Familienplanung

Babywunsch, tiefgefroren

Erst die Karriere, dann das Kind – für immer mehr erfolgreiche Frauen geht diese Rechnung nicht auf. „Social Freezing“ soll es nun auch Berliner Frauen weit jenseits der 40 ermöglichen, noch schwanger zu werden

Susanne K.* hat den Weg zu ihrem Kind genau berechnet. In einer Excel-Tabelle hat sie Zahlen und Quoten eingegeben. Die Erfolgswahrscheinlichkeit einer künstlichen Befruchtung. Die durchschnittliche Rate befruchteter Eizellen, die sich in der Gebärmutter einnisten. Und die Quote derer, die durch eine Fehlgeburt wieder verloren gehen. Es ist eine kleine Kalkulation, wie Susanne K. unzählige anstellt hat in ihrem Leben. Sie ist Investmentbankerin. Am Ende dieser Tabelle steht jedoch keine Zahl, sondern ein Satz, so lapidar, dass er klingt wie der Titel einer amerikanischen Screwball-Komödie: „Baby take home“. Es ist die Erfolgsformel der Reproduktionsmediziner für den Fall, dass nach einer künstlichen Befruchtung tatsächlich ein Baby geboren wird. Für Susanne K. bedeutet der Satz die Erfüllung ihres größten Lebenswunsches.

39 Jahre ist sie jetzt alt. Und kinderlos. Noch. Eine Weile hat sie das beunruhigt. „Ab Mitte 30 merkt man, langsam wird es eng, wenn man noch Mutter werden will.“ Doch eine ebenfalls kinderlose Freundin in den USA erzählte ihr im vergangenen Jahr von einer erstaunlichen Lösung für das Problem mit der „biologischen Uhr“: Eine Frauenärztin hatte die 38-Jährige gefragt, ob sie nicht eigene Eizellen in einer „Kryobank“ einlagern wolle für den Fall, dass sie später noch schwanger werden wolle. So begann auch Susanne K. zu überlegen. Das Thema bekam schnell einen Namen: Social Freezing. „Momentan ist ja in jeder zweiten US-Serie davon die Rede.“ Der Trend ist vor zwei Jahren in den USA aufgekommen. Die New Yorker Fernsehmoderatorin Diane Sawyer vom Sender ABC News hatte ihren jüngeren Kolleginnen empfohlen, lieber rechtzeitig Eizellen einfrieren zu lassen, bevor sie, wie sie selbst, kinderlos blieben.

Schwanger mit über 40

Auch in Deutschland gibt es das Verfahren seit Längerem. Schon seit Jahren wird es Frauen angeboten, deren Eizellen etwa durch eine bevorstehende Chemotherapie zerstört werden könnten. Doch mittlerweile nutzen die Methode auch Frauen, die kein medizinisches Problem haben, sondern ein soziales – daher der Name. Mit ihren tiefgefrorenen Eizellen können Frauen die Schwangerschaft auf die Zeit jenseits der 40 verschieben. Etwa, weil sie ihre Karriere nicht unterbrechen wollen oder noch einen Partner suchen. Bisher galt, dass die Fruchtbarkeit der Frau ab Mitte 30 rapide sinkt. Inzwischen weiß man: Dafür sind vor allem die Eizellen verantwortlich. Werden diese in dem neuen Verfahren rechtzeitig „kryokonserviert“, sind sie im Prinzip unbegrenzt haltbar. Frauen können damit aselbst im fortgeschrittenen Alter noch schwanger werden.

Auf den Internetseiten mancher Gynäkologen wurde das Verfahren schnell als „zweite Revolution“ nach der Pille gefeiert. Diese hatte einst Sexualität und Familienplanung voneinander entkoppelt. Das Social Freezing, hieß es, gleiche nun den biologischen Nachteil der Frauen gegenüber den Männern aus, die bis zum hohen Alter Kinder zeugen können.

