Zwischenmenschlich

Das Dröhnen des Herbstes

Jule Bleyer begegnet dem Berliner Stadtleben

Es soll ja Menschen geben, für die ist der Herbst die schönste aller Jahreszeiten. Ich habe das bis heute nicht verstanden. Der Herbst ist von Natur aus grau und nass, und wenn er ausnahmsweise so warm und sonnig ist wie jüngst, sprechen alle von der Verlängerung des Sommers – womit ja schon mal klar wäre, dass der richtige Sommer die eindeutig bessere Zeit ist. Dieselbe Logik gilt für den „Frühling im Oktober“. Und dann das Argument, der Herbst sei so golden mit seinen bunten Blättern (ach, guck doch mal, diese Farben!) – also ich sehe vor allem braune, nasse Pampe auf dem Boden, auf der man im Übrigen permanent droht auszurutschen.

Warum liegen eigentlich überall so viele Blätter rum? Höre ich es doch ständig, das Geräusch des Herbstes: das nervtötende Dröhnen der Laubbläser. (Zum Vergleich, liebe Herbstverfechter: Das Geräusch des Sommers ist ein gleichmäßiges, zartes Floppen von Flip Flops) Angesichts des pustenden Dauerlärms an allen Ecken müssten Berlins Gehwege doch eigentlich so sauber sein wie von Meister Proper persönlich gebürstet. Doch der Blick auf den Boden zeigt: Pustekuchen. Aber viel Wind um nichts machen, das kann der Berliner ja. Der menschliche Laubbläser, also der Mann mit der Laubbläsermaschine in der Hand, hat dennoch allen Grund, den Herbst zu lieben. Holzfällerhemd unter der Warnweste, Ohrschützer auf dem Kopf, Fluppe im Mundwinkel wirkt er in seiner Benzin-Blasgeräte-Welt meist vollkommen entspannt. Das wiederum kann ich nachvollziehen – im Namen der Ordnung mal ordentlich Lärm machen dürfen und alles wegblasen, was einem in die Quere kommt. Herrlich.

Wie toll wäre so ein Laubbläser bloß für andere störende Dinge des Alltags. Auf dem Radweg geparkte Autos? Einfach wegpusten. Überfüllte U-Bahn? Ganz schnell leergefegt. Nachbarn, die unter der Woche Technopartys feiern? Mal eben den Bass wegblasen. Rechtsextreme, die sich vor einem Asylbewerberheim versammeln? Müssen nur noch in einen großen Laubsack gestopft und von der BSR entsorgt werden. Ich glaube, ich könnte doch noch meine Freude am Berliner Herbst finden.