Ein Leben mit Rindern und Böcken

Nach 42 Jahren geht Zoo-Reviertierleiter Kurt Goedicke in den Ruhestand. Ein letzter Besuch im Gehege

Der Herr der Rinder guckt unglücklich. Kurt Goedicke, Reviertierleiter für Rinder und Felsentiere, hat seinen letzten Arbeitstag im Zoo. Der 65-Jährige muss Abschied nehmen von mehr als 70 Tieren, vier Mitarbeitern und Dutzenden Kollegen aus den anderen Revieren. Nach 42 Jahren Dienstzeit. Goedicke gehört zu den langjährigsten Zoo-Mitarbeitern, ja er ist selbst eine Institution.

„Manchmal bin ich traurig. Aber durch solche Phasen muss man durch.“ Goedicke ist vom alten Schlag: ehrlich, direkt und von einer arbeitswütigen Genauigkeit, die Kollegen schon die Augen rollen ließ. Goedicke weiß das wohl – aber seinen Charakter kann man nicht ändern. Warum sollte er? „Fuchsteufelswild kann ich werden“, räumt er ein. „Du bist fair“, sagt einer seiner Mitarbeiter besänftigend. Und man merkt, dass sie gerne mit ihm Abschied feiern. Wegen des Feierns, nicht wegen des Abschieds.

Selbst jetzt, in den letzten Arbeitsstunden, ruht der drahtige Mann nicht. Eine Generalsäuberung im ehemaligen Gehege der Bezoarziegen steht an, weil dort Kaukasische Steinböcke reingesetzt werden. „Wir haben wirklich verdammt viel Arbeit“, sagt Goedicke, und fügt noch ein Schimpfwort hinzu, das er an dem Tag noch oft benutzt, zumal es eine Sache beschreibt, mit der schon die Auszubildenden im Zoo sofort und dann täglich in Kontakt kommen. Sie müssen ja alle die Ställe säubern. Auch Goedicke kehrt Kötel zusammen, unterhalb der Ziegen. Er springt die Steine hinauf, als wäre er im Gebirge aufgewachsen. Ist er aber nicht.

Goedicke stammt aus dem Saarland. Geboren wurde er 1948 in Völklingen, einer, man darf sagen, dreckigen Hüttenstadt. Kurt ist das jüngste von vier Geschwistern, sagt, er sei „aus der Art geschlagen“, weil er Tiere so möge. „Fische, Vögel, Spinnen, Echsen, Schnecken oder Raupen – ich habe alles angeschleppt. Zum Entsetzen meiner Schwester, ach, aller Geschwister. Keiner konnte was mit Tieren anfangen, mein Bruder hat sogar Angst vor Hunden.“

„Urlaub auf dem Bauernhof“

Ein Kind ruft ins Gehege: „Was machst du da?“ Goedicke antwortet: „Urlaub auf dem Bauernhof.“ Eigene Kinder hat er keine, „leider“, sagt er, aber dafür viele Nichten und Neffen. Lieblingstiere hat er auch nicht. „Ich mag die am liebsten, in deren Gehege ich gerade bin.“ Mit breitem Grinsen erinnert er sich an seinem ersten Arbeitstag 1971 als sogenannter Anlernling im Antilopenhaus. Goedicke musste bei einem Grauen Baumkänguru sauber machen. Ein Tier mit sehr langen Krallen, vor dem die Kollegen ihn gewarnt hatten. „Sie sagten, ich solle ihm eine Schrippe geben zum Ablenken, und ja darauf achten, dass er sie nicht fallen lässt.“ Doch genau das machte das Tier, als er am Kehren war, und es kam auf ihn zu. „Ich habe nach Hilfe gerufen“, sagt Goedicke und imitiert sich selbst mit einem Crescendo der Verzweiflung. Keiner kam. „Die Kollegen lagen am Boden vor Lachen. Sie hatten mich hochgenommen. Das Känguru war in Wirklichkeit ganz zahm und zutraulich.“

Heute trägt er Grün, von den Gummistiefeln bis zur Arbeitsjacke. An seiner Kleidung hatte sich einst in den 70er-Jahren Gorilladame Gigi zu schaffen gemacht, als sie ihm durch das Gitter den Latz abriß. „Vor Publikum rutschte mir die Hose runter. Das fanden die Leute lustig.“ Er nicht, denn im Latz waren mehrere Hundert D-Mark, die er in der Mittagspause von der Bank geholt hatte. „Gigi holte meinen Geldbeutel raus, öffnete mit ihren Lippen den Verschluss und riss einen Schein heraus.“ Kurt Goedicke tobte. Ändern konnte er es nicht. Schließlich schoss ein Kollege die Börse per Wasserstrahl aus dem Käfig. „Am Ende fehlten nur 15 Mark“, sagt Goedicke. Die Münzen, die Gigi in den folgenden Tagen ausschied, sammelte das Affenpflegerteam ein und steckte sie in den wie eine Trophäe an die Bürowand gehefteten Hosenlatz.

