Verkehr

Radfahrer aufgepasst

Im Internet können Berliner gefährliche Straßenkreuzungen melden und Lösungen vorschlagen

6. Juni 2013: An der Kreuzung Grellstraße und Greifswalder Straße in Prenzlauer Berg stirbt eine Radfahrerin. Ein Lkw-Fahrer hat die junge Frau übersehen, sie selbst offenbar eine rote Ampel missachtet. Am selben Tag wird eine Frau am Checkpoint Charlie schwer verletzt. Ein rechts abbiegender Sattelschlepper fährt die Radfahrerin auf der Kreuzung an.

Schwere Unfälle wie diese machen Schlagzeilen. Im alltäglichen Verkehr kommt es aber zu tausenden kleinen Konflikten, gefährlichen Situationen und Beinahe-Unfällen auf dem Straßen – vor allem zwischen abbiegenden Autos und Radfahrern. Die tatsächlichen Gefahrenschwerpunkte erfasst seit Jahren die Berliner Unfallkommission. Doch auch an vielen Kreuzungen, die in der Liste der Experten bisher nicht auftauchen, fühlen sich Radfahrer bedrängt.

Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung will mit Hilfe der Berliner diese Konfliktstellen erfassen und Gegenmaßnahmen diskutieren. Am Dienstag schaltete die Behörde ein Internet-Portal online. Dort können Radfahrer, aber auch Autofahrer gefährliche Kreuzungen melden und Lösungsvorschläge machen. In einem Forum können die Hinweise und Kritikpunkte diskutiert werden. „Bürgerinnen und Bürger können und sollen mit ihrem Wissen und ihren Erfahrungen aus bekannten und zum Teil täglich mit dem Rad zurückgelegten Wegen in Berlin einen Beitrag zur Erhöhung der Verkehrssicherheit leisten“, sagte Verkehrsstaatssekretär Christian Gaebler.

Der Bund fördert die Kampagne unter dem Titel „Radfahren in Berlin: Abbiegen? Achtung! – Sicher über die Kreuzung“ mit etwa 60.000 Euro, das Land steuert etwa 10.000 Euro bei. Bis zum 10. Dezember ist die Internetseite freigeschaltet. „Alle Hinweise werden zusammengefasst, ausgewertet und mit den tatsächlichen Unfallschwerpunkten abgeglichen“, versprach Gaebler. Die 20 am meisten diskutierten Kreuzungen sollen noch genauer betrachtet und mögliche Lösungen untersucht werden.

Schon mehr als 30 Meldungen

2012 verunglückte laut der polizeilichen Statistik alle zwei Stunden ein Radfahrer auf Berliner Straßen. Hauptursache waren Zusammenstöße mit abbiegenden Autos und vor allem mit Lastern. „Fast jeder Dritte der in den vergangenen fünf Jahren getöteten Radfahrer starb bei einem Unfall mit rechts abbiegenden Lkw“, sagte am Dienstag Bernd Zanke, Mitglied des Landesvorstands beim Fahrradclub ADFC. Wie groß das Interesse an dem Thema ist, zeigt die Resonanz auf das neue Portal. Binnen weniger Stunden meldeten die Berliner am Dienstag schon mehr als 30 Gefahrenstellen. Radspuren, die auf vollgeparkten Standstreifen enden, wie am Kottbusser Damm. Radwege, die für Autofahrer kaum einzusehen sind, wie an der Schönhauser Allee. Unübersichtliche Kreuzungen wie am Potsdamer Platz. Oder schlicht fehlende Radstreifen wie an der Sonnenallee.

„Wenn wir unser Ziel erreichen wollen, dass noch deutlich mehr Wege in Berlin mit dem Fahrrad zurückgelegt werden, müssen wir ein System finden, das nicht nur objektiv sicherer ist, sondern auch mehr subjektive Sicherheit vermittelt“, sagte Gaebler. Deshalb haben sich die Expertem der Senatsverwaltung auch schon im In- und Ausland umgeschaut, mit welchen Maßnahmen andere Großstädte Konflikte zwischen Radlern und Autofahrern entschärfen. Spezielle Weitwinkelspiegel, die den gefährlichen toten Winkel vermeiden können, werden etwa in den deutschen Rad-Hauptstädten Münster und Freiburg getestet. Kopenhagen, eine der radfreundlichsten Metropolen der Welt, setzt auf Hightech. Dort werden Leuchtdioden im Boden zwischen Straße und Radweg montiert. Die LED-Lämpchen werden durch einen Sensor aktiviert und blinken sobald sich ein Radler nähert.

Für den flächendeckenden Einsatz derart aufwendiger Technik dürfte in Berlin wohl das Geld fehlen. „Unser Ziel ist es, den baulichen Aufwand relativ gering zu halten“, sagte Staatssekretär Gaebler. Aufwendige Umbauten dauern wegen der langen Planungsprozesse nicht nur lange, sie kosten vor allem auch viel Geld, das Berlin bekanntlich nicht hat. „Es gibt sicher Stellen, wo baulich etwas gemacht werden muss“, so Gaebler. „An vielen Stellen helfen aber wahrscheinlich auch schon kleinere Maßnahmen wie neue Markierungen, bessere Beschilderungen oder ein Spiegel.“ Trotz der beschränkten Mittel sind aber alle Vorschläge für Verbesserungen ausdrücklich erwünscht. „Wir können sicher nicht alles auf einmal umsetzen“, sagte Gaebler am Dienstag. „Jeder Beitrag im Online-Portal hilft aber bei der Prioritätensetzung.“

Konzepte anderer Länder gefragt

Nationale und internationale Ideen und Konzepte wie jene aus Münster, Freiburg und Kopenhagen will die Senatsverwaltung außerdem bei einem Expertenworkshop am 18. November diskutieren. Vertreter der Verkehrsbehörden nehmen daran teil, die Polizei, Unfallexperten der Versicherungsverbände, ADFC und ADAC, die Fuhrgewerbe-Innung und internationale Experten. Am Ende von Online-Beteiligung und Expertengesprächen soll ein „Leitfaden zur Reduzierung von Abbiegeunfällen zwischen Kfz und Radfahrern“ stehen.

ADFC-Experte Zanke begrüßt die Initiative. „Es wäre aber schon viel erreicht, wenn die wesentlichen Punkte aus der Radverkehrsstrategie des Senats umgesetzt würden“, sagte er am Dienstag. „Wir werden auch diese Punkte in das Expertenforum am 18. November einbringen.“ Der ADFC setzt sich laut Zanke unter anderem für veränderte Ampelschaltungen ein. Radfahrer sollen deutlich früher grünes Licht bekommen als abbiegende Autofahrer. Außerdem sollen an den Kreuzungen größere Aufstellflächen für Radler geschaffen, die Haltelinien für Autos deutlich nach hinten versetzt werden. „Das wäre schon mit relativ wenig Geld umzusetzen“, so Zanke.

Unter radsicherheit.berlin.de können Berliner melden, an welchen Straßen es zu Konflikten kommt