Susanne K. hat berechnet: 42 Eizellen wird sie brauchen, um vielleicht, hoffentlich, noch ein Baby zu bekommen. Das Kind, das sie sich seit zehn Jahren wünscht. Das aber nie geboren wurde. Nicht, weil Susanne K. nicht gesund wäre oder nicht fruchtbar. Sondern weil der potenzielle Vater des Kindes fehlt. Zwar gibt es einen Mann in Susanne K.s Leben, von dem sie sich ihr Kind wünscht. „Er ist verheiratet und Vater von drei Kindern“, sagt Susanne K.. Und erzählt dann ziemlich schnell über einen Mann, der sich nicht entscheiden kann. Nicht zwischen Job und Familie. Nicht zwischen Frau und Geliebter. Nicht zwischen Ja und Nein für ein Kind.

In Susanne K.s Leben liegen zwischen Ja und Nein die 42 Eizellen. Sie ruhen tiefgefroren auf minus 196 Grad in einem fassförmigen Kühlbehälter im Labor der Universitätsklinik Düsseldorf, wo Susanne K. nach vielen Jahren im Ausland heute lebt. Die Zellen sind jederzeit einsetzbar, theoretisch. Die Wahrscheinlichkeit, dass aus einer der 42 Zellen einmal ein Kind wird, hat Susanne K. ausgerechnet, liegt ähnlich hoch wie beim dem Versuch, dreieinhalb Jahre lang Monat für Monat punktgenau auf natürlichem Weg zu versuchen, schwanger zu werden, sagt sie. Vielleicht sogar noch höher. „Welches Paar schafft es, dreieinhalb Jahre regelmäßig Sex zu haben?“ Berechnungen wie diese, sagt Susanne K. geben ihr Sicherheit. „Ich bin sehr rational bei solchen Dingen.“

4000 bis 5000 Euro hat sie für diese Sicherheit bezahlt. Für die Konservierung ihrer Zellen. Dazu kommen die Kosten für die Lagerung – mehrere hundert Euro pro Halbjahr. „Genau will ich es gar nicht wissen.“ Das Geld, sagt sie, war für sie nicht entscheidend, sie verdient überdurchschnittlich gut. Das Social Freezing hat sie vom Druck befreit, unbedingt jetzt schwanger zu werden.

Lange hat ihr ein Kind gar nicht gefehlt. Erst mit 29 war da plötzlich dieser Wunsch: Mutter zu sein. Nur ganz im Hintergrund ist zwischen all den Erwägungen und Plänen herauszuhören, was nicht in ihrer Tabelle steht – die Angst, wie es sein wird, ohne Kind weiterzuleben. Statistisch gesehen, sagt Susanne K., stünden ihre Chancen ja nicht gut, noch den geeigneten Vater zu finden. „In meinem Alter sind die meisten Männer doch schon vergeben.“ Der Vater ihres Kindes ist der einzige Faktor, für den sie keinen Wahrscheinlichkeitsquotient in ihrer Tabelle erfasst hat.

Eine Weile überlegte sie, ein Kind zu adoptieren, zur Not allein. Die Schwangerschaft erschien ihr als Hindernis. „Das hätte sich schlecht mit meinem Beruf vereinbaren lassen, ich bin viel auf Reisen.“ Inzwischen möchte sie ihr Kind auf jeden Fall selbst austragen – und es gemeinsam mit seinem Vater aufziehen. „Grundsätzlich finde ich es gut, wenn ein Kind Mutter und Vater hat.“

Die 42 Eizellen geben ihr das Gefühl, dass es noch klappt. Ein bisschen hatte es sich schon angefühlt wie Schwangersein, als die Eizellen gewonnen wurden. Um mehrere Zellen gleichzeitig reifen zu lassen, nahm sie über mehrere Wochen Hormonpräparate. Jeden zweiten Tag setzte sie sich selbst eine Spritze. Sie kämpfte mit Übelkeit und Kreislaufproblemen. Nur schwanger wurde sie nicht. Sie verhütete, denn ein Kind will sie nur gemeinsam mit dessen Vater großziehen. Und der lebt noch immer bei der anderen Frau „Mittlerweile glaube ich, ein Psychologe würde ihm helfen, sich zu entscheiden“, sagt Susanne K. „Aber er sieht das anders.“

Susanne K. hat in New York gelebt, in Sydney, London, Frankfurt. Überall hat sie Frauen getroffen, erfolgreich, gut verdienend, gut aussehend, die dasselbe suchten wie sie – einen Mann, um eine Familie zu gründen. Einige von Susanne K.s Freundinnen haben sich mit dem Social Freezing zusätzliche Zeit erkauft, um wenigstens theoretisch noch schwanger werden zu können.

