22 Millimeter Durchmesser braucht 36 Tauchgänge.

Im kleinen, romantisch-bunten, nach Wachs duftenden Verkaufsraum wählen derweil neugierige Nostalgiker aus der Vielfalt an Formen, Farben, Mustern, Größen. Riesige skandinavische Pyramidenkerzen, eine Reihe mehrfarbiger dänischer Stücke. Für jeden Geldbeutel ist etwas dabei, die Preise liegen zwischen 1,75 und 60 Euro. „Nicht alles ist Eigenproduktion, aber alles Handarbeit“, sagt Friedl, der die Hersteller persönlich kennt. „Die gezogenen Kerzen sind alle von uns“, auch das kleine Sortiment aufwendig gegossener Exemplare. Für seine Kunden hat er Materialien und Tipps für zu Hause parat.

Vom Kerzenziehen im Alleingang rät der Profi allerdings ab. Die 2,5 Stunden Bastelerlebnis bei ihm kosten keine Teilnahmegebühr. Bezahlt wird nur das Material nach Gewicht: 100 Gramm Wachs kosten 1,40 Euro. Besuchergruppen zahlen Pauschalpreise: Bei Kindergeburtstagen pro Person bis zu elf Euro für drei Paar Kerzen und ein Pausen-Getränk.

Eine kleine Gruppe stürmt herein. Die drei Geschwister – erfahrene Stammkunden – bestürmen den Meister: „Ganz dicke Kerzen wollen wir machen.“ „Das wird heute nicht gehen“, erwidert dieser und tröstet: „Hebt euch das für die Ferien auf.“ Denn große Durchmesser entstehen und trocknen mehrere Tage lang.

Die Arbeit mit Kindern begeistert den Kerzen-Fan sichtlich. Waren es doch seine eigenen beiden, mit denen er jahrelang Kerzen herstellte. Auf Dänemark-Reisen, wo seine Familie an der Nordseeküste die traditionellen Kerzenziehereien (Lys-Støberi) entdeckte. „So etwas gab es bei uns noch nicht“, sagt der 49-Jährige rückblickend. Jahrelang erwog der gelernte Koch und spätere Versicherungsfachmann diese Geschäftsidee. Nach Gesprächen mit dem dänischen Generalkonsulat wurden schließlich Geschäftspartner in Dänemark gefunden. Am 1. November 2005 eröffnet, hat sich der mit zahlreichen dänischen Flaggen dekorierte Laden inzwischen deutschlandweit etabliert. „Unsere Kreationen finden auch über Kunden aus Bayern, Köln und Düsseldorf ihren Weg ins Ausland, bis nach Südafrika. Erst kürzlich ist eine verzierte Hochzeitskerze nach China gereist“, sagt Friedls Partnerin Manuela stolz. Die 47-Jährige arbeitet hauptberuflich im kaufmännischen Bereich und hilft im Laden mit. Sie sagt, dass „Feuer & Flamme“ auch bei Redakteuren von Film und TV als Geheimtipp fungiert, wenn es Requisiten zu beschaffen gilt. Für das „Festival der Volkskunst“ wurde Bühnen-Deko geordert. Und die wächserne Deckenbeleuchtung eines nachgestalteten Hogwarts-Saals für eine Münchner Harry-Potter-Premierenfeier kam aus Friedls Werkstatt.

Die ist inzwischen von Unruhe erfüllt: Drei Pflichtrunden sind geschafft, jetzt möchten die Kinder das Verdrehen lernen. Der Meister macht die Schritte vor. Den noch weichen Wachsstab auf das Arbeitsbrett legen. Mit dem Nudelholz alles außer den beiden Enden leicht plattwalzen. Oberes Ende mit linker Hand fixieren. Mit der rechten drehen. Das Ergebnis ist eine kunstvolle Spirale.

„Danke“, seufzt Sophie aus tiefstem Herzen und versucht es selbst. Es gelingt perfekt. Doch die Zweitklässlerin ist noch nicht fertig. „Da muss noch Grün dran. Meine Lieblingsfarbe.“ Dreimal Eintauchen für sattes Grün. Geschafft! Sophie, Kieron und die anderen gehen spazieren, während ihre Kreationen trocknen. Eine Stunde später ist er da, der ersehnte Moment. „Soll ich eure Werke marmorieren?“, fragt der Spezialist. „Ja, bitte ...“ schallt es. Schlangenstehen vor dem geheimnisvollen Fässchen im Nebenraum. „Das ist Spezialwachs, nur ich darf damit arbeiten“, erklärt Friedl. Kurzes Eintauchen für ein wahres Kunstwerk. „Wie machst du das bloß?“, fragt ein Kind. „Mit der rechten, meiner Zauberhand“, antwortet der Profi. „Und das coole Muster?“ „Verrate ich nicht. Sonst wär’s ja kein Geheimnis mehr.“

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