Standards

Eigenes Bad, größere Zimmer, Internet

Senat plant mehr Komfort in Pflegeheimen: Neue Standards sollen Lebensqualität erhöhen

Pflegebedürftige sollen künftig besser untergebracht werden. Die Gesundheitsverwaltung hat dafür eine „Wohnteilhabe-Bauverordnung“ vorgelegt, die höhere Ansprüche an eine Unterbringung stellt. Künftig darf es demnach nur noch Einzel- oder Doppelzimmer geben. Für vollstationäre Pflegeeinrichtungen gilt das allerdings erst nach längeren Übergangsfristen. Der Anteil der Bewohnerplätze in Einzelzimmern muss mindestens 60 Prozent betragen. In stationären Hospizen sind ausschließlich Einzelzimmer zulässig.

Außerdem müssen die Wohn- und Aufenthaltsflächen künftig größer sein. Die Mindestflächen für Zimmer bei einer Belegung mit einer Person müssen demnach 14 Quadratmeter, mit zwei Personen 22 Quadratmeter betragen. Bisher reichten je zwölf und 18 Quadratmeter aus. Die gemeinschaftlichen Aufenthaltsflächen müssen mindestens fünf Quadratmeter pro Bewohner messen.

„Mit der neuen Wohnteilhabe-Bauverordnung werden bestimmte bauliche Mindestanforderungen in stationären Einrichtungen für Menschen mit Pflegebedürftigkeit oder Behinderung festgeschrieben“, sagte Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) am Freitag. „Damit wird die Lebensqualität der Menschen in den Einrichtungen erhöht.“ Die baulichen Standards sollen dazu beitragen, den in den Einrichtungen lebenden Menschen eine weitestgehend selbstbestimmte Lebensführung zu ermöglichen. „Mit der Wohnteilhabe-Bauverordnung setzt das Land Berlin den Weg fort, eine neue Kultur in der Pflege und Betreuung zu etablieren sowie Selbstbestimmung und Teilhabe in betreuten gemeinschaftlichen Wohnformen zu stärken“, sagte Senator Czaja weiter.

Auch für Neubauten und Umbauten gelten künftig neue Regeln: Anforderungen an Barrierefreiheit und Rollstuhlnutzbarkeit müssen erfüllt werden. Erstmals werden zudem spezielle Regelungen für Einrichtungen der Tagespflege, für stationäre Hospize sowie für Einrichtungen für Menschen mit Behinderung aufgenommen, die den Besonderheiten der Bewohner Rechnung tragen.

Schutz gegen Hitze

Auch die Anforderungen an Sanitärräume steigen. Künftig sind Bäder, die über mehrere Zugänge von zwei oder mehreren Personen genutzt werden, nicht mehr zulässig. Erweitert wurde auch die Pflicht, während des ganzen Jahres für angemessene Raumtemperaturen zu sorgen. Dazu gehört auch wirksamer Schutz gegen Hitze und Sonneneinstrahlungen. Außerdem muss der Empfang von Informationen über moderne Kommunikationsanlagen wie Rundfunk, Fernsehen, Telefon und Internet gewährleistet sein.

Für Pflegeeinrichtungen mit bis zu 20 Bewohnerinnen und Bewohnern gibt es Abweichungsmöglichkeiten, um die Zahl kleinerer Pflegeeinrichtungen zu erhöhen. Für schon bestehende Einrichtungen gelten Übergangsvorschriften zum Bestandschutz und zur Anpassung innerhalb bestimmter Fristen. Sie reichen, je nach Auflage, von 2018 bis zum fernen Jahr 2033.

Die Anzahl der pflegebedürftigen Personen hat in Berlin seit dem Jahr 2009 um 6,5 Prozent zugenommen. Laut Statistischem Landesamt waren in Berlin im Jahr 2011 – aktuellere Zahlen gibt es nicht – insgesamt 117.500 Personen pflegebedürftig, während es vor vier Jahren 110.300 Personen waren. In Brandenburg stieg die Anzahl der Pflegebedürftigen um 13,9 Prozent von 94.800 Personen auf 107.900 Pflegebedürftige.

Angesichts der steigenden Zahlen an Pflegebedürftigen verhandeln CDU und SPD derzeit auf Bundesebene in den Koalitionsverhandlungen über höhere Beiträge für Versicherte, um die Pflegekosten begleichen zu können.

Laut Familienbericht sind in Berlin etwa 170.000 Menschen in die private Pflege von Menschen eingebunden. Diese Menschen sind nicht immer direkte Angehörige, sondern auch sogenannte „Wahlfamilie“, also Nachbarn und Freunde. Obwohl der Anteil der Männer seit Jahren ansteigt, sind 75 Prozent Frauen unter denjenigen, die privat pflegen. Sie kümmern sich in Berlin rund 55.000 Pflegebedürftige laut Pflegeversicherung (Pflegestufe 1-3) ganz allein. Zusätzlich werden 26.000 Menschen zu Hause von Mitarbeitern von Pflegediensten gepflegt.

Der steigenden Zahl an Pflegebedürftigen steht seit Jahren ein gravierender Mangel an Pflegekräften gegenüber. Nach einer Untersuchung der Beraterfirma Pricewaterhouse Coopers (PWC) werden 45 Prozent der notwendigen Pflegekräfte im Jahr 2030 fehlen – trotz Bemühungen des Senates, Nachwuchs für Pflegeberufe zu gewinnen. Zugleich ist in Berlin für Schüler die Ausbildung für Altenpflege an den Fachschulen größtenteils kostenpflichtig. Auch das will der Senat ändern.

Zu wenig Pflegeplätze

Neben einem steigenden Bedarf an Pflegeplätzen rechnen Experten mit mehr Nachfrage nach altersgerechten Wohnungen. Nach der Studie „Wohnen 65plus“ des Regionaldaten-Instituts Pestel fehlen in Berlin in den kommenden Jahren rund 105.200 altengerechte Wohnungen. Die Wissenschaftler sagen auf Grundlage der neuen Zensus-Zahlen voraus, das im Jahr 2035 in Berlin rund 930.870 Menschen leben werden die älter sind als 65 Jahre – 45 Prozent mehr als heute. Die Prognose für Berlin geht von 173.940 Pflegebedürftigen im Jahr 2035 aus. Ziel ist es, pflegebedürftige Menschen so lange wie möglich Zuhause zu betreuen, um Pflegekosten zu senken. Ein Pflegeplatz im Heim kostet der Studie zufolge pro Jahr rund 7.200 Euro mehr als ambulante Pflege.