MITTEndrin

Nach der Wahl ist vor der Wohnung

Florian Kain über Politisches abseits der Gremien

Das nennt man Kanzlerinnen-Kult: Wer sich schon immer für das erste Leben von Angela Merkel in Ost-Berlin interessiert hat, der kann sich nun in ihrer Ex-Studentenbude im Hinterhof an der Schönhauser Allee 1o4 einquartieren. Ab 55 Euro pro Tag. „Leben wie Angela Merkel früher“, bietet die geschäftstüchtige Gastgeberin Lene die 55-Quadratmeter-Wohnung auf der Internet-Plattform Airbnb als Feriendomizil an.

Dass seit der DDR-Zeit mal wieder die Wände gestrichen wurden, dagegen ist nichts einzuwenden. Auch sonst ist das Apartment nicht gerade stilsicher gestaltet, weil es voller West-Möbel ist. Ikea-Schränke dürften sicher nicht zum Inventar gehört haben, als die Wahlsiegerin hier in den Jahren von 1986 bis 1990 wohnte und ihre Doktorarbeit schrieb. Immerhin aber können die Feriengäste nun beim Blick aus den Fenstern genau jene Bäume begucken, die auch Angela Merkel und, wenn er zu Besuch war, Joachim Sauer schon betrachtet haben. Und das bei besseren Lichtverhältnissen. In der DDR war es draußen bekanntlich mangels ausreichender Beleuchtung oft ziemlich duster. Was wohl passiert, wenn Angela Merkel und Joachim Sauer eines Tages ihre aktuelle Wohnung gegenüber dem Pergamon-Museum aufgeben. Das ist zwar frühestens in vier Jahren der Fall, wenn überhaupt. Doch wer auch immer dann die Wohnung übernimmt, in der die Euro-Krise quasi am Frühstückstisch entschärft wurde, er ist ein Glückspilz: Umgewandelt in ein kleines Luxus-Hotel, dürften hier eines Tages auch Japaner begeistert einchecken.

Weniger gut als Wallfahrtsort taugt nach dem Ergebnis von Sonntag wohl die Berliner Zweitwohnung des gescheiterten SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück. Er hat sich in die Baugemeinschaft der Berliner SPD-Bundestagsabgeordneten Eva Högl in Wedding eingekauft. Doch Steinbrück benötigt die Wohnung sowieso weiter, er bleibt schließlich Parlamentarier.

Übrigens: Auch der scheidende FDP-Vizekanzler Philipp Rösler macht in Berlin wohl keine Wohnung frei. Er hatte bis zuletzt meist auf einer Pritsche hinter seinem Ministerbüro geschlafen – und war sonst so oft wie möglich zu Hause in Hannover.