Unternehmen

Es floriert nicht

Viele Berliner Floristen kämpfen gegen die Dumpingpreise der ungelernten Blumenhändler und Billiganbieter. Begleitet von Existenz- und Nachwuchssorgen

Vom Arm der Kundin hängt eine kleine violette Gießkanne. In den Seitentaschen ihres filzigen Wintermantels ist sie auf der Suche nach Kleingeld. „Was kostet denn das Katzengras?“, fragt sie, ihre Stimme zittert ebenso wie ihre Hand mit dem Silbergeld. „Ein Euro“, sagt die Frau hinter dem Kassentresen. „Gut“, nickt die Seniorin mit Gießkanne. „Dann nehme ich eins.“

Das „Blumenhaus Sehnke“ an der Boxhagener Straße in Friedrichshain ist noch ein richtiger Kiezblumenladen: Wenige Quadratmeter Verkaufsfläche, viele Blumen, und die Inhaberin Edeltraut Sehnke, 58, ist gleichzeitig die einzige Mitarbeiterin. Sie kennt ihre Kunden, für die Hausbewohner nimmt sie Post entgegen, verwahrt Schlüssel. Mit von Blumenerde schmutzigen Fingern steht sie hinter dem Tresen, schneidet überschüssiges Blattwerk von frischen Nelken.

Geschäft mit Tradition

„Viele Kunden kommen extra wegen der Nelken“, sagt sie. „Die gibt es nämlich kaum noch zu kaufen. Weil viele Ost-Floristen sich sagen: Och nee, Nelken. Die hatten wir zu DDR-Zeiten immer und überall, die können wir nicht mehr sehen.“ Edeltraut Sehnke aber schätzt die Nelken. Sie sagt, sie seien nicht nur schön, sondern auch beständig. Sehr beständig ist auch ihr Blumengeschäft. „Seit 1920 werden hier Blumen verkauft“, sagt Sehnke. Während ihrer Arbeit bei einem Pflanzengroßhandel in Lichtenberg lernte die Floristin und Gartenbauingenieurin die Vorbesitzerin des Kiezblumenladens kennen. 1999 ging diese in Rente, und Sehnke übernahm ihren Laden. „Als mein Mann zum Pflegefall wurde, habe ich den Großhandel ganz aufgegeben. Jetzt habe ich nur noch das Geschäft“, sagt sie. Ihr Mann sitzt in einem Hinterzimmer des Ladens. Sehnke pflegt ihn.

„Dass ich den Laden heute weiterführen kann, liegt vor allem daran, dass die Besitzerin des Hauses, eine ältere Frau, den Blumenladen unterstützt und seit 14Jahren keine Mieterhöhung vorgenommen hat“, sagt Sehnke. An der nahen Frankfurter Allee gäbe es mittlerweile zu starke Konkurrenz. „Viele vietnamesische Blumenläden verkaufen ihre Ware zu Preisen, zu denen ich sie nicht mal einkaufe.“ Die Floristin schüttelt den Kopf. „Ich weiß gar nicht, wie die das machen. Wenn ich manchen Kunden sage, dass eine Orchidee mit Übertopf zwölf Euro kostet, sagen die: ‚Ach wissen Sie, ich weiß, wo ich die für vier Euro bekomme‘, und gehen.“ Edeltraut Sehnke weiß, sollte ein neuer Besitzer die Miete des Ladens erhöhen, muss sie schließen.

„Früher waren große floristische Betriebe mit 15 Mitarbeitern keine Ausnahme in Berlin. Heute nimmt das immer mehr ab“, sagt Wolfgang Hilbich, Geschäftsführer der Fachverbands Deutscher Floristen Berlin/Brandenburg (FDF). Aktuell seien rund 80 Berliner Floristikbetriebe bei ihm gemeldet. Er schätzt, dass die tatsächliche Anzahl von floristischen Fachgeschäften in Berlin aber bei rund 130 liegt. „Es wird durch die zunehmende Anzahl von ungelernten Billiganbietern aber immer schwieriger, am Markt zu bestehen“, sagt Hilbich. „Erfolgreiche Neugründungen sind nur noch da möglich, wo es moderate Mietpreise gibt.“

Schwierige Azubi-Suche

Der floristische Nachwuchs sprießt unterdessen nur verhalten. „Die Praktikumsbewerbungen haben innerhalb der letzten Jahre nachgelassen“, sagt Edeltraut Sehnke in Friedrichshain. „Viele kommen über eine Umschulung vom Arbeitsamt zu mir, können nicht auf den Kunden eingehen oder denken, dass es nur darum geht, Sträuße zu binden.“

