Preiserhöhung

Kalte Dusche an der Kasse

Bäder wollen mit neuen Tarifen Defizit senken. Nur Großfamilien und Vielschwimmer entlastet

Im Bad auf der Fischerinsel in Mitte haben Schwimmer an diesem frühen Freitagnachmittag viel Platz. Das Becken ist beinahe leer. Nur vereinzelt betreten Badelustige den Kassenraum – überwiegend ältere Herren. Die Pläne der Berliner Bäderbetriebe, die Eintrittpreise um durchschnittlich 20 Prozent zu erhöhen, kommen bei den Besuchern hier nicht gut an. „Ich finde das schon jetzt viel zu teuer“, sagt Helmut Werner, 60. Daran ändere auch nichts, dass nach dem Konzept des neuen Bäderchefs Ole Bested Hensing die Ticketpreise zwischen 10 und 15 Uhr sogar sinken sollen. „Ich komme nur selten dazu, so früh schwimmen zu gehen“, sagt Werner.

Ole Bested Hensing will das landeseigene Unternehmen mit einer neuen Tarifstruktur aus der Verlustzone bringen. Nach den bisher bekannten Zahlen soll der Preis für eine Einzelkarte von jetzt 4,50 auf 5,50 Euro angehoben werden. Erst im Mai war der Preis für das Einzelticket von damals vier auf 4,50 Euro gestiegen. Neu soll ein Basistarif sein, der montags bis freitags von 10 bis 15 Uhr gilt. Wer in diesen sonst publikumsarmen Zeiten die Schwimmbecken nutzt, soll nur 3,50 (ermäßigt zwei Euro) zahlen. Der Preis für das Früh- und Spätschwimmen bis 8 beziehungsweise ab 20 Uhr soll von 2,80 Euro auf 3,50 steigen. Dafür wollen die Bäderbetriebe dieses Angebot allerdings auf weniger attraktive Bäder beschränken und es nur als Kurzzeittarif für 45 Minuten anbieten.

Am Freitag hat der Aufsichtsrat der Bäderbetriebe das neue Konzept beraten. Das Gremium habe die neue Tarifsatzung mit Änderungen beschlossen, sagte Stefan Sukale, Sprecher von Innensenator Frank Henkel (CDU). Der Vorstand der Bäderbetriebe werde die Änderungen einarbeiten und am Montag der Öffentlichkeit vorstellen. Die Tarifsatzung müsse von der Innenbehörde noch genehmigt werden.

Besonders nachteilig wäre die neue Tarifstruktur für kleine Familien: Bisher können Alleinerziehende und Kleinfamilien für acht Euro ein Familienticket für drei Personen nehmen. Voraussetzung: Mindestens ein Erwachsener und ein Kind mussten zu der Gruppe gehören. Die neue Familienkarte soll sich um mehr als 50 Prozent auf 12,50 Euro verteuern. Das kommt großen Familien zugute: Mindestens zwei Erwachsene und ein Kind müssen gemeinsam schwimmen gehen, bis zu fünf weitere Kinder können mit ins Bad genommen werden.

Für Virginia Brettschneider aus Mitte sind die städtischen Bäder längst unattraktiv geworden. Früher habe sie mit ihrer Tochter Skye, 3, das Bad auf der Fischerinsel öfter besucht. „Aber da ist es viel zu kalt für ein Kind“, sagte die 24-Jährige. Wenn es künftig Familienkarten nur noch für größere Gruppen geben sollte, werde sie die Bäder sicher nie wieder nutzen. „Ich gehe höchstens mit meiner Tochter und zwei Pflegekindern zum Schwimmen“, sagte sie. Ohne eine Familienkarte sei das aber zu teuer.

Umland attraktiver

Der Vorstandvorsitzende der Bäder-Betriebe, Ole Bested Hensing, hofft durch die neue Preisstruktur auf Mehreinnahmen von 2,2 Millionen Euro. Die Anstalt öffentlichen Rechts hatte im vergangenen Jahr ein Defizit von 43,4 Millionen Euro erwirtschaftet, das aus der Landeskasse ausgeglichen werden muss. Hensing, der zuletzt das Badeparadies Tropical Islands leitete, möchte auch anspruchsvolle Besucher für die Berliner Bäder gewinnen, die bisher Thermen im Umland nutzen. So will er in einigen Hallen mit Wassertemperaturen von 30 Grad Wellness-Anhänger anlocken. Auch Virginia Brettschneider fährt inzwischen mit ihrer Familie meist ins Umland zum Baden. Höhere Eintrittspreise will sie selbst dann nicht akzeptieren, wenn im Gegenzug die Temperatur in den Becken aufgeheizt würde. „Es ist doch selbstverständlich, dass man in einem Schwimmbad nicht frieren will“, betonte sie.

Sportpolitiker begrüßten hingegen die Grundidee des künftigen Tarifsystems. „Nach vielen Jahren des Einheitstarifs geht es nun wieder stärker auf die unterschiedlichen Kundenbedürfnisse ein“, so der sportpolitische Sprecher der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus, Dennis Buchner. Auch sein CDU-Kollege Peter Trapp begrüßte die geplanten Gebührensenkungen in publikumsarmen Zeiten. Martin Beck, sportpolitischer Sprecher der Grünen, hofft, dass durch die neuen Preise die städtischen Bäder auch für Rentner und Arbeitslose wieder bezahlbar werden. „Wenn es eine flexiblere Tarifstruktur gibt, ist das gut“, sagte er.