Ihren richtigen Namen möchte Susanne K. nicht öffentlich nennen. Privat hat sie keine Probleme damit, über ihre tiefgefrorenen Eizellen zu sprechen, auch wenn Männer oft wenig Verständnis für ihre Entscheidung haben. Gegenüber Klienten schweigt sie darüber. „Viele denken doch sonst, ich hab’ keinen abgekriegt.“ In Deutschland, sagt sie, sei der soziale Druck auf Frauen größer als in anderen Ländern, Kinder zu haben.

Immer weniger bekommen dies rechtzeitig hin. In Berlin ist das Durchschnittsalter der Erstgebärenden in den vergangenen zehn Jahren stetig angestiegen, sagt der Berliner Gynäkologe Björn Horstkamp, der eine Gemeinschaftspraxis für Reproduktionsmedizin an der Uhlandstraße nahe dem Kudamm betreibt. Akademikerinnen seien in Berlin inzwischen im Durchschnitt 35 Jahre alt, wenn sie das erste Kind bekämen, sagt er. 40 Prozent bleiben kinderlos – viele von ihnen ungewollt. Inzwischen, sagt Horstkamp, spreche er täglich mit Frauen, die sich dringend ein Kind wünschen. „Viele sind Ende 30 oder älter.“

Erst vor kurzem hat Horstkamp seine Praxis erweitert. „Wunschkinder“ steht unten am Eingang. Er ist Frauen und Paaren vorbehalten, die – oft im vorangeschrittenen Alter – noch Eltern werden wollen. Immer mehr seiner Patientinnen interessieren sich für Möglichkeiten, die „biologische Uhr“ zu verlangsamen – etwa durch Social Freezing. Das Motiv dieser Frauen sei häufig ähnlich, sagt Horstkamp: „Sie sind oft sehr erfolgreich und engagiert in ihrem Beruf. Mit Ende 30 realisieren sie, dass sie auch eine Familie gründen möchten. Sie haben jedoch keinen Partner und merken, es kann knapp werden.“

Dennoch haben erst wenige seiner Patientinnen nach der Beratung tatsächlich Eizellen einfrieren lassen. Horstkamp sieht das gelassen. Das Verfahren sei maximal als ergänzende Methode in der Reproduktionsmedizin geeignet. „Social Freezing ist keine Garantie, schwanger zu werden. Je älter die Frau bei der Entnahme ist, desto größer ist das Risiko, dass die Eizellen geschädigte Chromosomen haben.“ Horstkamp rät jungen Frauen, die Zeit bei der Lebensplanung im Auge zu behalten. Die Nachfrage nach Social Freezing ist für ihn eher Symptom einer gesellschaftlichen Entwicklung als eine Lösung.

Die Nachfrage aber besteht. In Berlin bieten das Verfahren mittlerweile mindestens rund zehn Kinderwunsch-Praxen an. Darunter auch die Gynäkologen Christian Friedrich Stoll und Reinhard Hannen an der Landgrafenstraße. Ihre Praxis liegt ebenfalls in der City West. Ein Schwerpunkt liegt seit langem bei der Behandlung von Endometriose. Diese Wucherung der Gebärmutterschleimhaut kann zu Kinderlosigkeit führen. Mittlerweile trägt die Praxis, wie viele andere Frauenarztpraxen auch, einen zweiten Namen: „Kinderwunschzentrum“. Es klingt fast, als sei der Kinderwunsch heute ein eigenes Symptom.

