Serie: Nachts in Berlin

„Nacht, hülle uns in Dunkelheit“

Draußen leuchten die Lichter einer Tabledance-Bar, drinnen herrscht Hochkultur. Das Publikum trägt Regenmantel zum Abendkleid, Pragmatismus ist gefragt, sei das Programm auch noch so glamourös. Ein Abend in der Deutschen Oper

Der Zeiger nähert sich der 20. Stunde des Tages. In Charlottenburg steht Lady Macbeth vor Beton, der ist so grau wie das Geschäftskostüm, das sich über ihre Rundungen spannt. „Nacht, hülle uns in Dunkelheit“ singt sie mit einer Intensität, dass in einem nicht nur die Sorge um das eigene Trommelfell, sondern auch um die Knöpfe ihres Kostüms erwacht. Draußen auf der Bismarckstraße nieselt es aus schwarzen Wolken. Das Neonlicht eines Tabledance-Clubs spiegelt sich in den nassen Fahrbahnen. Ein Großstädter in Gore-Tex flucht, dass seine Zigarette nicht wasserabweisend ist. Aber von all dem bekommt der Berliner Opernbesucher keinen Wind.

Eine massive Steinwand, glatt und schmucklos, nicht elegant aber effektvoll, hält den Großstadtlärm für drei Stunden von ihm fern. Er sitzt im Trockenen, auf Polstersitzen deren Sprungfedern sich gegen sein Sitzfleisch drücken. Aber während seine Ohren mit den Kompositionen von Giuseppe Verdi und seine Nase immerhin mit dem Parfum der Nebensitzenden verwöhnt werden, schaut sein Auge, wie auch im Alltag, auf Beton.

Eleganz und Glamour sind nicht ihre Spezialität. Die Deutsche Oper Berlin ist das Kriegsopfer unter den Opernhäusern. Denn der Vorgängerbau an gleicher Stelle wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Mit rund 1900 Sitzplätzen ist der 1960er-Jahre Opernbau zwar der fassungsstärkste Berlins, der optisch imposanteste ist er deswegen aber nicht. Und gerade deshalb passt die „Macbeth“-Inszenierung von Robert Carsen – obwohl ursprünglich für Köln erdacht – auch ganz besonders gut nach Berlin.

Das Bühnenbild ist eine Mauer. Und das Farbspektrum der Inszenierung gleicht Berlin an einem Regentag. Grau in Grau. Einzig Lady Macbeth schmeißt sich für das Bankett nach der Krönung ihres Mannes in Schale und trägt ein grünes Abendkleid.

Der Pflastersteincharme der Opernnacht gefällt nicht jedem. „Man erkennt das Stück nicht wieder“, wird sich eine Zuschauerin in der Pause vor der Bar ereifern. „Berlin hat keinen Glamour. Wenn man das mit Wien, Paris oder New York vergleicht.“ Sie wird kaum zum Luftholen kommen, wild gestikulierend. Die junge Dame ist aus Bern nach Berlin gereist. Kunstvoll hat sie extra ein Tuch um die Schultern drapiert, das von einer Brosche gehalten wird. So geht sie nicht alle Tage vor die Tür. Sie hat gedacht, dass sie sich mit dem Opernticket einen eleganten Abend einlöst. Stattdessen wird sie an der Opern-Bar eine Cola light bestellen. Das ist Berlin.

Schließlich beginnt die Charlottenburger-Nacht schon unglamourös. Pünktlich zum Einlass steht ein „Straßenfeger“-Verkäufer im Windfang der Deutschen Oper. Es regnet draußen. Aber das Opernpublikum strömt an ihm vorbei. Er will Cents und Euros und bekommt doch nur Blicke von den Touristen. Französische Austauschstudenten im falschen Tigerfellmantel und mit Herrenschuhen zu Damenkleidern huschen laut durcheinander redend an ihm vorbei. Die letzte Zigarette vor Verdi haben sie gerade vor der Tür ausgetreten.

Und im Foyer? Effektvoll läuft das Samstagabendvolk über den kalten Steinfußboden. Und wer genau hinhört, der kann die Leute schon am Klang unterscheiden. Die Damen, die täglich auf hohen Absätzen laufen von denjenigen, für die der hohe Schuh nur eine Opern-Verkleidung ist. Aber das Berliner Parkett ist ein Pflaster. Die Anlässe für einen Stöckelschuh sind selten.

Auch die Gelegenheiten für Cocktailkleider sind rar gesät. Und so schauen an diesem Abend unter dicken Woll- und Polyestergemischmänteln häufiger Kleider hervor, die schon mal einen anderen großen Auftritt hatten: Auf der Hochzeit der besten Freundin etwa, dem Abiturball der kleinen Cousine oder – daheim vor dem Spiegel. Der männliche Berliner Opernbesucher trägt einfach Anzug. Ohne Krawatte, ohne Fliege, das wäre provinziell, dafür aber mit einer bunten Regenjacke darüber. Da ist man hier ganz praktisch veranlagt.

„Berlin hat keinen Glamour“, echauffiert sich die Frau aus Bern erneut und redet dann über die Met. Auch wenn sie noch nie da war.

Vor der Aufführung sitzt zwischen hellem Holz, Spiegeln und kleinen Lampen eine hochgewachsene junge Frau in der Nähe der Garderobe. Sie scrollt durch ihr Smartphone. Was macht sie da? Sie liest sich die Handlung noch mal durch. Sie studiert Tanz und Gesang in Zehlendorf. In die Oper geht sie öfter, auch alleine, so wie an diesem Abend. Zuletzt hat sie hier „Nabucco“ und die „Zauberflöte“ gesehen. Wie sie es fand? „Ganz gut“, sagt sie. Und dieses Urteil muss reichen.

