Bildung

Gezerre um Gründerzentrum

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Joachim Fahrun

Das alte American Hospital könnte zum Zukunftsprojekt der FU werden. Doch der Finanzsenator braucht Geld für die Charité

Die Humboldt-Universität hat eines in der Adlershofer Nachbarschaft und neuerdings auch die Technische Universität in Charlottenburg: ein Gründerzentrum, wo Absolventen und Forscher die ersten Schritte gehen, um aus ihren wissenschaftlichen Erkenntnissen wirtschaftliche Profite zu schlagen. Nur die Freie Universität in Dahlem, immerhin deutsche Elite-Hochschule, muss ohne einen solchen Brutkasten für neue Unternehmen auskommen.

Dabei gibt es inzwischen eine Immobilie im Landesbesitz, die sich für Gründer eignen würde. Das frühere American Hospital an der Fabeckstraße 62 ließe sich für die Jungunternehmer herrichten. Ein Betreiber stünde bereit mit der indirekt landeseigenen Innovations-Zentrum Berlin Management GmbH (IZBM), einer Tochter der Wista, die den Adlershofer Technologiepark betreibt. Die IZBM hat bis 2012 Berlins erstes Gründerzentrum BIG in Wedding betrieben und managt bereits die beiden Gründerzentren in Adlershof und das neue Haus in Charlottenburg. Der Bezirk Steglitz-Zehlendorf ist dafür, der Landesvorstand der CDU, die Freie Universität und die Industrie- und Handelskammer. Aber bisher verhindert der Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos, für SPD) das Projekt. Er möchte nicht auf mögliche Verkaufserlöse für das Grundstück in unmittelbarer Nähe zur FU verzichten.

Das Regionalmanagement Südwest, das sich um die wirtschaftliche Entwicklung kümmert, erkennt große Möglichkeiten und immensen Bedarf für das „Technologie- und Gründerzentrum Südwest in Gründung (TZ SW)“ getaufte Vorhaben. Projektmanager Klaus-M. Grünke sieht im ehemaligen Militärkrankenhaus der Amerikaner Platz für 60 Kleinunternehmen mit zusammen 600 Arbeitsplätzen. Wenn das Haus voll sei, würden die Firmen zwölf Millionen Euro an Steuern und anderen Einnahmen in die Stadtkasse bringen. Dagegen falle der von Nußbaum angeblich erwartete Verkaufserlös von neun Millionen Euro vergleichsweise gering aus, so Grünke. Die Finanzverwaltung strebe an, das Gelände für Wohnungsbau zu vermarkten.

Seit gut einem Jahr versucht das Regionalmanagement, das vom früheren Haushaltsabteilungsleiter in der Senatsfinanzverwaltung, Reinhard Baumgarten, geleitet wird, sein Projekt politisch durchzusetzen. „Wir wollen doch Gründerhauptstadt sein“, klagt Projektleiter Grünke, „ich verstehe nicht, warum solche Entscheidungsprozesse so lange dauern.“ Zumal auch die Blockade das Land Geld kostet. Nach Angaben des Regionalmanagements macht der landeseigene Liegenschaftsfonds mit der Immobilie mit dem nur teilweise vermieteten 50.000 Quadratmeter großen Grundstück mit 14.000 Quadratmetern nutzbarer Fläche in dem Gebäude jährlich einen Verlust von 650.000 Euro.

Das nötige Geld wäre vorhanden

Im Haus von Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer (CDU) steht das Thema schon seit Monaten immer wieder auf der Tagesordnung und sorgt mittlerweile für einigen Verdruss. Yzer befürwortet das Projekt, zumal sie auch Geld dafür hätte, das Gebäude für die Gründer umzubauen. In ihrem Etat für Wirtschaftsförderung, der von Bund, EU und Land gespeist wird, gibt es ohnehin Schwierigkeiten, das Geld auszugeben. Die geschätzt 45 Millionen für den Komplex wären vorhanden. Offiziell heißt es nur, zu „senatsinternen Abstimmungen“ gebe es „keine Auskunft“. Hinter den Kulissen wird aber an einem Kompromiss gebastelt. Der könnte so aussehen, dass ein Teil des Geländes an ein vergrößerungswilliges Unternehmen aus der Nachbarschaft verkauft wird, um die Einbußen gering zu halten. Denn sicher ist, dass ein Gründerzentrum keine günstigen Mieten anbieten könnte, wenn daraus ein marktüblicher Kaufpreis finanziert werden müsste. Bei Yzer verweist man auf die neue Liegenschaftspolitik. Die rot-schwarze Koalition hat verabredet, zugunsten politisch gewünschter Nutzungen von Liegenschaften auf mögliche Maximalerlöse zu verzichten.

Nußbaums Sprecher sagte, die Senatsverwaltung für Finanzen sei nicht grundsätzlich gegen eine Übernahme des Grundstücks durch den Bezirk oder eine Übertragung an das Technologie- und Gründerzentrum. Allerdings handele es sich bei dem Grundstück um eine ehemalige Charité-Liegenschaft. „Der mögliche Verkaufserlös ist dementsprechend für Baumaßnahmen im Rahmen des Masterplans Charité eingeplant. Wenn der Bezirk das Grundstück übernehmen möchte, müsste er die für die Charité vorgesehenen Mittel ausgleichen. Dazu liegen uns bisher keine Vorschläge vor“, sagte der Sprecher. Die Sanierung des Universitätsklinikums macht dem Finanzsenator bereits große Sorgen. Zuletzt wurde bekannt, dass die Charité etwa 600 Millionen Euro zusätzlich benötigt, um die Ziele ihres Entwicklungsplans zu erreichen.

Dieser Argumentation halten die Befürworter des Gründerzentrums die wirtschaftlichen Potenziale entgegen, die sich aus der starken Wissenschaftslandschaft im Südwesten mit der FU und der Bundesanstalt für Materialforschung heben lassen. In den vergangenen 15 Jahren hätten sich nach einer Untersuchung des Regionalmanagements 150 Unternehmen im Südwesten aus Forschungseinrichtungen ausgegründet. 129 hätten die ersten Jahre überlebt und mehr als 1000 Jobs geschaffen, vor allem in den Branchen Life Science, Medizin und Biotechnologie, IT und Software sowie Werkstoffe, Material und Optik. 70 Prozent der Firmen seien aber nicht mehr in Steglitz-Zehlendorf ansässig, einige seien ins Umland gezogen. Dabei sei es sehr wichtig, dass junge Ausgründungen längere Zeit mit ihrem wissenschaftlichen Ursprung in Kontakt blieben. Der Gründungsservice der FU sieht ein Potenzial von rund 20 Ausgründungen pro Jahr vor.