Bildung

Elternabend im Hörsaal

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Annette Kuhn

Immer mehr Mütter und Väter überlassen das Studium nicht ihren Kindern, sondern nehmen die Organisation selbst in die Hand. Die Berliner Universitäten stellen sich auf die neue Klientel ein

Eltern haben sich schon immer gern mit ihren studierenden Kindern geschmückt: „Meine Tochter studiert Medizin“, „mein Sohn macht bereits sein Staatsexamen in Jura“, wird da stolz im Freundeskreis verkündet. Wobei, ein wenig anders ist das heute schon. Denn streng genommen müsste es bei vielen Eltern heißen: „Wir studieren Jura.“ Nicht, dass die Eltern auch Kurse an der Uni belegen, nein, aber sie begleiten doch gern mal das Studentenleben ihrer Kinder bis in den Hörsaal hinein. An mancher Uni gibt es heute sogar schon Elternabende.

Gerade Erstsemester tauchen immer öfter in Begleitung ihrer Eltern an den Universitäten auf. Und die haben sich längst darauf eingestellt. Der Trend kommt aus den USA, als erste deutsche Hochschule hat die Universität Freiburg 1997 den Erstsemester-Familientag eingeführt. Da zu dieser Begrüßungsfeier längst nicht nur Eltern mitkommen, sondern auch Geschwister, Tanten, Onkel und Großeltern, reicht der Platz im Audimax schon lange nicht mehr. Inzwischen findet die Veranstaltung im Stadion des SC Freiburg statt. Die Universität Osnabrück bietet zu Semesterbeginn einen Elterntag an, an dem die Väter und Mütter den Uni-Betrieb kennenlernen, an Probevorlesungen teilnehmen und das Mensaessen probieren können. Und in Münster gibt es ein ganzes Wochenende für Eltern. Mit leichter Selbstironie hat die Hochschule das Angebot „Elternalarm“ genannt.

Auch an den Berliner Hochschulen werden immer häufiger Eltern gesichtet. Den Trend beobachtet Claudia Cifire, Leiterin der Allgemeinen Studienberatung an der Technischen Universität, seit knapp zehn Jahren: „Als 2004 die neuen Studienabschlüsse Bachelor und Master eingeführt wurden, kannten sich die Eltern auf einmal nicht mehr aus.“ Das Erfahrungswissen fehlte, der Informationsbedarf stieg. Doch auch wenn inzwischen das neue System der Abschlüsse bekannt ist – die Eltern sind geblieben. An der TU gibt es daher jedes Jahr Info-Tage mit einen Elternabend zum Abschluss. Auch die Humboldt-Universität hat in diesem Jahr erstmals einen Elternabend angeboten. Er war so gut besucht, dass es ihn wohl auch im kommenden Jahr wieder geben wird.

Beatrix lächelt und schüttelt den Kopf. Nein, zu so einem Elternabend würde sie nicht gehen. „Uni ist doch die Sache meiner Tochter, nicht meine“, sagt sie. Johanna studiert an der Freien Universität Berlin BWL. Sie kommt jetzt ins dritte Semester, im vergangenen Jahr hat sie gleich nach dem Abitur angefangen. An ihrem 18. Geburtstag hatte sie ihren ersten Tag an der Uni, beworben hat sie sich mit 17. Für ihre Bewerbung brauchte sie noch die Unterschrift der Eltern, „aber deshalb mussten wir nicht extra zur Uni gehen“, sagt ihre Mutter.

Die Freie Universität hat bislang noch keine Veranstaltungen ausschließlich für Eltern im Programm. „Wir sind der Überzeugung, dass sich die Studenten selbst um ihre Angelegenheiten kümmern sollten“, sagt Hans-Werner Rückert, Psychologe und Leiter der Studienberatung. Dennoch kommen auch an die FU viele Väter und Mütter zu den Info-Veranstaltungen.

