Personalmangel

Wirtschaft fordert Umdenken in der öffentlichen Verwaltung

IHK und Kienbaum sagen: Personalmanagement soll Chefsache werden

Der Druck auf die öffentliche Verwaltung nimmt zu, sich wegen des demografischen Wandels und des geplanten Stellenabbaus neu zu organisieren. Gleichzeitig fordern immer mehr Akteure, dass das öffentliche Personal zur Chefsache erklärt werden soll. „Der öffentliche Dienst in Berlin ist der größte Arbeitgeber der Stadt“, sagt IHK-Geschäftsführer Christoph Irrgang. „Er hat aufgrund seiner Altersstruktur ein besonderes demografisches Problem und konkurriert mit anderen Bundesländern, den Bundesbehörden und der privaten Wirtschaft um Fachkräfte.“ Deswegen sei es sinnvoll, das Personalwesen an höchster Stelle anzusiedeln. „In Hamburg gibt es dafür ein Personalamt, dessen Chef der Erste Bürgermeister Olaf Scholz ist.“

Ein Land mit einer derart großen Verwaltung müsse sich besser um das Personalmanagement kümmern. „Dass ein Arbeitgeber mit 100.000 Beschäftigten keinen zentralen Personalchef hat, wäre in der Wirtschaft undenkbar“, sagt IHK-Hauptgeschäftsführer Jan Eder. „Bei den Herausforderungen der Berliner Verwaltung braucht es ein zentrales, strategisches Personalmanagement“, begründet Eder die Forderung.

Auch Personalberater empfehlen Berlin eine Aufwertung des Personalmanagements. „Die strategische Personalplanung spielt auch in der öffentlichen Verwaltung eine immer größere Rolle“, sagt die Geschäftsführerin von Kienbaum in Berlin, Anke Hoffmann. Man habe zuletzt bei der Bahn gesehen, als Fahrdienstleiter fehlten, dass Fachpersonal nicht mehr so leicht zu finden sei. Gleichzeitig müsse der öffentliche Dienst sich auf veränderte Anforderungen besser vorbereiten. Dazu gehören nach Überzeugung Hoffmanns auch Leistungsanreize. „Die Automatismen der Beförderung im öffentlichen Dienst ohne gleichwertige Beurteilung der Leistung ist nicht mehr zeitgemäß.“ Die öffentliche Verwaltung könnte dabei von den landeseigenen Unternehmen lernen, die ihr Personal ähnlich wie in der freien Wirtschaft unter Leistungsaspekten rekrutierten.

Konkrete Projekte fehlen

Der Senat hat zwar ein Personalbedarfskonzept beschlossen, konkrete Maßnahmen werden darin aber nicht erwähnt. Außerdem rechnet die Landesregierung mit einer Verschlankung der verwaltungsinternen Abläufe: „Aufgaben und Abläufe in Verwaltungen werden modernisiert, den jeweiligen Anforderungen angepasst und durch Einsatz moderner Kommunikationstechnik, zum Beispiel der E-Akte, vereinfacht“, heißt es in dem Konzept. Außerdem sollen Aufgaben ressortübergreifend gebündelt werden. Doch wie das geschehen soll, verrät das Konzept nicht. Derzeit wird es in den Fachausschüssen des Abgeordnetenhauses beraten.

Dabei müsse das Land laut IHK das Rad nicht neu erfinden, sondern sollte von erfolgreichen Modellen anderer Kommunen lernen. So können die öffentlich Beschäftigten in Wiesbaden sieben Fitnessstudios und fünf städtische Schwimmbäder kostenfrei nutzen. Damit soll die Krankheitsquote gesenkt werden. In Berlin ist der krankheitsbedingte Ausfall von Beamten besonders hoch. Jeder Beamte ist im Schnitt sieben Wochen im Jahr krank.

Auf den Berliner öffentlichen Dienst kommen in den nächsten Jahren gravierende Veränderungen zu. Der Personalrückgang verläuft in einigen Behörden viel gravierender als angenommen. In den kommenden sechs Jahren scheiden insgesamt 32.000 Mitarbeiter aus dem öffentlichen Dienst altersbedingt aus. Das entspricht knapp einem Drittel der Beschäftigten – 28,5 Prozent. Derzeit sind noch 112.324 Mitarbeiter in den Haupt- und Bezirksverwaltungen beschäftigt. Nach dem Willen des Senates soll das Land künftig mit 100.000 Mitarbeitern auskommen.

Den größten Aderlass muss die Stadtentwicklungsverwaltung in den kommenden Jahren hinnehmen. Dort erreichen fast 40 Prozent der Mitarbeiter bis zum Jahr 2019 die Altersgrenze. Das geht aus einem Bericht der Finanzverwaltung über die „Beschäftigten im unmittelbaren Landesdienst Berlin“ hervor.

Überdurchschnittlich viel Personal verlieren auch die Bildungs-, Gesundheits- und Arbeitsverwaltung. Hier verlässt jeder dritte Mitarbeiter in den kommenden Jahren die Behörde. In einigen Abteilungen gehen sogar mehr als die Hälfte der Mitarbeiter bis 2019 in den Ruhestand. So verliert die Abteilung Sport in der Senatsinnenverwaltung 22von 40 Mitarbeitern, im Brücke-Museum scheiden acht von 13 Mitarbeitern altersbedingt aus, und in der Abteilung Hochbau erreichen 67 von 130 Mitarbeitern die Altersgrenze.