Lange Gespräche mit Patientinnen

Zu Stolls Alltag gehören lange Gespräche. Über das Für und Wider verschiedener Methoden, die Chancen, überhaupt noch Mutter zu werden - und auch über die Kosten. Allein in seiner Praxis haben in den vergangenen Monaten rund 30 Frauen Eizellen mithilfe des Social Freezing konservieren lassen. „Die weitaus meisten sind Ende 30, fast alle haben zurzeit keinen Partner.“ Gemeinsam sei vielen Frauen auch, dass sie die Kosten für das Verfahren selbst tragen müssen. Denn bei den meisten liegt keine medizinische Indikation vor.

Für wen also eignet sich Social Freezing? Stoll bemüht sich, zu große Erwartungen zu dämpfen und aufzuklären über die Biologie. „Viele Frauen glauben, sie produzieren Eizellen immer wieder neu, so wie Männer ihre Samenzellen.“ Doch der Eizellenvorrat einer Frau ist bereits bei der Geburt angelegt. „Und er schwindet schon ab Mitte 30 rapide, auch wenn es oft heißt, dies sei erst ab 40 Jahren der Fall.“ Social Freezing solle idealerweise von Frauen bis zu einem Alter von etwa 30 Jahren vorgenommen werden. „Aber gerade für die Älteren ist es eine Versicherung, wenn sie merken, dass ihnen die Zeit davonläuft.“

Ein Teil der Gespräche dreht sich um die Kosten. Denn das Social Freezing kann selbst für Gutverdienende ins Geld gehen. Rund 3700 Euro fallen pro Zyklus an, in dem Eizellen entnommen werden – davon etwa 1500 bis 2000 Euro für die Hormon-Präparate. Je nachdem, wie viele Eizellen gewonnen werden sollen, muss die Entnahme mehrfach wiederholt werden. Die Kosten können sich so schnell verdoppeln oder verdreifachen. Zudem werden für die Lagerung jeweils 150 Euro pro Halbjahr fällig. „Und dann muss natürlich eines Tages die künstliche Befruchtung eingeplant werden“, sagt Stoll. Diese kostet im Durchschnitt rund 1500 bis 2000 Euro.

Stoll zieht, wie Susanne K., den Vergleich zwischen Deutschland und den USA. Dort seien Themen wie künstliche Befruchtung positiver besetzt. „Bei uns steht die Reproduktionsmedizin teilweise immer noch im Verdacht, Designer- oder Retortenbabys zu erschaffen.“ Das habe mit der Realität und dem Leidensdruck von Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch nichts zu tun. „Und in Deutschland ist der Konflikt zwischen Karriere- und Familienplanung für Frauen noch größer als in den USA.“

Auch Johanna S.* möchte über ihre Situation sprechen, „weil ich denke, dass es vielen Frauen ähnlich geht wie mir.“ Als Treffpunkt für das Gespräch hat sie ein Café in Berlin gewählt, bei dem sie sicher ist, keine Bekannten zu treffen. Zunächst hat sie ihr Problem für etwas rein Privates gehalten. „Inzwischen finde ich es wichtig, dass solche Dinge öffentlich diskutiert werden.“

Die 29-Jährige arbeitet in der PR-Branche. Gerade hat sie ihren ersten Arbeitsvertrag unterschrieben. Social Freezing war für sie ein Thema für Frauenzeitschriften. „Ich hatte davon gehört, aber das war für mich weit weg und etwas für Reiche“, sagt sie. Zwar stand für sie schon immer fest, dass sie eines Tages ein Kind haben würde. „Eine Tochter, ich bin ganz sicher.“ Aber das Kind soll erst geboren werden, wenn sie fest im Beruf steht. „Ich brauche Sicherheit“, sagt Johanna S.. Die schlanke, dunkelhaarige Frau schaut ihr Gegenüber mit aufmerksamem Blick an. „Ich bin eine Planerin, ich hasse Chaos. Deshalb will ich immer im Voraus wissen, was passiert.“ Sie schildert ihren Modell-Lebenslauf: gute Noten, ein schnell abgeschlossenes Studium, Praktika und Auslandsaufenthalte. „Ich bin ehrgeizig.“

