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Madonnas neue Nachbarschaft

Die Sängerin kommt nach Dahlem, um ihr erstes deutsches Fitness-Studio zu eröffnen. Rundherum entsteht ein neues Stadtviertel

Wenn Popikone Madonna in wenigen Stunden in Dahlem den Rhythmus vorgibt und zehn vorab gründlich gecastete Kursteilnehmer durch die Trainingseinheiten peitscht, dann hat sie schon einen abenteuerlichen Weg hinter sich gebracht. Vorbei an Bauzäunen, Kränen, Rohbauten und einem künstlichen See, von dem bislang mehr schwarze Folie als Wasser zu sehen ist. Vorbei auch an Supermärkten, Bäckern, Containern und Sandbergen. Madonnas erstes deutsches Fitnessstudio Hard Candy liegt inmitten einer Baustelle, auf der ein neues Stadtquartier entsteht.

Das Handels- und Gewerbezentrum ist bereits fertig. Seit etwas mehr als zwei Wochen ist Madonnas Studio an der Dahlemer Clayallee geöffnet, es wird bereits gestretcht, gestemmt und gegen die Schwerkraft gekämpft. Jetzt will die Sängerin doch noch persönlich kommen, um in einer Trainingsstunde das von ihr entwickelte Work-out-Programm selbst vorzustellen.

„Natürlich sind wir aufgeregt, dass die Gründerin unseres Studios vorbeikommt“, sagt Club-Berater Sebastian Siebert. Der Name von Madonna ziehe extrem, bereits nach den ersten Wochen gebe es fast 1000 Mitglieder. Drei Kursräume, davon zwei schalldicht und mit speziellem Tanzfußboden, Laufbänder mit eigenem Fernseher und Internetzugang, ein 25-Meter-Schwimmbecken, Saunen und 300 Kurse pro Monat – das wird für eine Mitgliedschaft geboten, die bei 55 Euro pro Monat anfängt. Handtuch-Service und Getränke-Flat kosten extra. Madonnas Konterfei an vielen Wänden gibt es gratis dazu.

Yoga und Wassergymnastik

Eifrig führt der Club-Berater durch das 2500 Quadratmeter große Studio mit dunklem Parkett und viel Glas. Yoga und Wassergymnastik stehen gerade auf dem Programm, die Kurse am frühen Nachmittag sind bereits gut besucht. Sebastian Siebert zeigt den Lounge-Bereich mit dunkelroten Ledersofas, das zentrale Trainings-Terminal, auf dem alle Mitglieder ihre Fortschritte überprüfen können, und die große Terrasse mit Blick auf den See, der noch kein See ist. Noch fällt der Blick – um es realistisch zu betrachten – auf eine Baustelle.

Bis tatsächlich alles so perfekt ist wie von dem 30-Jährigen beschrieben, muss nicht nur der 6700 Quadratmeter große Kunstteich mit Wasser gefüllt werden. Bis dahin müssen auch noch 130 Wohnungen und Villen gebaut, verkauft und bezogen sein. Erst dann wird sich das neue Viertel tatsächlich mit Leben füllen. „Fünf Morgen Dahlem Urban Village“ haben die Investoren – Ludwig Stoffel und Giovanna Stefanel von der Stofanel Investment AG – ihre Siedlung genannt, die auf der ehemaligen Truman Plaza an der Clayallee zwischen Argentinischer Allee und Hüttenweg entsteht.

Vor Jahrzehnten stand an dieser Stelle ein Einkaufszentrum der US-Armee, nach ihrem Abzug drehten sich die Karussells des Deutsch-Amerikanischen Volksfests auf der Brache, bis das Areal 2008 von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben verkauft wurde. Auf dem 50.000 Quadratmeter großen Grundstück werden jetzt mit insgesamt fast 200 Millionen Euro drei Projekte realisiert: ein Gewerbegebiet mit einem Ärztezentrum, das bis auf Restarbeiten fertig ist, ein Wohnviertel rund um den See, von dem bereits die ersten vier Gebäude hochgezogen sind, und ein sogenanntes Mischgebiet, in dem Büros, Wohnungen und eine Kita mit 50 Plätzen entstehen werden.

