Handwerk

Schuhe fürs Leben

Simone Bleul und Elisa Wieland sind Schuhmacherinnen. Beide bekommen heute ihren Meisterbrief

Aufgeregt wird sie sein, wenn sie heute vor so vielen Menschen sprechen muss. Es war ein anstrengender Weg bis dorthin, auf das Podium des Maritim-Hotels an der Stauffenbergstraße, wo heute die Meisterfeier der Berliner Wirtschaft 2013 stattfindet. Die Handwerkskammer sowie die Industrie- und Handelskammer (IHK) ehren dort alljährlich Berlins neue Meisterinnen und Meister. Simone Bleul ist eine von ihnen.

Die 45-Jährige ist Schuhmacherin, nun auch mit Meisterbrief. Sie wird an diesem Sonntag über „Gedanken eines Jungmeisters“ erzählen und über den Weg, der sie dorthin brachte. Mit einem eigenen Schuhmacherladen im Berliner Ortsteil Schöneberg.

Dort treffe ich sie, an der Grunewaldstraße 56, wenige Tage vor dem heutigen, vor ihrem großen Tag. Sie erzählt von sich und ihrem Lebensweg, von dem Berufswunsch der Schuhmacherin und den Herausforderungen, als Frau in einem Männerberuf arbeiten zu wollen, in einer nicht gerade aufstrebenden, modernen Branche. An ihrer Seite ist Elisa Wieland. Die 24-Jährige bekommt am heutigen Tag ebenfalls ihren Meisterbrief, auch als Schuhmacherin. Insgesamt drei Jungmeister zählt das Handwerk in diesem Jahr.

Domäne der Männer

Viel ist das nicht. Demgegenüber stehen beispielsweise 96 Friseurinnen, 69 Kraftfahrzeugtechniker und 19 geprüfte Industriemeister der Fachrichtung Metall, die bei der „Meisterfeier“ im Maritim-Hotel offiziell ihren Titel erhalten. Insgesamt werden 408 neue Meister der Handwerkskammer geehrt und 98 der IHK. „Früher, zu meiner Lehrzeit, da gab es noch den Schuhmacher-Ball hier in Schöneberg“, sagt Simone Bleul und lacht. Das wäre heutzutage eine ziemlich übersichtliche Veranstaltung. Dabei braucht doch jeder Schuhe, aber nicht jeder trennt sich gern und sofort vom gemütlich eingelaufenen Lieblingspaar. Die Schuhmacherei der beiden Meisterinnen jedenfalls besucht an diesem Vormittag ein Kunde nach dem anderen. Eine Dame kommt mit ihren Lederschuhen einer Berliner Designermarke herein. „Das sind so tolle Schuhe, so teuer! Aber das mit dem Nähen müssen die noch üben“, sagt die ältere Dame resolut. „Oder die gehen mal bei Ihnen in die Lehre.“ Simone Bleul und Elisa Wieland lachen. Warum nicht? Ausbilden dürfen die beiden ja nun mit ihrer Urkunde. Beim Hinausgehen sagt die Dame noch: „Ich finde es übrigens schön, dass Ihr Laden noch Schuhmacherei heißt. Das ist süß!“ Finden die beiden Frauen auch – deswegen hängt draußen auch noch die Original-Reklame aus den 50er-Jahren. „Die Leute mögen das“, sagt Simone Bleul.

Sie und ihre Angestellte Elisa Wieland trennen fast 20 Jahre Altersunterschied. Und unterschiedliche Lebenswege und Erfahrungen. Aber eines verbindet die beiden: ihr Beruf. Und ihre Leidenschaft dafür. Beide antworten auf die Frage, warum sie Schuhmacherinnen geworden sind mit: „Ich wollte einen untypischen Frauenberuf lernen.“ Doch sie eint noch mehr: Beide sind weit entfernt von einem frauentypischen „Schuh-Tick“. Und wenn Kundinnen die beiden vermeintlichen „Schuh-Expertinnen“ nach Tipps für gute Schuhläden fragen, können die beiden nur mit den Schultern zucken.

Dabei hat Simone Bleul schon ihr ganzes Leben lang mit Schuhen zu tun. „Nach meiner dreijährigen Schuhmacherlehre habe ich noch ein Jahr bei meinem alten Lehrmeister gearbeitet – und dann 13 Jahre in einem großen Kaufhaus Schuhe verkauft“, sagt Simone Bleul. Es war der typische Weg: heiraten, dann kamen zwei Kinder, und danach habe sie sich „gar keine Gedanken mehr darüber gemacht, wieder als Schuhmacherin anzufangen. Ich war irgendwie so raus.“ Doch dann sah sie 2003 diese Anzeige in einer Zeitung: Der Vorbesitzer ihrer jetzigen Schuhmacherei suchte einen Stepper. Oder eine Stepperin. „Ich war zu dem Zeitpunkt alleinerziehend und brauchte neben dem Schuhe-Verkaufen einfach einen zweiten Job“, sagt Simone Bleul. Große Chancen sah sie für sich eigentlich nicht. „Ich rief halt einfach mal an. Aber dann lief das Vorstellungsgespräch super, und so arbeitete ich zwei Tage dort, drei Tage hier“, erzählt sie.

