Kulturmacher

Zum Lesen verführen

LesArt ist in Europa das einzige Literaturhaus für Kinder und Jugendliche. Mit viel Fantasie baut Sabine Mähne jungen Menschen dort Brücken zwischen Alltag und Bücherwelten

Vielleicht kann man es so erklären: Wenn Kinder aus Büchern vorgelesen wird oder sie selbst ein Buch lesen, werden Bilder in ihren Köpfen geschaffen. In diese Bilder einzutauchen, in ihnen zu wandeln und sie zu einem Teil ihres Lebens zu machen, sei es nur durch die spätere Erinnerung an dieses Bild, das ist das Ziel, das sich LesArt gesetzt hat. LesArt ist das Berliner Zentrum für Kinder- und Jugendliteratur in Mitte – oder auch: das einzige Literaturhaus Europas für Kinder und Jugendliche.

Sabine Mähne ist die Geschäftsführerin dieses einzigartigen Zentrums mitten in Berlin. „Wir haben vier Literaturhäuser für Erwachsene in der Stadt. Und dieses eine ist für Kinder“, sagt sie. Am 2. April 1993 wurde das Haus an der Weinmeisterstraße 5 in Mitte eröffnet. Doch seine Geschichte begann schon weit früher. Sie ist eng mit Sabine Mähne verbunden.

Die 59-jährige Mecklenburgerin kam mit acht Jahren nach Berlin, arbeitete später als Journalistin und war lange Bildredakteurin bei einem Berliner Verlag. Anschließend wurde sie Pressereferentin des Jugendbuchverlags „Neues Leben“. „1988 übernahm ich die Leitung des DDR-Zentrums für Kinderliteratur. Es wurde allerdings 1989 mit der Wende abgewickelt und geschlossen“, sagt Sabine Mähne. „Das war zwar logisch, aber man hätte auch anders handeln können.“ Dies sah Dieter Pforte, der damalige Leiter des Literaturreferats in der Berliner Senats-Kulturverwaltung, offensichtlich ähnlich. Sabine Mähne: „Das fachliche Wissen und die Kompetenzen der Menschen des Zentrums sollten nicht verloren gehen.“

Start als Archiv

Damit das nicht geschähe, wurde im Mai 1990 der Verein gegründet, „auf dessen Grundlage später dann die LesArt entstanden ist“, sagt Sabine Mähne. Im Juni 1990 zog der Vorläufer der LesArt in das Haus an der Weinmeisterstraße. Aber bis zur Eröffnung als LesArt knapp drei Jahre später „waren wir eher ein Archiv“, so Mähne. Rund 50 Menschen bilden heute das Personal des Vereins, darunter Bibliothekare, Lehrer, Erzieher, Literaturwissenschaftler. Dazu kommen rund zwölf freie Mitarbeiter und vier fest Angestellte.

Doch nun droht die Geschichte des Hauses zu Ende zu gehen – zumindest in seiner jetzigen Form: 20 Jahre lang unterstützte der Senat das KinderKulturZentrum mit einer Förderung von konstanten 290.174 Euro. Nun wird dem Verein mit der Einstellung der Förderung gedroht, wenn er nicht seine Immobilie im lukrativen Filetstück in Mitte dem Land Berlin überschreibt. „Man will eine Übertragung, ohne dass wir Sicherheiten haben“, sagt Sabine Mähne. Sie weiß: Mit dem lukrativen Grundstück hat das Land Berlin andere Absichten. Am heutigen Mittwoch soll sich entscheiden, wie es für das Literaturhaus weitergeht. Noch ist völlig offen, ob Sabine Mähne und die anderen Literaturliebhaber auf längere Sicht weitermachen können wie bisher.

Es wäre schade darum, denn was Sabine Mähne und ihre LesArt-Kollegen machen, wirkt auf Kinder und Jugendliche häufig nachhaltig. Ihre Arbeit prägt. So erzählte kürzlich ein junger Mann Sabine Mähne, dass ihn eine Erinnerung an die Nächte bei LesArt sein ganzes Leben schon begleiten. Das Literaturhaus bietet jene abenteuerlichen Lesenächte für Kinder ab acht Jahren.

Sabine Mähne geht drei Stockwerke hinauf, bis unter das Dach, und öffnet zwei Türen. Hinter der einen: Märchengestalten an Decken und Wänden. In dem anderen Zimmer hängen Gespenster und Geisterwesen. „Das sind unsere beiden Übernachtungszimmer für die Lesenächte“, sagt sie und weckt damit sofort den Wunsch, auch mal wieder acht Jahre alt zu sein und eine Nacht dort verbringen zu dürfen.

Kleine Lampen hängen unter den gemütlichen Schrägwänden, mehrere Ausziehsofas sind im Raum verteilt und in der Luft liegt, auch jetzt bei Tag, eine aufgeregte „Hanni-und-Nanni-auf-Klassenfahrt“-Stimmung. Hier muss bestimmt niemand heimlich mit der Taschenlampe unter der Decke lesen. Ganz im Gegenteil. „Wir lesen gemeinsam eine Geschichte“, sagt Mähne. Und dann folgt eine Aktion, bei der die Kinder ein Element der Geschichte erleben können. Damit sie für möglichst lange Zeit im Gedächtnis bleibt.

Ein kleines Rätsel

„Oft geht es um etwas aus dem Buch, das wir dann finden sollen“, sagt die LesArt-Leiterin. „Ein kleines Rätsel.“ Die Lösung muss meist vor der Tür gefunden werden. „Wir ziehen uns dann alle an und gehen im Dunkeln hinaus. Natürlich ist das einigen ein wenig unheimlich. Aber es ist noch nie passiert, dass die Neugier die Angst nicht besiegt hätte“, sagt Sabine Mähne und strahlt.

Das Konzept ist klar: Eine Brücke zu bauen zwischen dem, was die Kinder im Alltag erleben und dem, was der Autor erzählt. „So kommen wir unserem Ziel ganz nahe, Bilder in Texten zu entschlüsseln“, sagt Sabine Mähne. „Das geht nur, wenn man als Leser wirklich versteht, was der Autor schreibt. Das sind manchmal ja auch Worte, die nicht unbedingt Alltagssprache sind.“

LesArt will erreichen, dass Kinder von der Fähigkeit, zu lesen zum Wunsch gelangen, viel lesen zu wollen. „Dafür gibt es im Englischen das Wort ‚literacy‘. Übersetzt etwa: ‚Belesenheit‘.“

Für Kinder kosten die Veranstaltungen nichts, nur einen kleiner Beitrag für das Frühstück am Morgen nach der Lesenacht. Und dafür gibt es etwas Wertvolles obendrauf: nicht nur das Verstehen von Literatur, sondern das Leben mit und in der Literatur.