Jubiläum

2040 Studenten im ersten Semester

Freie Universität wird 65 Jahre alt. Ein Gründungsmitglied erinnert sich

„Ich bin die Vorzeigemumie“, sagt Stanislaw Karol Kubicki und lacht. Der heute 87-jährige emeritierte Neurologie-Professor steht für ein ganzes Kapitel ost-/westdeutscher Wissenschaftsgeschichte. Er ist einer der Gründungsväter der Freien Universität (FU) in Berlin, die am Mittwoch ihr 65-jähriges Bestehen feiert.

Kubicki gehörte zum engsten Kreis derjenigen, die 1948 mit der Gründung einer freien Hochschule im Westteil Berlins gegen die kommunistische Entwicklung der späteren Humboldt-Universität im Berliner Osten revoltierten. „Wir waren gegen die politischen Eingriffe, gegen Marxismus-Leninismus als Pflichtfach, gegen Äußerungen in Uni-Gremien, die wir für faschistisch hielten, und gegen Versuche einer Art Geheimdienstes, der dafür warb, Studenten untereinander zu bespitzeln“, sagt Kubicki, der damals an der Universität Unter den Linden als Medizinstudent eingeschrieben war.

Als dann die Redakteure der Studentenzeitschrift „Colloqium“ wegen kritischer Artikel von der Uni geworfen werden sollten, beschloss Kubicki zusammen mit Otto Hess, Joachim Schwarz und Otto Stolz, eine neue Hochschule zu gründen. Das erste Semester der FU startete im Herbst 1948 mit rund 2040 Studenten. Viele von ihnen kamen von Universitäten aus der Sowjetischen Besatzungszone. Sie waren geflohen, um in West-Berlin endlich frei studieren zu können. Kubicki selbst war als Student mit der Matrikelnummer 1 an der neuen Hochschule in Berlin-Dahlem eingeschrieben.

Die Idee, eine neue Universität im Westteil zu gründen, gefiel den Amerikanern. Zeitgleich fand die Berlin-Blockade statt, bei der West-Berlin nur durch die Westalliierten über die Luft versorgt werden konnte. „General Lucius D. Clay war ein kluger Mann. Er wusste, wenn er in die Stadt eine Uni reinbringt, dann fördert dies das freie Denken insgesamt“, sagt Kubicki rückblickend. Um die Angestellten und Professoren bezahlen zu können, steuerten die Amerikaner zunächst eine Million Dollar bei und sorgten später für die Übernahme der Finanzierung durch deutsche Behörden.

Die FU galt lange Zeit als Revoluzzer-Hochschule. Schon bei der Gründungsveranstaltung am 4. Dezember 1948 wäre es fast zum Eklat gekommen, weil sich die Studierenden in der Sitzordnung nicht angemessen berücksichtigt sahen. Für sie waren Plätze ab Reihe 20 reserviert, wogegen sie protestierten. Um einen Aufruhr zu vermeiden, bekamen sie dann Sitze auf der Tribüne angeboten.

Auch Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) im fernen Bonn soll nicht begeistert gewesen sein über die West-Berliner Hochschule, erinnert sich Kubicki. Später wurde die FU ein Zentrum der 68er-Bewegung und der Außerparlamentarischen Opposition (APO), zu der auch der FU-Student Rudi Dutschke gehörte. Die zuerst an der FU eingeführte studentische Selbstverwaltung, die Studentenvertreter in diversen Uni-Gremien vorsah, wirkte später auf Hochschulen im gesamten Bundesgebiet vorbildgebend.

Mittlerweile wurde die FU im Zuge der Exzellenzinitiative zur Eliteuniversität gekürt. In internationalen Rankings zählt sie zu den 100 besten Hochschulen weltweit. Für Stanislaw Karol Kubicki ging der einst revolutionäre Geist der Hochschule stets spielend mit wissenschaftlicher Exzellenz einher. Mit Blick auf den einstigen kommunistischen Gegenpart im Osten sagt er: „Der Marxismus-Leninismus der Freien Universität war in Zeiten des Kalten Krieges weltbedeutend, der Marxismus-Leninismus der Humboldt-Universität interessierte niemanden.“