Gesundheitsversorgung

Mehr Ärzte für sozial schwache Bezirke

Neues Konzept zur medizinischen Versorgung soll Ungleichheit abbauen und berücksichtigt erstmals auch die Sozialstruktur

Klemens Senger kennt Tage, da ist es in seiner Kinderarztpraxis so voll, dass die Patienten kaum noch Platz finden. Im Wartezimmer geht es dann hoch her. Aufgeregte Mütter versuchen, ihre weinenden Kinder zu beruhigen, Geschwisterkinder hopsen umher, Väter schauen, ob sie ihre Familie endlich abholen können. „Vor allem zu den Grippezeiten im Herbst und Winter ist die Arbeit oft kaum zu schaffen“, sagt Senger.

Der Kinderarzt – er ist Vorsitzender des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte Berlins – praktiziert seit 20 Jahren am Hermannplatz in Nordneukölln. In den vergangenen Jahren konnte er beobachten, dass viele Ärzte den Kiez verlassen haben. „40 Prozent der Kinderärzte sind in spezielle Versorgungszentren abgewandert, sie arbeiten dort zum Beispiel als Lungen- oder Herzspezialisten“, sagt Senger. Als allgemeine Kinderärzte stünden diese Kollegen nicht mehr zur Verfügung.

Auch viele andere Fachärzte hat Senger weggehen sehen. In seiner Nachbarschaft hätten kürzlich ein Augenarzt und ein Urologe aufgegeben, sagt er. Das habe vor allem ökonomische Gründe. „In sozial belasteten Bezirken sind die Bedingungen miserabel, der finanzielle Ertrag der Praxen ist viel niedriger.“ Wer wie er nur Kassenpatienten hätte, wäre schnell an der Verschreibungsgrenze für Heil- und Hilfsmittel angelangt.

Etliche Ärzte sind in Bezirke mit besserer Sozialstruktur gezogen. Dem soll nun durch den Beschluss des gemeinsamen Landesgremiums für Berlin zur Versorgung mit niedergelassenen Ärzten ein Riegel vorgeschoben werden. Umzüge sollen nur noch „bergab“, also in Bezirke mit niedrigerem Versorgungsgrad, zugelassen werden. Das gilt zunächst für Haus- und Kinderärzte, andere Facharztgruppen sollen folgen. In Berlin ziehen pro Jahr 60 bis 80 Ärzte um. Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) sieht hier einen Ansatz, um Ungleichheiten zwischen Bezirken abzubauen.

Nur wenige geben Praxis auf

Zwar gehen pro Jahr in Berlin etwa 150 niedergelassene Ärzte in den Ruhestand, aber nur drei bis sieben Ärzte geben ihren Praxissitz an die Kassenärztliche Vereinigung (KV) zurück. Dafür gebe es, so Czaja, drei Gründe: Ein Arztsitz könne vererbt werden, der Mediziner könne Teil einer Praxisgemeinschaft sein oder sich per Jobsharing mit einem jüngeren Kollegen die KV-Zulassung teilen.

Das Konzept des gemeinsamen Landesgremiums ist auf freiwilliger Basis als Selbstverpflichtung entstanden. Eigentlich entscheidet der Zulassungsausschuss von Krankenkassen und Kassenärzten über die Zulassungsanträge von Ärzten sowie die Verlegung und Nachbesetzung von Arztpraxen. Uwe Kraffel, stellvertretender Vorsitzender der KV Berlin, betonte, dieser Ausschuss sei per Gesetz nicht weisungsgebunden. Aber es gebe ein Interesse an einer vernünftigen medizinischen Versorgung. Er sagte, Kassenärzte und Krankenkassen würden diese Vorschläge positiv aufnehmen und umsetzen. Ob das erfolgreich sei, müsse man in den nächsten zwei Jahren prüfen. Es seien Klagen von Ärzten anhängig, die sich am Sozialgericht dagegen wehren, dass ihnen der Praxisumzug in ihren Wunschbezirk verboten wurde. Er sei aber „vorsichtig optimistisch“, dass die Sozialgerichte diese Klagen abweisen.

Neben der Versorgungssteuerung auf Bezirksebene enthält der Beschluss des Landesgremiums eine zweite wichtige Neuerung: die Berücksichtigung von Sozialdaten und damit des Zusammenhangs von Gesundheit und sozialer Lage. Aus Daten des Berliner Sozialstrukturatlasses wurde ein Sozialindex für die Berliner Bezirke ermittelt. Neukölln, Mitte und Spandau sind darin die Schlusslichter, am besten schneiden Pankow, Charlottenburg-Wilmersdorf und Steglitz-Zehlendorf ab. Indikatoren sind unter anderem Arbeitslosigkeit, Bildungsgrad, Wohn- und Einkommenslage sowie Lebenserwartung.

Diese Daten wurden zu Abrechnungen von Kassenärzten aus dem Jahr 2012 in Beziehung gesetzt. Das Ergebnis war eine überraschend hohe Übereinstimmung zwischen Krankheit, Sterblichkeitsrate und Sozialstruktur. Daher, so Gesundheitssenator Czaja, sei es wichtig, soziale Faktoren bei der Versorgung mit Arztpraxen zu berücksichtigen.

Arzt muss für Impfung zahlen

Gabriela Leyh, Leiterin des Verbandes der Ersatzkassen Berlin-Brandenburg, sagte, das neue Konzept biete schlechter versorgten Bezirken auch den Anreiz, bessere Bedingungen für Arztpraxen zu schaffen. Oft fehlten bauliche Voraussetzungen wie Barrierefreiheit. Kinderarzt Klemens Senger hat auch Vorschläge, wie Bezirke für niedergelassene Mediziner attraktiver werden können. „Ärzte in Brennpunkten sind besonders vielen Regressprüfungen ausgesetzt“, sagt er und nennt ein Beispiel. Er habe einem Patienten eine Grippeschutzimpfung gegeben, weil die Gefahr der Ansteckung drohte. Vier Jahre später habe die Krankenkasse diese Leistung beanstandet. Nun muss Senger die Impfung aus eigener Tasche begleichen. Seine Patienten hätten kein Geld dafür. In bessergestellten Bezirken hätten die Ärzte neben Kassenpatienten auch Privatpatienten. Diese Mischung sei wirtschaftlicher. Senger fordert, Ärzten in sozialen Brennpunkten eine Zulage zu zahlen und ihnen Regressprüfungen zu ersparen. Nur so könne verhindert werden, dass Kollegen versuchen, aus sozial schwächeren Gebieten abzuwandern.