Blumenparadies

Madonnas Blumenfrau

Annett Kuhlmanns Gebinde schmückten sogar das Apartment des Superstars in London. In Berlin dekoriert sie für aufwendige Diners

Es gibt Orte in Berlin, in denen der Sommer noch ein bisschen länger dauert. Das Blumengeschäft „Marsano“ in Mitte ist so einer. Betörender Rosenduft, vermischt mit dem feinen Aroma von frischen Gräsern und grünem Tee, durchzieht die Räume an der Charlottenstraße 75 und schafft eine Atmosphäre, in der die Raumtemperatur in Gedanken um zehn Grad ansteigt. Üppige Vasen, gefüllt mit Callas, Löwenmaul und Gerbera, stehen neben exotischen Zweigen und steinernen Schalen voller Rosenbüsche in Rosa und Weiß. Auf einem Tisch reihen sich Töpfe mit weißen Orchideen wie elegante Tänzerinnen in ihren Tütüs.

Die Chefin dieses Blumenparadieses ist Annett Kuhlmann. Gemeinsam mit ihren Partnern Katrin Jahn und Andreas Namysl hat sie Marsano vor acht Jahren eröffnet und seitdem zu einem Geheimtipp unter Blumen-Fans gemacht. Gerade können die 35-Jährige und ihr Team aufatmen. Die Ifa ist vorbei, und damit sind auch die zahllosen Aufträge für riesige Blumen-Gestecke an den Messe-Ständen abgearbeitet.

Nebenbei wird sie auch für glamouröse Großveranstaltungen gebucht. So arrangierte sie im Auftrag eines Elektronikgeräteherstellers aufwendige Blumengestecke für ein Dinner in Schloss Sanssouci. An diesem Vormittag gibt es bei Marsano dagegen Routinemäßiges. Es sind „Abos“ abzuarbeiten. Das sind Sträuße und Gestecke, die regelmäßig jede Woche wieder frisch an Hotels, Privatwohnungen und Büros geliefert werden. Sie müssen gebunden und mit Adressaten versehen werden. Für das „Hotel de Rome“ müssen die Arrangements üppig und edel sein, für Büros wegen der trockenen Heizungsluft etwas robuster. Manche Kunden geben auch genau die Sorten vor, erzählt Kuhlmann. Wie jene Dame, die jeden Montag einen Strauß Moosrosen mit Schleierkraut wünscht. „Genau so einen Strauß bekam die Frau jahrelang von ihrem Mann“, erzählt Annett Kuhlmann, „bis er dann leider verstarb. Doch das Ritual der frischen Blumen hat sie dann für sich alleine fortgesetzt.“

Annett Kuhlmann hat Pflanzen bereits als Kind geliebt. „Meine ersten Sträuße habe ich schon als Schülerin zusammengestellt und verkauft“, sagt sie und erzählt, wie sie zu Hause, auf einem Bauernhof, 20 Kilometer von Hamburg entfernt, mit dem Blumenpflücken ihr Taschengeld aufgebessert hat. Im Alter von 15 Jahren wagte sie dann den Sprung vom Land in die Stadt, vom Bauernhof ging es in einen Blumenladen am Hamburger Hauptbahnhof. Die Umstellung war groß. Statt der Freunde und Nachbarn waren nun Fremde und Touristen ihre Kunden. „Ich wundere mich heute noch darüber, dass meine Eltern das erlaubt haben“, sagt Kuhlmann. „Oft stand ich allein im Laden, während draußen schräge Gestalten herumschwirrten.“

Vielleicht war genau das eine gute Schule, denn mit den unterschiedlichsten Kunden umgehen, das musste sie auch ein paar Jahre später in London. Da suchte sie sich die besten Blumen-Adressen aus dem Reiseführer, bewarb sich und durfte prompt beim hippsten Blumenladen der Stadt anfangen. Bei „Absolute Flowers“ bestellten Popstars und Royals ihre avantgardistischen Gestecke, die „Laufkundschaft“, das waren hier Gleichaltrige, die mit der Limousine vorgefahren wurden und sich nach dem Shopping von Kuhlmann ein poppiges Sträußchen binden ließen. Die Floristin lernte nicht nur die Wohnung von Madonna und anderen Prominenten kennen, sondern auch eine neue Technik des Blumenarrangierens.

„Da wurden Sorten und Farben wild gemixt“, erinnert sich die Floristin, „und meistens fehlte sogar jedes Grün dazwischen.“ Efeu oder Schleierkraut, die einen Strauß einrahmen und üppiger erscheinen lassen, galten an der Themse als spießig. Stattdessen schmiegten sich Pfingstrosen mit Blüten groß wie Babyköpfe an gleichfarbige Hortensien und Astern. „Die Farbkontraste waren gering, aber dafür wurden die unterschiedlichsten Blüten miteinander kombiniert“, erinnert sich Kuhlmann.

Diese Sträuße wirkten anarchisch, so „als existierten die deutschen Blumen-Regeln gar nicht“, sagt Kuhlmann. Und das stimmte. Diese „Geltungsformen“ der Blumen, das Standardwissen der deutschen Floristik, welches feststellt, wie viel Platz eine Sorte beim Erblühen benötigt und welche Farben sich nicht miteinander vertragen, all das interessierte die Engländer nicht. Auch den Beruf des Floristen gab es in der Form nicht. „Egal, was man vorher gemacht hat – die Hauptsache war, man brachte Talent und Ideen mit, lernte schnell und war flexibel “, erinnert sich Annett Kuhlmann. Von dieser kreativen Atmosphäre hat sie sich auch selber anstecken lassen. Kurzerhand schrieb sie sich am St. Martin’s College für Interieur Design ein und lernte professionell zu fotografieren. Fotografie und Blumen, diese beiden Bereiche bringt sie seitdem immer wieder zusammen. So half sie, für die letzte Kollektion des Berliner Modelabels Vladimir Karaleev die Blumenprints zu entwerfen, und gestaltete für die Band „Videoclub“ ein Plattencover.