Kriminalität

Mordgeständnis in Paris

Beamte entdecken 34 Jahre alte Frau tot in Spandauer Wohnung. Mutmaßlicher Täter stellt sich in Frankreich

In dem großen Wohnkomplex mit Mietwohnungen an der Weverstraße in Spandau deutet nichts darauf hin, dass sich hinter den weiß getünchten Mauern erst vor wenigen Tagen ein tödliches Verbrechen abgespielt hat. Möglicherweise hat dort in einer Wohnung im zweiten Obergeschoss mehrere Tage eine erschlagene Frau gelegen, ohne dass dies in der Nachbarschaft irgendjemandem aufgefallen ist. Erst der ungewöhnliche Umstand, dass sich der mutmaßliche Täter aus eigenem Antrieb selbst in Frankreich gestellt hat, führte zur Entdeckung der grausamen Tat.

In der Nacht zu Donnerstag wurde die 34 Jahre alte Sandra A. tot in ihrer Wohnung im Stadtteil Wilhelmstadt aufgefunden. Der mutmaßliche Täter hatte sich kurz zuvor auf einer Polizeidienststelle in Paris gestellt. Dort hat er nach Polizeiangaben den Beamten berichtet, dass er seine Freundin getötet hat. Die Polizei der französischen Hauptstadt übermittelte diese Nachricht wenig später nach Berlin. Der 29-Jährige befindet sich im Nachbarland in Polizeigewahrsam, nachdem sich seine Angaben bestätigt hatten. Eine Berliner Mordkommission hatte noch in derselben Nacht die Ermittlungen übernommen. Die Obduktion des Opfers hat inzwischen ergeben, dass die 34-Jährige durch Gewalteinwirkung gegen den Kopf gestorben ist. Gerüchte, wonach die Frau erschlagen worden sein könnte, wollten Polizei und Staatsanwaltschaft am Donnerstag aus ermittlungstaktischen Gründen weder bestätigen noch dementieren.

Polizisten hatten sich am Mittwochabend Zugang zu der Wohnung des Opfers an der Weverstraße im Stadtteil Wilhelmstadt verschafft und dort die leblose Frau entdeckt. Die Beamten, eine Besatzung eines Funkstreifenwagens in Begleitung von Kriminalpolizisten, konnten nur noch den Tod der 34-Jährigen feststellen. Wie lange die Frau bereits tot in der Eineinhalbzimmerwohnung gelegen hatte, ist bislang nicht bekannt.

Auch die Frage, welche Gründe den 29-Jährigen zu der Tat bewogen haben könnten, blieb zunächst unbeantwortet. Offensichtlich war der mutmaßliche Täter mit seiner Freundin in einen Streit geraten, der irgendwann auf dramatische Art und Weise eskalierte. Der 29-Jährige floh nicht nur vom Tatort, sondern versuchte, so schnell wie nur irgend möglich außer Landes zu kommen. Mit den Folgen seines Handelns kam der junge Mann wohl nicht zurecht. Dies könnte dafür sprechen, dass der junge Mann die Tat nicht geplant hatte, sondern aus einem Affekt heraus gehandelt haben könnte.

Opfer arbeitete mit Behinderten

Fest steht indes, dass der 29-Jährige in der Seine-Metropole seine Fluchtgedanken aufgegeben hat. Der Mann sucht am Mittwoch schließlich eine Polizeistation auf und offenbart sich den französischen Polizisten. Das Landeskriminalamt Berlin wird nun in Paris um die Überstellung des 29-Jährigen bitten. Innerhalb der Europäischen Union ist dies ein relativ simpler Verwaltungsakt zwischen den Polizeibehörden. Gründe dafür, dass sich die Auslieferung des Verdächtigen in die Bundesrepublik hinziehen könnte, gibt es nicht. „Der Verdächtige soll in den kommenden Tagen von Paris nach Berlin gebracht werden, vermutlich nächste Woche“, sagte Polizeisprecher Guido Busch am Donnerstag. Nach dem Eintreffen des Tatverdächtigen werden ihn Ermittler der 2. Mordkommission vernehmen, um das Tatgeschehen zu rekonstruieren und aufzuklären. Nach ersten Erkenntnissen könnte die Gewalttat bereits zu Beginn dieser Woche verübt worden sein.

Im Umfeld des Opfers war nur wenig über Sandra A. bekannt. Mehrere Hausbewohner gaben an, nichts über die junge blonde Frau zu wissen. Vermutlich lebte die 34-Jährige recht zurückgezogen. Ein unmittelbarer Nachbar hatte erst vor wenigen Tagen seine Wohnung in derselben Etage bezogen. Eine andere Nachbarin kannte sie nur vom gelegentlichen Sehen im Hausflur. Von einem Freund wusste die Frau nichts.

Die beiden Nachbarn zeigten sich bestürzt über die Tatsache, dass in ihrer unmittelbaren Umgebung eine Mitbewohnerin getötet wurde, ohne dass jemand etwas mitbekam. Nach Informationen der Berliner Morgenpost dürfte die junge Frau in einer Einrichtung beschäftigt gewesen sein, die jungen Behinderten den Einstieg ins Berufsleben erleichtern soll. Offenbar hatte Sandra A. zuvor in einer Schule für Lernbehinderte in Reinickendorf ihren Einstieg in die Behindertenarbeit gefunden.