Im Saal sitzen viele Familien und Paare fortgeschrittenen Alters. Die Familien sind keine Berliner Familien. Sie kommen aus Frankreich, der Schweiz, Italien und aus den USA. Für sie findet heute der Kulturabend ihres Städtetrips statt.

Für eine Berliner Dame Ende fünfzig geht es heute um ein bisschen mehr als nur um Kultur. An ihrer Seite sitzt ein gepflegter Herr ohne Ring am Finger. Ein Rendezvous. „Meinst du, ich brauch gleich ein Taschentuch?“, fragt die Frau ihren Begleiter und legt dabei die Hand affektiert auf die dünnhäutige Halsgegend.

„Bei Macbeth?“, fragt ihre Begleitung nüchtern zurück. Er sieht sie nicht an, schaut nach vorn auf eine Bühne, auf der noch keine Handlung spielt. Den Akt des Flirtens, in den er gerade eingebunden werden soll, erkennt er nicht. „Ich muss immer so leicht weinen“, versucht die Frau es noch einmal. „Ich bin doch so nah am Wasser gebaut.“ Man muss dem Mann zu Gute halten: Das Balzverhalten seiner Begleitung ist ausbaufähig. Um 19. 30 Uhr eröffnet eine Frau im Scheinwerferlicht die Handlung auf der Bühne. Der Darsteller des Banquo sei erkältet, sagt sie. Die Betroffenheit in ihrer Stimme und die unglückliche Ausleuchtung ihrer Person sorgen für einen unglücklichen Ausdruck auf den Gesichtern im Publikum. „Aber er singt trotzdem“, sagt die Person im Scheinwerferlicht und dann: „Haben Sie nur Nachsicht mit ihm.“ Der Saal atmet auf. Und schon jetzt ist klar, ohne diese Ankündigung hätte kein Opernbesucher je von der Erkältung des Banquos erfahren. Aber nun wird mindestens jede dritte Besuchergruppierung nach Banquos erstem Part tuscheln: „Das ist jetzt der mit der Erkältung?“

Die Geschichte der Tragödie, die sich nun vor aller Augen abspielt, ist altbekannt: Von einer Prophezeiung der Hexen – heute Nacht sind es Putzfrauen – und seiner machtgierigen Frau verleitet, ist der Heerführer Macbeth wild entschlossen, König von Schottland zu werden. Aber der einzige Weg zum Thron führt für ihn über Leichen. Macbeth wird zum Tyrann, seine Lady wahnsinnig. Und am Ende sind alle tot und ein anderer wird zum König.

In Charlottenburg beschließt Macbeth um zwanzig nach acht den zweiten Mord des Abends. Ein italienischer Familienvater nickt jeden Ton seines Gesanges mit. Kaum hat er geendet, ruft er „Brava, brava!“ durch den Saal. Kurz danach wird der erkältete Banquo in seinem Büro erschossen. Das Wort Schreibtischtäter bekommt kurz eine neue Bedeutung, aber dann wird alles Denken in den Publikumsköpfen von einer Gesangswelle erfasst und weggespült. Die Inszenierung ist am stärksten in ihrem Chorgesang. Hier entwickelt die Berliner Opernacht – Optik hin, Optik her – ein gehobenes Erleben, weit weg vom Stadtalltag.

„Ich bin immer beeindruckt, wenn Menschen Talent haben“, sagt eine Besucherin mit weizenblonden Haaren nach der Aufführung, während sie die Reste ihrer Pausenbrezel aus der Handtasche nestelt. Ein älterer Herr im grauen Anzug läuft leicht verwirrt umher. Er ist auf der Suche nach der Synopsis – der textlichen Zusammenfassung – des Abends. „Ich möchte da noch mal etwas nachlesen“, wendet er sich an das Opernpersonal. „Die Synopsis gibt es beim Schließer“, sagt ihm eine Opern-Mitarbeiterin. „Schließer?“, wiederholt der ältere Herr. „Ja, bei den Menschen, die ihnen die Tür aufmachen.“ Der ältere Herr nickt vorsichtshalber. Ob er verstanden hat, wo genau er heute noch seinen roten Faden herbekommt, ist nicht klar. Um Kreise zu schließen, möchte man ihn fast mit der jungen Tänzerin und deren Smartphone zusammenführen. Die Synopsis ist heute immer nur eine Google-Suche entfernt.

Und so endet die Berliner Opernnacht tatsächlich ähnlich wie sie begann. Das Regenkostüm wird wieder über das Abendkostüm geworfen. Manch einer ist leicht alkoholisiert, manch einer nur selig, summt vor sich hin, bedankt sich bei denen, die ihn eingeladen haben „für diesen tollen Abend“ und raucht dann noch eine Zigarette. Zum Glück ist der Weg zur U-Bahn überdacht. Während der Rauch über den Köpfen aufsteigt, leuchtet das Neonlicht der Tabledance-Bar mit der Leuchtreklame eines Supermarktes auf der gegenüberliegenden Straßenseite um die Wette. Und unten im U-Bahnschacht taucht auch der Straßenfeger-Verkäufer wieder auf.

„Wat jab et denn?“, fragt er eine Frau mit Turmfrisur. „Verdi“, antwortet diese. „Schön, och, schön“, sagt der Obdachlose: „Dit is jute Musik. Da kann man jut entspannen.“ „Ja, das ist wahr“, nickt die Frau mit Turmfrisur und setzt sich neben den Obdachlosen auf die lindgrüne Bank. Es ist 22.45 Uhr. Die Oper war nur der erste Akt. Die Berliner Nacht hat gerade erst begonnen.

Heute online: Die bereits erschienenen Teile von „Nachts in Berlin“ finden Sie unter www.morgen post.de/nachts-inberlin