Verkehrte Rollen im Gespräch

Es sind Eltern minderjähriger Studenten. Es sind Eltern, die viele Fragen zur Finanzierung des Studiums haben. Es sind Eltern, die aufgrund ihres eigenen Bildungsweges bislang keinen Bezug zur Uni hatten. Und es sind Eltern, die jeden Schritt ihrer Kinder auch dann noch verfolgen und lenken, wenn diese längst schon erwachsen geworden sind. Helikoptereltern werden sie gern genannt. Sie kreisen wie ein Hubschrauber dicht über ihren Kindern, beobachten alles, greifen bei vermeintlichem Bedarf ein und wirbeln dabei eine Menge Staub auf. Projekt Studium heißt ihre Mission, „und dabei wollen sie das Optimum herausholen und nichts dem Zufall überlassen“, hat Claudia Cifire beobachtet. Manchmal würde es dann in der Beratung wie in einem Bewerbungsgespräch mit verkehrten Rollen laufen. „Das gipfelt dann in der Frage: Wieso soll mein Kind ausgerechnet bei Ihnen studieren?“

Nicht jeder angehende Student freut sich allerdings über das Engagement seiner Eltern. Das hat auch Hans-Werner Rückert schon in der Studienberatung bemerkt. „Wenn da die Eltern vor dem Counter stehen, schauen die Kinder oft unwillig und würden am liebsten im Boden versinken.“ Und wenn dann noch Vater oder Mutter das Wort ergreifen, statt den Jugendlichen selbst sprechen zu lassen, sei schon psychologisches Geschick gefragt, damit der Abiturient überhaupt zu Wort komme. Auch Jochen Ley, Leiter der Studienberatung an der HU, hat schon absurde Situationen erlebt. „Da sitzen Kind und Eltern im Beratungsgespräch vor mir, und die Mutter sagt: ,Unsere Tochter möchte dies oder das studieren‘, und man sieht genau, dass nicht das Kind, sondern die Eltern dies wollen.“ Ganz schwierig werde es allerdings, wenn die Eltern allein die Studienberatung aufsuchen. „Wir haben nichts dagegen, wenn sich Eltern informieren, aber wir sind skeptisch, wenn Eltern statt ihrer Kinder kommen“, sagt Rückert. „Eltern tun ihren Kindern doch keinen Gefallen, wenn sie ihnen alles aus der Hand nehmen.“

Auch Johannas Mutter hat ihre Tochter allein entscheiden lassen, als es um die Wahl des Studienfachs ging. „Als es aufs Abitur zuging, haben wir viele orientierende Gespräche mit Johanna geführt, in welche Richtung es gehen könnte“, erinnert sich die 48 Jahre alte Ärztin. Gemeinsam haben Eltern und Tochter die verschiedenen Möglichkeiten durchgespielt: erst mal ins Ausland, gleich ins Studium und wenn ja, was? Entschieden hat sich die Tochter aber allein. „Mit BWL kann ich nichts falsch machen, dachte ich mir“, sagt sie, und jetzt, nach zwei Semestern, hat sie das Gefühl, die richtige Wahl getroffen zu haben. Dass ihre Eltern hier für sie entschieden hätten, ist für sie eine absurde Vorstellung. Es war auch Johannas Entscheidung, erst einmal in Berlin zu bleiben und noch weiter bei den Eltern zu wohnen. Darüber ist ihre Mutter allerdings nicht unglücklich. „So kann ich meiner Tochter mehr emotionale Unterstützung geben, die Anonymität an der Uni erschlägt einen ja schon am Anfang.“

Jeder Zehnte kommt mit Eltern

Sich an der Universität zurechtzufinden, müsse Johanna aber schon allein. Klar, wenn die Tochter sie gebeten hätte, mal zu einer Orientierungsveranstaltung mitzukommen, hätte sie versucht, das einzurichten. Aber auf die Idee ist Johanna nie gekommen.

Doch die Berliner Universitäten schätzen, dass heute schon etwa zehn Prozent der Studenten mit ihren Eltern im Schlepptau an die Uni kommen. Mit steigender Tendenz, insbesondere wenn die Studienanfänger aufgrund der kürzeren Schulzeit in Zukunft noch jünger werden. Aber es gibt noch eine andere Zahl: 50 Prozent der Studenten würden vor dem Studium keinen Fuß in die Studienberatung setzen und sich alle Informationen lieber selbst beschaffen, sagt Jochen Ley von der Humboldt-Universität. Weniger Erfolg im Studium hätten die auch nicht.