Kriminalität

Messerstecherei im Kreuzberger Flüchtlingsheim

Streit in einer Notunterkunft eskaliert. Die Täter sind noch flüchtig. Termin für Auflösung des Zeltdorfs auf dem Oranienplatz weiterhin unklar

In dem einstigen Schulgebäude an der Ohlauer Straße gibt es keinen Winkel, der nicht in irgendeiner Weise als Schlaf- oder Wohngelegenheit genutzt wird. „Jeder versucht hier auf irgendeine Art und Weise, für sich einen ganz persönlichen Raum zu schaffen“, sagt Claude C. Der 57 Jahre alte Franzose lebt seit vielen Jahren in Berlin und kümmert sich um die Flüchtlinge. In seiner Begleitung ist es möglich, einen Blick in die vom Bezirk geduldete Notunterkunft zu werfen.

Jetzt hat eine Messerstecherei in der Flüchtlingsunterkunft zu einem Großeinsatz der Polizei geführt. In der Nacht zum Donnerstag kam es in dem ehemaligen Schulkomplex zu einer Auseinandersetzung zwischen mehreren Männern. Dabei wurde ein 20 Jahre alter Mann durch mehrere Messerstiche in den Rücken schwer verletzt und musste in einem Krankenhaus behandelt werden. Er soll am Donnerstagabend wieder aus der Klinik entlassen worden sein.

„Da es sich um einen Messerangriff gehandelt hat und die vermeintlichen Täter sich offenbar noch in Tatortnähe aufgehalten haben, sind auch Spezialeinsatzkräfte zum Einsatz gekommen“, teilte Polizeisprecher Thomas Neuendorf mit. Das Areal wurde nach den Tätern abgesucht – ohne Erfolg. Bewohner des Heims berichteten, dass es sich bei dem Verletzten um einen aus dem Senegal kommenden Mann handeln soll. Er sei in Hannover gemeldet, halte sich aber seit einiger Zeit in dem besetzten Schulgebäude auf und sei in Drogengeschäfte verwickelt. „Das könnte auch der Hintergrund des nächtlichen Streits gewesen sein“, mutmaßen Anwohner. Zu den Tätern gab es keine weiteren Hinweise. Die Polizei geht jedoch davon aus, dass es sich um Bewohner der Flüchtlingsunterkunft handeln könnte. Auch die Tatwaffe konnte die Polizei, selbst mit Spürhunden, bislang nicht finden,

Über Lampedusa nach Berlin

„Ich bin seit zwei Monaten hier, gekommen aus Ghana über Lampedusa nach Europa“, sagt ein 23 Jahre alte Mann in der Flüchtlingsunterkunft. In einem kleinen Raum im Keller hat er sich notdürftig eingerichtet. Ein Heizstrahler sorgt für etwas Wärme. Eine winzige Glühbirne bringt Licht in das fensterlose Zimmer. Mit zwei weiteren Landsleuten teilt er sich den etwa zehn Quadratmeter großen Raum, die drei Matratzen liegen hintereinander. Wer zu dem hintersten Schlafplatz möchte, muss über die anderen Lager steigen. Die Toiletten sind eine Etage höher. Von vier sind nur drei angeschlossen, lediglich bei zwei funktioniert die Wasserspülung. Ein beißender Geruch breitet sich von dort aus und durchströmt die in den einstigen Klassenräumen eingerichteten Wohnstätten in der ersten Etage. Dort sind in vier Zimmern jeweils 15 Männer aus Afrika untergebracht. In der zweiten Etage leben Roma, in der dritten ist ein spezieller Bereich für Frauen abgeriegelt. Der Zugang ist versperrt. Besonders eng geht es in der obersten, der scheinbar hellsten Etage zu. Dort campieren etwa 50 Menschen in der Aula. Selbst hier ist der Gestank aus den defekten Sanitäranlagen in der ersten Etage unerträglich.

Die Flüchtlinge in der Ohlauer Straße lebten früher in dem Zeltdorf auf dem Kreuzberger Oranienplatz. Die rund 60 Flüchtlinge, die dort noch immer ausharren, sollten eigentlich Mitte November in ein Hostel an der Gürtelstraße (Friedrichshain) ziehen. Doch der Umzug verzögert sich. „Der Besitzer des Hostels und der Träger des Heims haben die Verhandlungen noch nicht abgeschlossen. Von Bezirksseite können wir im Moment nur warten“, sagte die Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, Monika Herrmann (Grüne), der Berliner Morgenpost. Einen Umzugstermin könne sie jetzt nicht verbindlich nennen.