2004 kündigte sie ihren Verkaufsjob und stieg bei der „Schuhpflege des Westens“, wie es bis heute auf ihrer Visitenkarte steht, voll ein. 2007 übernahm sie das Geschäft, der Vorbesitzer war schwer erkrankt und verstarb ein Jahr später. „Natürlich weiß ich erst heute, dass das ein richtiger Schritt war und dass der Mut sich gelohnt hat.“ 2007 kam ihr dann auch erstmals der Gedanke, den Meister in ihrem Fach zu machen. Das war ihr Ehrgeiz, sie wollte beweisen, dass das geht – in erster Linie sich selbst, was immer der beste Ansporn ist. Um selbstständig zu sein, brauchte sie den Meisterbrief nicht. Die Schuhmacherei gehört zu den sogenannten zulassungsfreien Handwerken, die ohne Meisterzwang selbstständig ausgeübt werden können. Ausbilden darf man dann allerdings nicht.

Es dauerte bis zum Jahr 2011, bis sich Simone Bleul zur Meisterschule anmeldete. Und da kommt Elisa Wieland ins Spiel. Die junge Frau aus Brandenburg wollte eigentlich Schneiderin werden. „Dann stellte ich aber schnell fest, dass ich für so feine Fädeleien viel zu grobmotorisch bin.“ Und überhaupt – es sollte ja was Untypisches sein. „Also wollte ich Steinmetz oder Tischler werden“, erzählt Elisa Wieland. Das klappte nicht. Aber mit der Schuhmacherei klappte es: „Ich hab meine Ausbildung dann an der Deutschen Oper in Berlin gemacht.“ Und Elisa war gut – ist es immer noch.

Sie wird heute auf der Meisterfeier als eine der besten Jungmeisterinnen geehrt. Das ist ihr ein bisschen unangenehm, wenn man das erwähnt, aber es macht sie auch stolz. Ihre Augen verraten das. Seit Januar 2011 ist sie bei Simone Bleul angestellt. „Simone war die letzte auf meiner Liste von Schuhmachereien, bei denen ich mich vorstellen wollte“, erzählt die junge Frau. Das Beste kam zum Schluss. Die beiden sind ein gutes Team. Zusammengeschweißt wohl auch durch die Zeit der Vorbereitung auf die Meisterprüfung. Die Prüfung der Handwerkskammer Berlin umfasst vier Teile, die unabhängig voneinander absolviert werden können und an die sich jeweils eine Prüfung anschließt: Fachpraxis, Fachtheorie, wirtschaftliche und rechtliche Grundlagen sowie Berufs- und Arbeitspädagogik. Die beiden stöhnen, wenn sie davon erzählen, wer wann wo welche Seminare besucht hat und stundenlang irgendwelche Buchhaltungsausführungen über sich ergehen lassen musste. Nebenbei immer das Geschäft und bei Simone Bleul ja auch noch die Kinder, 24 und 19 Jahre alt. Aber trotzdem.

Besserer Blick für Ästhetik

Dieser Beruf macht stark, das sagen sie beide. „Früher war ich eine stumme, kleine, graue Maus“, sagt Elisa Wieland von sich. Und legt nach, lächelnd: „Heute ist das anders. Schuhmacherfrauen lassen sich nicht die Butter vom Brot nehmen!“ Die beiden sind stark, aber nicht „kerlig“. Tough, aber nicht hart. Sie wollen es den Schuhmachermännern nicht zeigen. Aber mal ehrlich: „Ich finde schon, dass wir einen besseren Blick für Ästhetik haben“, sagt Simone Bleul, und dieses „wir“, das sind die Frauen. „Wenn wir einen Schuh reparieren, dann wollen wir, dass er nicht nur heil ist, sondern auch chic aussieht.“

Simone Bleuls 24-jähriger Sohn macht seine Ausbildung bei den beiden Frauen. „Er hat hier mal ein Praktikum gemacht und dann festgestellt, dass das eigentlich ziemlich gut ist, was wir hier machen.“ Alte Schuhe wie neu aussehen lassen, „bei vielen jungen Leuten ist das total aus den Köpfen raus, dass so etwas geht“. Kein Wunder: Bekommt man doch Schuhe für wenig Geld nahezu überall, ob nun im Internet oder bei großen Schuhketten.

Natürlich lohne sich eine Reparatur nicht immer. Aber manche Menschen haben nun einmal Lieblingsschuhe, und die werden gehegt und gepflegt. Und von den beiden Schuhmacherinnen natürlich auch geputzt und poliert. „Manche sagen, wenn sie ihre Schuhe wieder abholen: Die hätte ich jetzt aber nicht erkannt“, sagt Simone Bleul.

Heute kann Simone Bleul von sich sagen: „Ich bin angekommen! Ich habe meine Kinder großgezogen, mich selbstständig gemacht und jetzt den Meister. Ich würde sagen: Mein Soll ist erfüllt, jetzt darf es ruhiger werden.“ Spricht’s und begrüßt schon den nächsten Kunden, der gerade zur Tür hereinkommt. Der Meisterbrief, der schon zugestellt wurde, hängt gut sichtbar an der Wand über ihr.