Strafanzeige

Arzt soll seine Patientinnen missbraucht haben

Neurologe bestreitet im Prozess die Vorwürfe

Die 23-jährige Antonia S. hatte sich nicht getraut, etwas zu sagen. „Ich dachte anfangs immer noch, es sei eine ganz normale Behandlung, die ich nur falsch empfinde“, sagte sie am Dienstag vor einer Moabiter Strafrichterin. Als der Arzt jedoch immer zudringlicher wurde, brach die Studentin die Behandlung ab und erstattete Strafanzeige. „Ich fand es einfach nur eklig“, sagte sie.

Fernando U. muss sich jetzt wegen „sexuellen Missbrauchs unter Ausnutzung eines Beratungs- und Behandlungsverhältnisses“ verantworten. Den Ermittlungen zufolge hatte er zwei Patientinnen während der Behandlung, die er „Massage“ nannte, an der Brust, am Po und auch im Intimbereich immer wieder derb betastet. Auch soll er den jungen Frauen unvermittelt – ohne Handschuh oder anderen hygienischen Schutz – einen Finger oder den Daumen in den Mund gesteckt haben.

Der 50 Jahre alte Neurologe bestritt die Vorwürfe. Sein Verteidiger trug vor, dass es sich um eine ganz normale, medizinisch indizierte Behandlungsmethode gehandelt habe. Sein Mandant habe nicht nur die Zulassung als Facharzt für Neurologie, sondern praktiziere auch traditionelle chinesische Medizin, dafür habe er in Peking sechs Jahre lang studiert. Und dazu gehöre bei bestimmten Behandlungen zur Stimulierung der Nervenstränge eben auch das Massieren der Brust, des Gesäßes und des Umfeldes des Genitalbereiches.

Die beiden Frauen, die gegen Fernando U. Anzeige erstatteten, sind jedoch nicht die einzigen Patienten, die sich von dem Arzt sexuell missbraucht fühlten. Eine Nebenklagevertreterin berichtete, dass es sieben weitere Anzeigen von Frauen und ein Verfahren vor einer Zivilkammer des Berliner Landgerichts gegeben habe. Es sei nur deswegen eingestellt worden, weil der Angeklagte inzwischen im niedersächsischen Gifhorn als Neurologe in einem Krankenhaus praktiziert und die Berliner Ärztekammer nicht mehr für ihn zuständig ist.

Zweite Zeugin am ersten Prozesstag war die 25-jährige Julia W. Sie war in die Praxis des Angeklagten geraten, weil sie Rückenschmerzen hatte. Physiotherapeutische Massagen konnten den Schmerz nicht lindern. Ein Orthopäde hatte empfohlen, es doch mal mit Akupunktur zu versuchen. Bei dem Angeklagten habe sie dann sehr schnell einen Termin bekommen, sagte sie vor Gericht. „Er hat mir auch etwas von Massagen gesagt. Aber ich habe ja nicht geahnt, was er damit meinte.“ Fernando U. sei nach den Akupunktur-Behandlungen jedes Mal ein Stück weitergegangen, habe sie begrapscht, auch im Intimbereich. „Er hat mich auch gefragt, ob ich einen Freund habe“, erinnerte sie sich. „Und er hat festgestellt, dass ich sehr schön sei.“ Auch Julia W. war anfangs stark verunsichert, hatte sich nicht zu wehren vermocht. „Er war doch der Arzt“, sagte sie, „ich habe ihm vertraut.“ Der Prozess wird fortgesetzt.