Die Immobilie hatte Sozialsenator Mario Czaja (CDU) im Rahmen der Kältehilfe angeboten. Dessen Sprecherin Franciska Obermeyer bestätigte am Donnerstag, die beteiligten Parteien würden intensiv an den organisatorischen und vertragstechnischen Notwendigkeiten arbeiten. Ziel bleibe, dass die rund 60 Schwarzafrikaner noch vor dem ersten Schnee die feste Unterkunft beziehen könnten. Das hoffen auch die Flüchtlinge auf dem Oranienplatz. „Alle wollen hier weg, alle haben Angst vor dem Winter und vor Schnee“, versicherte Adam Hassan aus Ghana. Sie würden sofort umziehen, wenn sie ein Signal bekämen, aber sie hätten keine Informationen. Kontakt zum Bezirksamt bestehe derzeit nicht. „Wir bitten um Hilfe“, sagte Hassan. Auch in dem Zeltdorf hat die Polizei einmal wegen einer Messerstecherei ermittelt. Ein zweiter Einsatz galt dem Vorwurf einer Vergewaltigung

Das Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) hat damit begonnen, die Zustände in allen elf Berliner Notunterkünften für Flüchtlinge zu kontrollieren. Das bestätigte Lageso-Sprecherin Silvia Kostner der Berliner Morgenpost. Eine Mitarbeiterin der Pflegeheim-Aufsicht sei dafür abgeordnet worden, so Kostner. Die Unterkünfte in Grünau und an der Levetzowstraße in Moabit seien bereits geprüft, ein Bericht liege aber noch nicht vor. Anlass für die Kontrollen sind Beschwerden von Bürgerinitiativen und ehrenamtlichen Helfern, wonach es Mängel bei der Ausstattung und der Kinderbetreuung in Heimen gebe. So wirft die Initiative Neue Nachbarschaft in Moabit dem Betreiber der Notunterkunft an der Levetzowstraße vor, zahlreiche vom Lageso geforderte Mindeststandards nicht zu erfüllen. In dem Heim reiche zum Beispiel die Zahl der Waschmaschinen nicht aus.

Heim zu 130 Prozent belegt

Landesamt-Sprecherin Kostner bestätigte, dass mehrere Flüchtlingsheime überbelegt seien. Das gelte vor allem für das Heim an der Spandauer Motardstraße, das in der Regel zu 130 Prozent belegt sei und für die Notunterkunft an der Levetzowstraße. Das Heim an der Motardstraße muss, wie berichtet, aufgegeben werden, weil der Mietvertrag gekündigt wurde. Vermutlich müsse es im ersten Quartal des kommenden Jahres geräumt werden, sagte Kostner. Sie hofft, dass bis dahin weitere Unterkünfte an der Neuen Späthstraße (Britz) und der Goerzallee (Zehlendorf) bezogen werden könnten.

Als Flüchtlingsheim ist auch weiterhin das ehemalige Gästehaus der Schreberjugend an der Franz-Künstler-Straße in Kreuzberg im Gespräch. Der Gebäudekomplex weise zahlreiche Mängel auf, sagte Silvia Kostner. In einem der drei Häuser müsse die Heizung komplett saniert werden, in einem anderen das Dach. Es sei noch zu prüfen, ob Brandschutz gewährleistet werden könne. Bei einer Sanierung müsse mit einem Aufwand in Millionenhöhe gerechnet werden. Noch gingen Kostenvoranschläge von Handwerkern und Baufirmen ein, daher sei bisher keine Entscheidung getroffen worden. Dennoch sei das Lageso wegen des großen Bedarfs weiterhin an dem Gebäudekomplex interessiert.

Wenn es für die Unterbringung von Asylbewerbern genutzt werden kann, könnten auch die 60 Flüchtlinge vom Oranienplatz dorthin ziehen – hofft zumindest Kreuzbergs Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann. Sie hatte dem Gebäude stets den Vorzug vor dem Hostel in Friedrichshain gegeben.