Tumore zerstörten alle Pläne

Doch was ihr die Ärzte im Frühjahr sagten, warf alle Pläne über den Haufen. Eigentlich war es eine Routine-Operation, bei der mehrere gutartige Zysten an ihren Eierstöcken entfernt werden sollten. Doch kaum war Johanna aus der Narkose aufgewacht, erfuhr sie: Es handelte sich um sogenannte Borderline-Tumore, die zu Krebs werden können. Eigentlich hätten die Ärzte beide Eierstöcke sofort entfernen müssen. „Aber weil ich angegeben hatte, dass ich noch Kinder bekommen möchte, fragten sie erst nach.“ Johannas Ton ist sachlich. Ihre Hände liegen jetzt auf der Stelle am Bauch, wo die Narben sind. „Ich bin eigentlich ein nervenstarker Mensch“, sagt sie, „aber da hab’ ich erst mal geheult.“

Dann dachte sie nach. Es waren die schwersten Fragen, die sie je beantworten musste. Ihr linker Eierstock, sagten die Ärzte, könne zwar erhalten werden – aber mit dem Risiko, dass auch dort Krebs ausbrechen könnte. Als Alternative schlugen sie vor, dem verbliebenen Eierstock Eizellen zu entnehmen und einzufrieren, bevor auch dieser entfernt würde – Social Freezing. „Mir war klar, dass ich das niemals selbst finanzieren könnte.“ Neben den Kosten bereitete ihr ein weiterer Aspekt Sorgen. „Ich wusste, dass es Monate dauern würde, bis ich wieder hergestellt sein würde. Wie soll ich diese Lücke später einmal in meinem Lebenslauf erklären?“ Sie lächelt. „Wie gesagt, ich bin eben ehrgeizig.“

Es war ihre Mutter, die ihre Hand hielt, damals im Krankenhaus, und die sie bei den weiteren drei Eingriffen begleitete. Und ihr Vater, der keinen Moment zögerte, sie zu unterstützen. „Ihm war meine eigene Gesundheit das Wichtigste“, sagt Johanna S.. „Er hat ja auch Recht. Was bringt es, wenn ich ein Kind bekomme und dann an Krebs sterbe?“ So finanzierte der Vater das, was sie jetzt ihr größtes Glück nennt: Neun Eizellen, die tiefgefroren in der „Kryobank“ im Kinderwunschzentrums an der Landgrafenstraße auf den Tag warten, an dem Johanna bereit ist, Mutter zu werden.

Fast 14.000 Euro hat ihr Vater für die zwei Entnahmen von Johannas Eizellen bezahlt – mehr als in anderen Fällen, weil Johanna besonders viele Medikamente brauchte. Trotz medizinischer Indikation übernahm ihre Krankenkasse die Kosten nicht. Zwar hatte sie deswegen sogar persönlich einen Termin dort vereinbart. „Aber der Berater machte mir so wenig Hoffnung, dass ich keinen Antrag stellte.“ Die gesetzlichen Krankenkassen verweigern die Finanzierung für die Kryokonservierung meist mit dem Hinweis, es sei nur eine „Zusatzleistung“ zur künstlichen Befruchtung.

Im Krankenhaus teilte sich Johanna das Zimmer mit einer jungen Frau, sie war drei Jahre jünger als Johanna. Ihre Chance, je Kinder zu bekommen, waren noch schlechter als Johannas. Sie sprachen lange darüber, wie es sich anfühlt, wenn man weiß, dass man wahrscheinlich nie Mutter sein wird.

Für die Zimmernachbarin kam Social Freezing nicht in Frage. „Sie hatte niemanden, der es bezahlte“, sagt Johanna S. „Ich fand es einfach ungerecht. Wieso soll ich diese Chance haben, sie aber nicht?“ Auch deshalb beschloss sie, ihre Geschichte öffentlich zu erzählen. „In der Politik ist dauernd die Rede davon, was gegen den demografischen Wandel getan werden kann“, sagt sie. „Dass es ausgerechnet in Deutschland vom Geld abhängt, ob eine junge Frau mit einem medizinischen Problem Mutter werden kann, finde ich eine Schande.“

