Gedenken

„Das hier ist unser Platz“

Vor einem Jahr starb Jonny K. Am Montag haben Freunde und Politiker am Tatort eine Gedenktafel enthüllt

Ein Jahr nach dem Tod von Jonny K. haben am Montag rund 100 Menschen nahe des Alexanderplatzes an die Gewalttat gegen den damals 20-Jährigen erinnert und feierlich eine Gedenktafel enthüllt. Unter ihnen waren viele Vertreter der Politik. Tina K., Schwester des getöteten Jonny, erzählte in einer kurzen Ansprache, wie sie und ihre Freunde den 14. Oktober 2012 erlebt hatten: „Vor einem Jahr waren die meisten, die hinter mir stehen, im Krankenhaus und haben gehofft, dass mein Bruder wiederkommt.“ Jonny sei ein guter Menschen gewesen, habe Zivilcourage gezeigt. „Es ist schön, heute so viele Menschen zu sehen, die das Gesicht meines Bruders vor sich haben, die Anteilnahme zeigen, die für Veränderungen sind und mit dafür sorgen wollen, dass so etwas in unserer Stadt nicht wieder passiert“, sagte Tina K.

10.000 Jonny-K.-T-Shirts

„Denn es ist unsere Stadt, und jeder einzelne von euch ist ein Teil davon. Wir sind nicht nur verantwortlich dafür, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun“, mahnte Tina K. Die 29-Jährige trug einen weißen Pullover mit dem Konterfei ihres Bruders. Auch viele weitere Besucher trugen T-Shirts mit dem Gesicht von Jonny K. Sie wurden in der ganzen Stadt verteilt. Ziel des von Tina K. gegründeten Vereins „I Am Jonny“ war es, dass an diesem Tag 10.000 Berliner dieses T-Shirt tragen sollten.

Innensenator Frank Henkel (CDU) sagte, dass Jonny ein ganz normaler Junge gewesen sei, so wie viele andere in unserer Stadt. „Das ist der Kern dieser Tragödie. Denn das, was Jonny passiert ist, kann jeden treffen. Das Gewaltverbrechen hat unsere Stadt sprachlos gemacht, es hat sie tief erschüttert.“ Diese Gedenktafel sei aber nicht nur eine Mahnung, so der Innensenator, sie sei auch ein Zeichen dafür, „dass wir uns diese Stelle zurückholen wollen, die Schauplatz dieses Verbrechens war. Wir wollen heute auch zeigen, dass es unser Platz ist.“ Anschließend wandte er sich direkt an Tina K.: „Ein Teil von Jonny ist fort, ein anderer Teil von Jonny hat nun einen festen Platz in unserer Stadt. Der Alexanderplatz wird nun für immer die Geschichte deines Bruders erzählen. Es ist ein traurige Geschichte, aber eine, von der ich hoffe, dass die Mahnung, die sie aussendet, in der Stadt etwas bewegt.“

Es sei bewundernswert, dass aus diesem persönlichen Schicksal eine derartige Bewegung geworden und die Trauerarbeit in eine öffentliche Aktion gegen Gewalt umgesetzt worden sei, sagte der sichtlich ergriffene Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD). „Wir brauchen auch keine neuen, härteren Gesetze“, reagierte Wowereit spontan auf den Zwischenruf einer Zuschauerin. „Wir brauchen einfach eine innere Haltung, nämlich dass wir nur eine Chance haben, wenn wir gemeinsam friedlich unsere Zukunft gestalten.“ Das gelte im Kleinen wie im Großen. Das gelte bei persönlichen Auseinandersetzungen bis hin zu kriegerischen Auseinandersetzungen von Völkern. „Man muss nichts links oder rechts sein, katholisch, buddhistisch oder atheistisch sein“, sagte Wowereit. „Ich glaube, wenn die Menschen ihr Herz an der richtigen Stelle haben, wenn die Menschen ein Gefühl haben für das, was Menschenrecht ausmacht, für Akzeptanz von anderen, dann kann es gelingen.“ Es sei eine Aufgabe für alle. Es könne nicht angeordnet werden, es müsse gelebt werden. Und die Gedenktafel, so Wowereit, „soll ein Zeichen dafür sein: Wir Menschen wollen im Frieden miteinander leben und nicht mit Gewalt.“ Neben Wowereit und Henkel kamen auch Berlins Polizeipräsident Klaus Kandt, der Bundesvorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat, der Bundestagsabgeordnete Stefan Liebich (Linke), die TV-Moderatorin Sandra Maischberger und Berlins Opferbeauftragter Roland Weber.

Tafel zeigt Jonnys Hand

Die im Boden verankerte bronzene Gedenktafel ist 50 mal 50 Zentimeter groß und zeigt einen Abdruck der Hand von Jonny K. Es war Tina K.s Idee, seine „friedliche Hand“ abzubilden. „Die Gedenktafel ist nicht groß, sie ist nicht pompös, das muss auch nicht sein“, sagte sie. „Ich hoffe, wenn ihr sie seht, dass ihr dann mit einem positiven Gedanken geht. Ich möchte nicht, dass ihr traurig seid. Ich möchte nicht, dass ihr Mitleid habt mit mir. Ich möchte, dass ihr darüber nachdenkt, was wir tun können. Und jeder einzelne kann etwas tun. Denn es ist unsere Stadt, und wir dürfen diese Stadt nicht aufgeben.“