Szenenwechsel. Elektropop schallt. Ein großer Kronleuchter beleuchtet einen weißen Blumenpräsentiertisch. Neben den Pflanzen funkeln mit Strasssteinen besetzte Abendtaschen und Halsketten. Mathias Barten, 38, ist Inhaber des Schöneberger Blumenladens „Florale Welten“. So unterschiedlich ihre Ladengeschäfte auch sein mögen, er kann Edeltraut Sehnkes Beobachtung dennoch unterstreichen. „Dieses Jahr haben wir zum ersten Mal keinen Azubi genommen“, sagt Barten. Die meisten Bewerbungen, die er erhalte, seien nicht qualifiziert. „Wer eine Fünf in Mathe hat, den kann ich nicht gebrauchen. Wir binden hier schließlich nicht nur Blumen, wir sind auch ein Geschäft“, sagt Barten. „Zu unseren Kunden zählen viele Botschaftergattinnen. Grundkenntnisse in Englisch und auch gewisse Umgangsformen muss man da schon mitbringen.“ Dem Fachverband Deutscher Floristen ist das Nachwuchsproblem bekannt: „Wir sehen das aber nicht als nachlassendes Interesse an der Floristik. Dass die Qualität und die Anzahl von Bewerbungen abnimmt, ist ein Problem, mit dem alle Ausbildungsberufe zu kämpfen haben“, glaubt Hilbich. „Was wir speziell für die Floristik aber beobachten können, ist, dass sich immer weniger Männer für den Beruf interessieren.“

Mathias Barten vermutet, dass die nachlassende Anzahl und Qualität von Azubi-Bewerbungen mit der Vergütung der Arbeit zusammenhänge. „Unser Beruf wird einfach unterbezahlt. Der Arbeitsprozess wird nicht vergütet. Jeder Handwerker, der einen Wasserhahn repariert, verdient mehr.“ Bei „Florale Welten“ bekommt ein Angestellter nach der Ausbildung 1200 Euro brutto. Der Fachverband verhandelt seit Jahren mit der Gewerkschaft über einen neuen Tarifvertrag.

Werbung an Schulen

Bislang sind diese Verhandlungen allerdings ohne nennenswerte Ergebnisse. Was der Verband unternimmt, um das Interesse an dem Handwerk wiederzubeleben? „Wir stellen unseren Mitgliedern kostenlos einen mobilen Messestand zur Verfügung, mit dem sie sich bei Schnuppertagen an Schulen präsentieren können“, sagt Hilbich. Eine Facebook-Seite mit Informationen zum Ausbildungsberuf stehe zudem in den Startlöchern. Mathias Barten von „Florale Welten“ ist überzeugt: Wer heute als Florist auf dem Markt bestehen wolle, müsse sich eine Nische schaffen. Seinen Laden sieht Barten nicht als Blumengeschäft, sondern als Lifestyle-Dienstleister. Neben Pflanzen verkauft er Deko-Accessoires, Möbel, Taschen und Schmuck. Sein Ladengeschäft ist groß, hell und für einen Blumenladen ungewöhnlich steril. Der Kunde sieht weder Gießkanne noch abgeschnittenes Blattwerk. „Keiner braucht Blumen“, sagt Barten. „Sie sind Luxus, und deswegen muss man sie auch als Luxus verkaufen, wenn man gegen die Dumpingpreise ankommen will.“

Barten glaubt, Blumen zu kaufen, müsse zum Erlebnis werden. Viermal im Jahr streiche er sein Geschäft neu. Seine Kunden berät er in einer vom Verkaufsraum abgetrennten Lounge aus zwei weißen Couches und einem iPad mit Fotos seines Angebots. „Ich persönlich habe Verständnis für die Kunden, die ihr Geld für andere Sachen brauchen und deswegen die günstigen Blumen des Vietnamesen oder Supermarktes mitnehmen“, sagt Barten. Schließlich sei deren Ware nicht unbedingt schlechter. „Die ungelernten Händler kaufen auf dem Großmarkt die Restbestände auf. Sie achten nicht darauf, ob es sich um Bioblumen handelt oder nicht. Sie kaufen nicht nach Konzept, sie kaufen nach Rabatt und Masse.“

Barten stattet Events wie die Aids-Gala der Deutschen Oper und diverse Hotels mit Blumen aus. „Lange Zeit“, sagt er, „hätte ich von dem normalen Straußverkauf-Tagesgeschäft nicht leben können. Mittlerweile ist unser Stammpublikum so groß, dass es vielleicht doch funktionieren würde.“

Angebot im Internet ist Pflicht

Wolfgang Hilbich meint, dass man trotz Wirtschaftskrise deutschlandweit mit dem Blumenverkauf in diesem Jahr „verhalten zufrieden“ sein könnte. „In den Jahren 2008 und 2009 sah es deutlich schlimmer aus.“ Um sich weiter am Markt behaupten zu können, empfiehlt er den Floristen, mehr Wert auf Online zu legen: „Eine Homepage ist heute ein Muss“, sagt Hilbich. „Wir haben aber immer noch ein paar Mitglieder, die wir von den Vorteilen eines Online-Auftrittes überzeugen müssen.“

Ebenfalls im Kommen bei jungen Floristen wären QR-Codes, über die sich Informationen zur Blume oder zum Blumenladen abrufen ließen. Edeltraut Sehnke aus dem Kiezladen hat die Vorteile des Internets schon für sich entdeckt. Über das Internet und den Dienst „Flora Queen“ können Kunden, die in der Nähe des Ladens wohnen, bei ihr Blumen bestellen. Die Floristin fährt diese dann nach Feierabend eigens aus.