Johannas Hände liegen wieder über ihrem Bauch. Sie hat Schmerzen, fast immer. Mit dem zweiten Eierstock wurde auch das Bauchfell entfernt, zudem stellten die Ärzte eine Endometriose fest. Sie formt die Hände in der Größe der inneren Wunden. Und deutet die äußere Narbe an, die nicht so verheilt, wie es die Ärzte es versprachen. „Mein Bauch war für immer mein heiligster Körperteil“, sagt sie. „Er ist es, was mich als Frau ausmacht.“ Bisher reichte es, wenn sie dafür zum Sport ging. Jetzt nimmt sie Hormone, um nicht vorzeitig in die Wechseljahre zu kommen. Vielleicht wird eine weitere Operation nötig sein, um die Narbe zu glätten.

Johanna hofft, dass die Schmerzen irgendwann verschwinden, ebenso wie die Blutungen und die Nebenwirkungen der Medikamente, die es ihr an manchen Tagen schwer machen zu arbeiten. Und dass sie dann, in zwei oder drei Jahren, bereit sein wird für einen weiteren Eingriff - die künstliche Befruchtung, die in ihrem Fall eine Besonderheit hat: Ihre Eizellen sind schon befruchtet. Doch der Mann, der seinen Samen für die Befruchtung gegeben hat, wird nicht der Vater sein, mit dem Johannas Kind einmal aufwächst.

Ihre Tochter soll zwei Mütter haben

„Ich weiß, dass meine Chance nicht mehr sehr groß ist, tatsächlich ein Kind zu bekommen“, sagt Johanna. Neun eingelagerte Eizellen sind statistisch gesehen wenig. Etwas größer ist ihre Chance, schwanger zu werden, weil die Eizellen bereits beim Einfrieren befruchtet waren. Ihre Tochter, sagt Johanna S. selbstbewusst, wird einmal zwei Mütter haben. Sie ist lesbisch.

Die Samen hat ein homosexueller Freund gespendet. Er hat auch alle Formulare unterschrieben, die in Deutschland für eine Samenspende nötig sind. Johanna S.' Ärzte wussten von all dem nichts. Bei anonym gezeugten Kindern drohen den behandelnden Ärzten anderenfalls juristische Folgen - sie können unter anderem für den Unterhalt des Kindes herangezogen werden.

Seit sie 17 war, wusste Johanna S., dass sie Frauen lieber mag als Männer. Mit ihrer ersten großen Liebe träumte sie auch von einem Baby. „Wir stellten uns vor, wir würden uns jeweils eine befruchtete Eizelle der anderen einpflanzen lassen, und dann würde jeweils eine von uns das Kind der anderen austragen.“ Es blieb beim Traum. Zwar können Frauen theoretisch tatsächlich mithilfe der künstlichen Befruchtung das Kind ihrer Partnerin austragen - sofern sich ein Samenspender findet. Doch in Deutschland ist nicht nur die Eizellspende verboten. Gleichgeschlechtliche Paare dürfen nach geltendem Gesetz auch kein Kind adoptieren, nicht einmal das eines eingetragenen Partners. Im Gegensatz zu Ländern wie den Niederlanden oder den USA. Im Ausland, sagt Johanna S., gelte Deutschland als sehr liberal. „Ich höre das oft von ausländischen Bekannten, gerade in Berlin. Aber unsere Gesellschaft ist da leider viel weiter als die Politik.“

Fragen wie diese zeigen, wie schwer es sein kann, die Möglichkeiten der Fortpflanzungsmedizin mit denen des wirklichen Lebens überein zu bringen. Wer soll darüber bestimmen? Die Politik? Bundeskanzlerin Angela Merkel bekannte kürzlich im Wahlkampf, sie tue sich schwer, wenn gleichgeschlechtliche und heterosexuelle Elternpaare gleichgestellt würden. Sie bekam viel Kritik, auch vom Koalitionspartner FDP und der Opposition. Nach dem Willen der CDU soll das Bundesverfassungsgericht entscheiden.