Seit drei Jahren ist Bernd Neuendorf mit dem Projekt befasst. Er hat alle Etappen mitgemacht, vor allem auch die vielen Debatten im Stadtplanungsausschuss des Bezirks. Anfangs, so erzählt er, sei ein geschlossener Gebäudering um den See geplant gewesen. Diese Idee habe man zugunsten einer lockeren, offenen Bauweise und Einzelhäusern aufgegeben. In der Debatte war auch der sechsgeschossige „Turm“ an der Ecke der Argentinischen Allee, in dem jetzt das Ärztezentrum ist. Als viel zu hoch und unangemessen für die Gegend wurde er von einigen Anwohnern kritisiert. Doch die Bauherren setzten sich durch, und der Sechsgeschosser hat sogar Akzeptanz gefunden.

„Der Turm fällt nicht negativ auf, im Gegenteil, er sorgt für einen abwechslungsreichen Eindruck“, sagt Torsten Hippe (CDU), Vorsitzender des Stadtplanungsausschusses des Bezirks. Womit er sich allerdings gar nicht abfinden kann, ist die Fassadenfarbe des Gewerbezentrums. Ein sandfarbener Stein war im Vertrag vereinbart. Mausgrau und unfreundlich sei er jetzt, sagt Hippe, eine Farbe, die viele Menschen nur an den trüben Winter erinnern würden. Hippe forderte nachdrücklich, dass die Farbe geändert werden solle. Und erreichte sein Ziel. „Wir klären gerade, wie wir die Fassade verändern können“, sagt Projektleiter Bernd Neuendorf. Entweder werde der bereits imprägnierte und verbaute Stein neu grundiert, damit eine andere Farbe darauf hält. Oder es würden Folien aufgeklebt. Ob das funktioniere, werde gerade noch getestet. Auf jeden Fall könnten die Fassadenarbeiten nicht mehr vor dem Winter starten.

Erste Villen im Sommer 2014 fertig

Der Bau der Villen am See soll hingegen im Winter weitergehen. Soweit es die Temperaturen zulassen, so Neuendorf. Er rechne damit, dass die ersten Eigentümer im Sommer 2014 einziehen können. Bereits im Spätherbst soll der See, der an der tiefsten Stelle vier Meter tief ist, vollgelaufen sein. Die Pumpen arbeiten bereits, einen guten Meter haben sie schon geschafft. Wie die Fangarme einer Krake – so werden sich sechs Wasserläufe des Teichs bis an die Villen heranschlängeln. An einigen Häusern reichen die Terrassen bis ans Wasser. Der See soll mit Schilf und Wasserpflanzen so naturnah wie möglich gestaltet werden und sich eines Tages selbst reinigen.

Allein 400 neue Bewohner werden eines Tages im Viertel „Fünf Morgen“ leben. Doch Dahlem wächst noch weiter. Derzeit gibt es vier Wohnungsbauprojekte rund um die Kreuzung Clayallee/Argentinische Allee. Neben dem Projekt auf der Truman Plaza sind auch noch Wohnquartiere auf dem ehemaligen US-Headquarter, auf dem Gelände des Oskar-Helene-Heims und an der Straße Am Hegewinkel im Bau. Insgesamt entstehen damit 450 Wohnungen, die Dahlem etwa 2000 Zuzügler bringen.

Doch wie hat es eigentlich Madonna nach Dahlem verschlagen? Die Geschichte hat zwei Seiten: Nach Hard-Candy-Clubs in Santiago de Chile, Mexico City, Moskau, Petersburg und Sydney wollte die Sängerin einen Club in Deutschland eröffnen und hat dafür einen Fitnessanbieter gesucht. Die Brüder Ralf und Jürgen Jopp, die sich mit ihren Frauen-Fitnessstudios einen Namen gemacht haben, wollten sich zur gleichen Zeit verändern und ihren ersten gemischten Club auf der Truman Plaza in Dahlem eröffnen. Dafür waren sie auf der Suche nach einem besonderen Konzept. So kamen die Jopp-Brüder und Madonna zusammen. Weitere deutsche Studios sind geplant.