Wetterlage

Frühling im Oktober

Berlin genießt die Sonne. In Klimafragen kooperiert der Senat jetzt mit dem Wetterdienst

Die Sonne scheint, Menschen laufen in T-Shirts durch die Parks. Auch heute sollen die Temperaturen wieder bei mindestens 21 Grad liegen. Es scheint, als ob der Frühling einfach Herbst und Winter übersprungen hat und sich nun in der Stadt breitmacht. Erwarten uns jetzt Frühlingsgefühle im Berliner Herbst? Schön wär’s. Christina Koppe vom Deutschen Wetterdienst in Freiburg muss da ein wenig enttäuschen. Denn eigentlich reagiert der menschliche Körper nur auf häufige und schnelle Wetteränderungen, egal ob von warm zu kalt oder umgekehrt. „Bei mehreren warmen Tagen, wie wir sie jetzt haben, muss der Körper am Anfang einmal eine Änderung von kalt zu warm durchmachen, und dann gewöhnt er sich schnell an die Temperaturen“, erklärt die Medizinmeteorologin. Auf den Körper wirken sich die frühlingshaften Temperaturen also nicht direkt aus.

Und trotzdem wird die Laune bei vielen Menschen merklich besser. Doch das hat Gründe, die mit dem Wetter nur indirekt zu tun haben. „Wenn es warm und trocken ist, zieht es die Menschen nach draußen ins Freie. Durch die Bewegung an der frischen Luft werden dann Glückshormone freigesetzt“, sagt Christina Koppe. Dieser Effekt ist aber völlig unabhängig vom Wetter, denn es kommt auf die Bewegung an. Ob nun bei Regen oder Sonnenschein. Bei Regen verkriecht man sich einfach lieber unter der Wolldecke auf dem Sofa. Und außer auf die Motivation hat die Sonne noch einen anderen Effekt. Denn trifft das Licht der Sonne auf die Augen, schüttet der Körper Serotonin aus. Ein Glückshormon, das das allgemeine Wohlbefinden steigert und schlechte Laune vertreibt. Das hat aber wiederum nichts mit den hohen Temperaturen zu tun, die den Berlinern noch in den nächsten Tagen erhalten bleiben. Die gut 21 Grad, die Meteorologen für Dienstag in Berlin erwarten, sind dabei bei Weitem nicht der höchste Oktober-Wert. Den wärmsten Tag des Herbstmonats hat der Deutsche Wetterdienst (DWD) am 4. Oktober 1985 gemessen. Damals stieg die Quecksilbersäule des Thermometers auf stolze 28,3 Grad (siehe Tabelle). Die Daten des DWD belegen aber, dass die Lufttemperatur im Jahresmittel in Berlin tendenziell steigt, die Zahl der heißen Tage mit Temperaturen von mehr als 30 Grad zunimmt. Zugleich steigt die Zahl der sogenannten Extremwetterereignisse wie Starkregen oder Sturm. „Der Klimawandel findet statt“, sagte am Montag DWD-Vizepräsident Paul Becker. „Eine Entwarnung gibt es nicht.“

Klimawandel auch in Berlin

Große Städte und Ballungsräume wie Berlin zählen dabei zu den Hauptverursachern menschengemachter Klimaveränderungen, zugleich aber auch zu den Hauptleidtragenden. Um die Folgen in Berlin zu erkennen und Gegenstrategien zu entwickeln, unterzeichnete die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt am Montag eine Vereinbarung mit dem DWD, die zunächst bis Ende 2016 eine enge Zusammenarbeit zwischen dem Land und den Wetterexperten festschreibt. Vor allem geht es dabei um den Austausch von Daten. Die DWD-Wissenschaftler liefern beispielsweise Messwerte von Wetterstationen oder Radardaten. Sie können, so Becker, mit „hochaufgelösten Simulationsmodellen“ aber auch die Folgen von Stadtentwicklungsprojekten für das Stadtklima vorhersagen. Das Land stellt Informationen zur aktuellen und geplanten Flächennutzung, zur Wasserwirtschaft sowie eigene Messdaten – etwa zur Belastung mit Luftschadstoffen – bereit. Das Ziel ist es, so Staatssekretär Christian Gaebler, „Berlin auch unter den Bedingungen eines sich verändernden Klimas als lebensfähige und lebenswerte Stadt zu erhalten“.

Nach Gaeblers Angaben erwartet Berlin von der Zusammenarbeit positive Effekte in vielen Bereichen. Das Land sehe einen Nutzen „bei der Stadt- und Regionalplanung, der Wasserwirtschaft, dem Natur- und Landschaftsschutz, der Forstwirtschaft und dem Stadtgrün“, sagte Gaebler. „Aber auch Bevölkerungs-, Katastrophen- und Gesundheitsschutz sind durchaus Bereiche, die von einer Zusammenarbeit profitieren.“ So seien von Hitze- und Trockenperioden, Starkregen und Stürmen nicht nur die Bevölkerung betroffen. Beispielsweise leide auch die Infrastruktur. Bei der Frage, wie Berlin gegensteuern könne, gehe es nicht nur um vergleichsweise simple Fragen wie jene nach dem Anteil an Grünflächen. Es gehe bei Neubauprojekten oder Sanierungen beispielsweise auch um Fassaden-Materialien und -Farben.

Schutz vor Klimakatastrophen

DWD-Vizepräsident Becker bezeichnete die Kooperation als „Win-win-Situation“. Der DWD biete nicht nur seine Daten und sein Wissen an, „er bekommt vom Land Berlin auch Informationen aus dem gesamten Stadtgebiet, die für unsere Wetter- und Klimaanalyse unverzichtbar sind“. Die eigentlichen Gewinner seien aber die Berliner. Das Land könne sich durch den Datenaustausch und die Beratung „noch besser vor Katastrophen schützen und auf den Klimawandel vorbereiten“. Dank moderner Technik könne der Wetterdienst inzwischen nicht nur Klimamodelle simulieren. Durch die Kombination mit demografischen Daten sei es möglich, Betroffenenkarten zu erstellen – also jene Bereiche der Stadt zu erkennen, in denen etwa ältere Menschen in Zukunft besonders unter Klimaveränderungen leiden werden.