Auch die jahrelange Diskussion um die Präimplantationsdiagnostik (PID) hat gezeigt, an welche ethischen Grenzen der medizinische Fortschritt führt. Jahrelang stritt der Deutsche Ethikrat um eine Stellungnahme zur PID. Es ging um die Möglichkeit, Embryonen vor der künstlichen Befruchtung zu untersuchen und gegebenenfalls zu selektieren. Lange wurde abgewogen zwischen dem Anspruch von Eltern, sich gegen ein schwerbehindertes Kind zu entscheiden und denen des ungeborenen Lebens, überhaupt auf die Welt zu kommen.

Wird nun Social Freezing das nächste große Thema? Christiane Woopen, Vorsitzende des Ethikrates, warnte im Sommer in der „Zeit“ vor dem Versuch, „ein soziales Problem biologisch zu lösen“. Man müsse aufpassen, wenn technische Lösungen für schwierige Einzelschicksale zur normalen Praxis würden. „Der Akt der körperlichen Vereinigung in liebevoller Hingabe, aus der ein Kind entsteht ist etwas anderes, als wenn man diesen Vorgang ohne Not ins Labor verlegt.“

Jurist Jochen Taupitz gehört zu den stellvertretenden Vorsitzenden des Ethikrates. Er sieht Social Freezing ebenfalls als Symptom einer gesellschaftlichen Entwicklung. „Es ist bedenklich, wenn unsere Gesellschaft Frauen dazu drängt, ihre Kinder immer später zu bekommen, aus finanziellen oder beruflichen Gründe oder auch wegen des Lifestyles“, sagt er.

Eizellen gehören allein der Frau

Als Jurist habe er andererseits keine Bedenken. Dürfen Frauen Eizellen spenden, etwa, wenn sie sie nicht mehr selbst benötigen? „Die Eizellen gehören allein der Frau, der sie entnommen werden“, sagt Taupitz. „Sie dürfen aber nach deutschem Recht nicht auf eine andere Frau übertragen werden.“ Abseits davon, sagt Taupitz, dürfen Frauen in Deutschland selbst entscheiden, ob die Zellen vernichtet werden sollen oder beispielsweise der Forschung zur Verfügung stehen sollen, wenn sie nicht mehr gebraucht werden. „Darüber sagt das Embryonenschutzgesetz nichts.“ Wichtig sei, die Frauen über die medizinischen, finanziellen und auch juristischen Bedingungen ausführlich aufzuklären. „Ich rate dazu, dies möglichst genau in einer Vereinbarung festzulegen.“

Als vor einigen Jahren die italienische Sängerin Gianna Nannini mit 54 noch Mutter wurde, diskutierten die Medien das Thema „alte Mütter“ ausführlich. Aus Italien und Rumänien wurden Fälle bekannt, in denen sogar über 60-Jährige noch Kinder bekamen. In Ländern wie Spanien oder den USA haben sich Kliniken auf die zahlungskräftige Zielgruppe der älteren Frauen mit Kinderwunsch spezialisiert. Mit dem Social Freezing können solche Frauen jetzt auch in Deutschland noch schwanger werden. Aber ist das sinnvoll? Jochen Taupitz sagt: Eine feste Altersgrenze für die Schwangerschaft widerspreche Selbstbestimmungsrecht der Frau – und dem gesunden Menschenverstand. „Es gibt genügend Beispiele von ‚alten’ Eltern und auch Großeltern, die in der Lage sind, Kinder gut aufzuziehen – manchmal sogar besser als junge Menschen.“

Im Ethikrat steht das Thema Social Freezing dennoch nicht auf der Agenda. Zunächst, sagt Taupitz, werde man eine viel grundsätzlichere Frage diskutieren. „Nämlich, ob das gefährdete Wohl eines zukünftigen Kindes ein Argument sein darf, dieses gar nicht erst zu zeugen.“

Ob Social Freezing tatsächlich zu einer größeren „Baby-take-home“-Rate in Deutschland führen wird, bleibt abzuwarten. Für Frauen wie Susanne K. oder Johanna S. haben die Debatten darum wenig mit der Wirklichkeit zu tun. Beide rechnen damit, dass sie in einigen Jahren vielleicht doch ins Ausland fahren, um nicht gegen deutsche Gesetze zu verstoßen - nur, weil sie Mutter werden wollen.

*Name geändert