Verkehrsunternehmen

Bequem, billig – und verspätet

Seit Freitag fährt der ADAC-Postbus von Berlin aus 15 deutsche Großstädte an und macht den Fernbusanbietern Konkurrenz. Eine Probefahrt

Der Bus ist nur knapp vor einer roten Ampel zum Stehen gekommen, aber Marc Fleischhauer lächelt schon wieder. In Krawatte und Jackett steht er vor den Sitzreihen, er strauchelt noch etwas, weil der Fahrer wirklich sehr plötzlich auf die Bremse getreten ist. Doch schnell hat Fleischhauer, Geschäftsführer der Deutsche Post Mobility GmbH, sein Gleichgewicht wieder zurück. Er sagt ins Mikrofon: „Das war ein Sicherheitstest“ und ruft ein „ja, die Bremsen funktionieren sehr gut“ hinterher. Tatsächlich, einige Fahrgäste lachen darüber.

Die gute Laune von Marc Fleischhauer scheint unverwüstlich zu sein. Kein Wunder. Für seine Mitreisenden sind es vielleicht nur drei Stunden Fahrt auf der Autobahn. Aber für ihn ist es die erste Etappe zu einem großen Ziel: Die Firma soll einen Millionenmarkt erobern, der gerade erst eröffnet wurde. Und das mitten in Deutschland.

ADAC-Postbus heißt das Projekt, das am Freitag mit einer ersten offiziellen Fahrt von Berlin nach Hamburg an den Start ging. Von Berlin aus geht es in 15 deutsche Großstädte. Bereits 2014 sollen die Verbindungen ein bundesweites Netz bilden. Zwei bundesrepublikanische Giganten haben sich verbündet: Der Deutsche Automobilclub (ADAC, 18 Millionen Mitglieder) und die Deutsche Post (DHL, 55 Milliarden Euro Umsatz in 2012). Wer mit dem Bus fährt, merkt: Die mächtige Allianz meint es ernst. Bereits seit Beginn des Jahres ist das Monopol der Deutschen Bahn für Städteverbindungen gefallen. Inzwischen bieten mehrere Unternehmen innerdeutsche Routen über die Autobahn an. Die Busse sind langsamer als die Bahn, aber die Fahrpreise sind erheblich niedriger.

Dennoch, um neun Uhr morgens am Busbahnhof am Funkturm sieht es zunächst nicht so aus, als hätten die Kunden ungeduldig auf den Start der gelben Busse gewartet. Nur eine Handvoll zahlender Fahrgäste sitzt in diesem Bus, den Geschäftsführer Fleischhauer persönlich begleitet. Kein Wunder, dass es keinen Andrang gibt, noch kennt kaum jemand den ADAC-Bus, und in den Buchten nebenan stehen viele Busse anderer Anbieter, die bereits seit Monaten auf dem Markt sind. Aber das scheint Fleischhauer nicht zu stören. Er sagt, man habe sich mit dem Markteintritt eben etwas mehr Zeit gelassen, aber dafür umso sorgfältiger geplant. Wieder dieses Fleischhauer-Lächeln. Er sagt: „Wir wollen auch nicht die billigsten sein, sondern setzen auf Qualität.“

Nach Billig-Flieger-Maßstäben

Allerdings ist so eine Fernbusreise zunächst weniger mondän als eine Bahnfahrt, zumindest, wenn sie am ZOB an der Messe beginnt. Der ist nämlich „klein und schmuddelig“, sagt Melitta Erhardt, die über das Fernsehen von dem neuen ADAC-Bus erfahren hat und nun ihren Sohn in Hamburg besuchen will. Aber als die Dame dem Busfahrer ihren Koffer gegeben und sie selbst Platz genommen hat, sagt sie Wörter wie „komfortabel“ und „bequem“. Tatsächlich, die Beinfreiheit ist – gemessen an Billig-Flieger-Maßstäben – bemerkenswert. Erhardt sagt, dass sie es gut finde, dass die Bahn „endlich Konkurrenz“ bekomme. Seit Jahrzehnten fährt sie auf die Nordseeinsel Spiekeroog, früher habe sie von Berlin mehr als zwölf Stunden dorthin gebraucht. „Viermal umsteigen, das muss man sich mal vorstellen.“ Inzwischen gebe es auch eine komfortable Verbindung mit dem Bus an die Küste, die eines anderen Anbieters allerdings.

