Klagelied

Sing mir den Frust

Im Beschwerdechor besingen Berliner ihre Alltagssorgen. Beim Nordwind Festival feiert das Lied der Klagen Premiere

Beine, die laut aufstampfen und den Boden zum Beben bringen und lauter Gesang sind schon von draußen aus zu hören. Noch bevor man das HAU3 am Tempelhofer Ufer betreten hat.

„Anstrengende WG-Castings!“, erschallt es und „Ich kriege ein Doppelkinn!“ und „Bis Sommer 2014 ist die U8 unterbrochen!“ – diese und andere Sätze, die mehr oder weniger den Frust des Berliner Lebensalltags ausdrücken, werden vom sogenannten Beschwerdechor gesungen. Und tatsächlich, das Ganze ist auch musikalisch zu ertragen. Zu verdanken ist es der Komponistin Catriona Shaw, die aus dem Frust der Berliner Bürger klangvolles und sogar poppiges Liedgut gemacht hat. Unter dem Motto: Nicht maulen, sondern singen, wird hier Musik gemacht. Eine ungewöhnliche Art der Sorgenabfuhr mit Ventilfunktion. Sehr ungewöhnlich, aber auch sehr großstädtisch.

„Ich will nicht, dass das Tempelhofer Feld bebaut wird“, sagt Britta Pietschmann. Sie ist eine von rund 30 Mitgliedern des Chores. Die 34-Jährige hat sich wie die anderen auf der Webseite des Nordwind Festivals angemeldet, um ihre Beschwerde mal laut singen zu können. „Es ist eine innovative Art, das Thema Beschwerde anzugehen und es macht Spaß“, sagt Pietschmann, die als Portal-Managerin arbeitet und in Kreuzberg lebt. Jeder konnte sich zu diesem Chor anmelden und sagen, was ihn so richtig wütend macht, Alt und Jung lassen seit Anfang November gemeinsam „Luft ab“.

Demokratisch wurden bei der ersten Probe die Beschwerden ausgewählt, die die Gruppe für geeignet und zugleich wichtig hielt. Drei Seiten Text sind dabei herausgekommen. Darin heißt es unter anderem:

„Ich kriege ein Doppelkinn / Keine weltweit’n Umweltstandards / Keine Zeit für Hobbies übrig / Anstrengende WG-Castings.

Ich wohn in einem Schuhkarton / Mein Schwager ist ein Besserwisser / Die Stadt ist voller Spekulanten / Industrielle Gummibrötchen.

Tempelhofer Freiheit... / Heidelbeeren sind zu teuer / Scheiss kalt in der Bude / Immer dieses Rumgemotze! / ...Mist, schon wieder Weihnachten!“

Unterlegt wird der Text mit einer gängigen Melodie und einem Ohrwurm-geeigneten Refrain, im sogenannten Garagen-Rock-Stil, mit Schlagzeug und Gitarre als Begleitinstrumente.

Die ursprünglichen Initiatoren des Konzepts Beschwerdechor sind das finnisch-deutsche Künstlerpaar Oliver Kochta-Kalleinen und Tellervo Kalleinen. Mittlerweile ist in weniger als zehn Jahren das Chor-Konzept auf allen Kontinenten bekannt.

„Aus eigener Erfahrung haben wir festgestellt, dass die Menschen sich oft und intensiv beschweren, egal in welchen Verhältnissen sie leben“, sagt das Paar. So wollten sie diese versiegende Energie anzapfen und die Leute zum Gesang anstimmen. In dem Sinne seien es keine Protestchöre, sondern eher eine neue Art des Austauschs. Gut singen müsse man nicht können, um dem Chor beizutreten: Hauptsache laut sein und sich für seine Idee einsetzen.

So hört es sich dann auch an, als die Gruppe laut den Refrain anstimmt. Als das Schlusswort „Boa ne“ erklingt, stampfen sie wie wild auf den Boden. Grimmige Gesichter werden gezogen, aber gleich danach lächeln die Gesichter wieder. Ein bisschen lustig sei das Ganze ja schon, sagt Pietschmann. Das Projekt besitze seinen ganz eigenen Humor. Denn, obwohl oft auch persönliche Beschwerden gesungen werden, sei hier keiner depressiv. So lachen die Teilnehmer miteinander und machen Anmerkungen und Vorschläge, um den Text markanter zu gestalten.

2005 begann die Geschichte der Beschwerdechöre in Birmingham. Chöre in Helsinki, Hamburg und Sankt Petersburg folgten kurz darauf. Zu Beginn wurden die Chöre gefilmt und die Videos dann online gestellt. Schnell wurde daraus ein Trend, woraufhin sich Oliver Kochta-Kalleinen und Tellervo Kalleinendas entschieden, die Anleitung für einen solchen Chor wiederum online zu stellen, um damit weitere Menschen zu ermutigen, selbst einen Beschwerdechor zu gründen.

Nach jahrelanger Erfahrung haben die Künstler unterschiedliche Beschwerden gehört. Von einer Finnin, die sich über ihre langweiligen Träume beschwert, über den Bürgermeister der norwegischen Provinz Bodø, der sich über seine Rückenschmerzen wegen der schweren Bürgermeisterkette beklagt, bis hin zu dem Berliner, dem die industriellen Gummischrippen nicht schmecken.

Gemeinsames Verarbeiten

Erstaunlicherweise beklagen sich die Menschen aber dann doch am meisten über sich selbst. So heißt es im Text: „Bin vierzehn Jahre, weiblich und frustriert.“ Alltägliche Probleme, mit denen sich die Berliner konfrontiert sehen wie Wohnungsnot und Gentrifizierung der Bezirke, gehören auch dazu. Im Text heißt es: „Ich fürcht’ ich werd’ aus meinem Kiez verdrängt.“

Dass der Freund nie die Pfandflaschen wegbringt, singen nun Kopftuchfrau, Anzugmann und Hipster gemeinsam. Im Chor wird zusammen verarbeitet, was man vielleicht sonst nur einzeln vor sich hingeraunt hätte. Genau so hat es sich die Leiterin des Nordwind Festivals, der Kunstbiennale Ricarda Ciontos vorgestellt.

Auf dem Nordwind Festivals ist der Beschwerdechor am 27. November ab 19 Uhr im Hebbel am Ufer 2 und am 30. November ab 15.30 Uhr an der Weltzeituhr auf dem Alexanderplatz zu sehen und zu hören. Außerdem plant der Chor weitere Auftritte an unerwarteten Plätzen der Stadt.