Achim Achilles

Marathon-Zombies – kleine Typologie des Irrsinns

Die ersten Zombies schnüren schon Tage vor dem großen Ereignis durch die Stadt, immer an den grünen Strichen entlang, die 42 Kilometer Schenkelschmerz markieren.

Mit irrem Blick inspizieren die Perfektionisten Anstiege der Brücken, sie testen die optimale Rennbereifung für Kopfsteinpflasterpassagen und suchen Standorte für leidgeprüfte Partner, die sich wieder mal stundenlang hinter Absperrgittern langweilen müssen. Manche tragen ihren Chip am Schuh, es könnte ja irgendwo überraschend schon eine Zeitmessmatte ausgelegt sein. 40.000 Gestalten fallen diese Woche in Berlin ein, um halb nackt und spätestens auf der zweiten Hälfte bisweilen ziemlich jämmerlich einen der weltweit größten Volksläufe zu absolvieren. Bevor alle fragen: Ich bin dieses Jahr nicht am Start. Mein letzter Marathon war in jeder Hinsicht therapeutisch. Mein Ziel war, die magische Vier-Stunden-Marke zu unterbieten.

Machen wir es kurz: Zur Hälfte war ich exakt auf Kurs, auch weil ich mir eingeredet hatte, dass Rennen sei eigentlich ein Halbmarathon und die ersten 21 Kilometer nicht mehr als gemächliches Einlaufen. Hammermäßiger Psycho-Trick. Dummerweise begegneten sich fortan zwei Läuferphänomene, die nicht zusammenpassten. Erstens rumorte mein Magen derart, dass ich mehrfach das nicht eben üppige Unterholz an der Strecke besuchte. Und zweitens erwies sich der innere Kenianer, den ich zünden wollte, leider als innerer Westfale – und der mag Tempoänderungen gar nicht. Was ich gelernt habe? Marathon ist gar nicht so schlimm. 50 Sekunden über der magischen Marke sind keine Schande und: Ich laufe nie wieder Marathon. Höchstens einen.

Was sind das für Menschen, die ihr Hirn seit Monaten auf Notbeleuchtung schalten, um hinterher vom größten Moment ihres Lebens zu schwärmen?

Eine kleine Typologie des Irrsinns.

Der Novize: sein erstes Mal. Er hat jedes Fachbuch gelesen, Internetforen nächtelang verfolgt und alle YouTube-Videos studiert. Dennoch weiß er nur eines: Angst frisst Freude und produziert immer neue Fragen: Wie kompensiert man den Elektrolyt-Verlust, der durch den anhaltenden Stressdurchfall entsteht? Der Neuling erwirbt drei riesige Tüten voll Wundcremes, Kraftriegel und Transportgürtel auf der Marathonmesse. Am Renntag könnte er beim Aufbauen der Startzone helfen, weil er schon vier Stunden zuvor einsam am Brandenburger Tor bibbert. Verpasst den Startschuss trotzdem, weil er im Dixi-Klo gefangen ist. Hätte den neuen Wunderdrink vielleicht doch etwas niedriger dosieren sollen. Und die Startnummer ist ihm auch noch in die tiefe blaue Grube gefallen.

Der Jünger: War früher ein erfolgreicher, selbstbewusster und gesunder Mann. Dann sog ihn die Sekte auf, Besessene, die auf Zahlen starren. Seither folgt er willenlos Zeitplänen, die sein Guru austeilt. Der Jünger muss „Trainer“ zum Guru sagen; er weiß nicht, dass die Zeitvorgaben aus einem simplen Rechenprogramm stammen, das kostenlos im Internet zu haben ist. Die vielen Verletzungen der letzten Monate betrachtet er als schicksalhafte Strafe, da er natürlich nicht genug trainiert hat. Schafft er ausnahmsweise die Zeitvorgabe, ist es Verdienst des Gurus. Scheitert er, was der Normalfall ist, ist es seine Schuld. Inzwischen Experte für großzügige Dosierung von Schmerzmitteln im Rennen. Die Magenprobleme seien völlig normal, sagt der Guru. Was den Jünger stutzig machen müsste: Warum läuft der Guru nie selbst, wenn Marathon doch der Weg zur Erleuchtung sein soll?

Der Perfektionist: Läuft wie John Rambo mit Sonnenbrille und Kopfhörer durch die Stadt. Wer sich ihm in den Weg stellt, wird umgerannt. Der Mann ist im Tunnel, seine Mission heißt: Kampf, ganz egal, warum und wofür. Hat nur einen Gedanken – ich. Sein ganzer Stolz: sein neues Waden-Tattoo, das einen Fußabdruck in einer Blutlache zeigt.

Der Profi: Kommt am Tag vor dem Rennen eingeflogen, hat nur eine schmale Sporttasche dabei und einen Manager, der das Antrittsgeld einsammelt. Wetzt die Strecke locker in zwei Stunden und einigen Minuten und steht schon wieder am Check-in in Tegel, während die anderen sich über die letzten Kilometer quälen. Versteht gar nicht, warum diese Amateure so einen Tanz um diese Lauferei machen.