Nachdem Goedicke im tiefen Keller des Ziegenfelsens die Kräuterkost zubereitet hat – Petersilie, Koriander, Basilikum und viel anderes Grünzeug –, fährt er mit dem Fahrrad zu den Rindern. Für die ist er seit 1974 als Revierchef zuständig. Vor seiner Zoo-Zeit hatte Goedicke vier Jahre in einer Panzerpionierkompanie bei München gedient. „Ich brauchte das Geld. Ich wusste, dass Tierpfleger wenig verdienen.“ Und Pfleger wollte er unbedingt werden. Den Ausbildungsberuf gab es damals noch nicht. Goedicke musste 1963 nach Abschluss der Volksschule eine Lehre als Klempner machen. „Das war Bedingung, Zoos hatten noch keine Handwerkerabteilung, wir Tierpfleger sollten und konnten Reparaturen ausführen und bei Neubauten mithelfen.“ Auch Nachtdienste als Heizer kamen vor, solange es keine Anschlüsse an ein Fernwärmenetz gab.

Im Rinderhof eilt Goedicke zu seiner grauen Karre, „Chef“ steht in weißen Buchstaben darauf. „Ich habe mein eigenes Werkzeug, das schließe ich weg, weil ich es nicht mag, wenn jemand dreckige Geräte hinterlässt. Da wachsen mir Hörner.“ Mit Karre, Rechen und Schippe fährt er auf die Banteng-Anlage und nimmt einige recht große dunkle Haufen auf, in Windeseile. Die Kuh Bastet weicht nicht von seiner Seite, sie leckt am Knie über seine Hose – „soziale Fellpflege“, erklärt Goedicke.

Ein Garten, aber kein Haustier

Nach Berlin ging der Tierpfleger, weil er dort mit Zuschlägen mehr verdienen konnte und das Leben günstiger war als im teuren München. Außerdem wohnte sein sieben Jahre älterer Bruder Helmut bereits an der Spree. „Ich habe ihn oft besucht, und Berlin hat mir gefallen.“ Sein Gehalt betrug anfangs 800 bis 900 Mark. „Das war nicht schlecht.“ Doch der größte Vorteil sei, dass Reviertierpfleger eine Dienstwohnung auf dem Zoogelände beziehen können. Heute, mit 65 Jahren, geht Goedicke mit 1500 bis 1700 Euro netto raus, real arbeitet er ungefähr 50 Stunden die Woche. „Ein Tierpfleger“, sagt er, „macht das nicht für das Geld, sondern weil er diese Beschäftigung liebt.“

Anders als einige seiner Kollegen ist Goedicke übrigens mit seinem Chef Bernhard Blaszkiewitz, Direktor von Zoo und Tierpark, im Reinen. Auch weil er furchtlos seine Kämpfe mit ihm ausgetragen hat. Reden will er darüber nicht. „Das ist vorbei.“ Er verlässt den Zoo, wie er sagt, mit einem lachenden und weinenden Auge. „Unsere Ansichten als Tierpfleger und die Würdigung unserer Tätigkeit ist in den vergangenen Jahren zu kurz gekommen.“

Wer Goedickes Nachfolger wird, ist offen. Seine Dienstwohnung steht schon leer. Er selbst ist nach Reinickendorf gezogen, er hat einen Garten, aber kein Haustier. „Ich werde nicht viel zu Hause sein.“ Goedicke möchte als Führer für Stilbauten im Zoo arbeiten. Und er will durch die Museen ziehen. „Mich interessiert alles: Geschichte, Kunst, Biologie …“ Seit Jahren ist er als Ausgrabungshelfer in Tell Basta, der heutigen Ruinenstätte der antiken Stadt Bubastis, in Ägypten tätig. Er unterstützt Untersuchungen der Universität Würzburg am Rande der heutigen Stadt Zagazig im Ostdelta des Nils. Die Liebe zu Ägypten hat ein Autor aus seiner Jugendzeit geweckt, Mika Waltari, dessen Roman „Sinuhe, der Ägypter“ Goedicke nun erneut liest. Immer noch gut, urteilt er. Er könnte so auch sein Leben beschreiben.