Je nachdem, wie früh die Fahrt gebucht wurde, kostet die Fahrt von Berlin nach Hamburg mit dem ADAC-Postbus zwischen zwölf und 29 Euro, sie soll drei Stunden dauern. Die Bahn schafft die Strecke zwar unter zwei Stunden, dafür kostet ein Ticket ohne Bahncard mehr als 70 Euro. Es gibt allerdings Anbieter, die deutlich günstiger sind.

Marc Fleischhauer sagt, „einstellige Fahrpreise“ gebe es beim Postbus nicht, er redet lieber von Komfort und Entertainment an Bord. Auch Rollstuhlfahrer können bequem in den Bus einsteigen, dazu gibt es kostenloses Internet. Wer einen Computer dabei hat, darf auf Filme zugreifen. Bordunterhaltung, von „Lufthansa“ entwickelt, wie der Geschäftsführer erzählt. Zwar funktioniert das Internet ausgerechnet auf dieser Probefahrt nicht, aber auch das vertreibt nicht Fleischhauers unbeirrtes Lächeln: „Kinderkrankheiten“, sagt er.

Kleinigkeiten eben. Sonst ist alles gründlich vorbereitet. Sogar ein extra produziertes Bordmagazin liegt im Bus aus. Eine Geschichte darin widmet sich der großen Tradition der Postbusse in Deutschland seit dem Jahr 1686, sogar der „Reisende Johann Wolfgang von Goethe“ wird zitiert. Diese Tradition werde nun fortgeführt, heißt es in dem Hochglanzheft. Zwar transportieren die Busse heute gar keine Briefe und sind deshalb auch keine Postbusse, aber es klingt trotzdem gut.

Geschäftsmodell der Zukunft

Fleischhauer lächelt wieder. „Zwei starke Marken“, seien die Post und der ADAC. Natürlich haben Wettbewerber, etwa „Flix Bus“ oder „Mein Fernbus“ kritisiert, dass die Post ihre Finanzkraft per Briefmonopol verdient habe und es nicht fair sei, dass sie nun den Fernbusmarkt erobern wolle. Auch sei der ADAC ein gemeinnütziger Verein, der keine großen Gewinne machen dürfe. Doch Fleischhauer scheint das nicht zu beeindrucken, die Bahn sei ein komplett staatliches Unternehmen, kontert er. Außerdem leite er eine Tochterfirma des ADAC, und die dürfe sehr wohl Gewinne machen.

Der Bus fährt leise und gleichmäßig. Aber als ein viel zu lauter Fahrgast schon wieder über „Thai-Massagen“ und „Peepshows“ spricht, fällt einem auf, was eigentlich nicht zum ADAC passt. Der Geist dieses Clubs ist doch gewesen, auf seinen eigenen vier Rädern zu fahren, nicht mit bis zu 60 fremden Mitfahrern in einem Bus. Aber die Welt der Menschen mit eigenem Motor wird kleiner. In Großstädten wie Berlin hat die Mehrheit der unter 30-Jährigen gar kein eigenes Auto mehr. Fleischhauer sagt: „Wir denken eben auch an die Leute, die das Lenkrad mal aus der Hand geben wollen.“ Das bedeutet: Auch der ADAC muss nach neuen Geschäftsmodellen für die Zukunft suchen. Reisebusse könnten eine Chance sein.

Mit einer halben Stunde Verspätung erreicht der Bus Hamburg. Für Geschäftsführer Fleischhauer kein Grund, nicht zu lächeln.