Rechtsstreit

Nächster Akt im Hochhuth-Drama

Per einstweiliger Verfügung soll sein „Stellvertreter“ im Berliner Ensemble auf die Bühne kommen

Der Rechtsstreit zwischen dem Dramatiker Rolf Hochhuth und dem Berliner Senat spitzt sich zu. Das Berliner Ensemble (BE) unter Intendant Claus Peymann soll vom Landgericht Berlin gezwungen werden, im Oktober Hochhuths Stück „Der Stellvertreter“ aufzuführen. Markus Kerber, Anwalt von Hochhuths Ilse-Holzapfel-Stiftung, beantragte eine einstweilige Verfügung. Zuvor hatte er bereits eine Kündigungsklage gegen den Berliner Senat, Hochhuths Mieter in der Immobilie am Schiffbauerdamm, eingereicht. Dieser hat das Haus ans BE untervermietet. Das Gericht leitete in der Mietsache zunächst ein schriftliches Verfahren ein.

Auch mit seinem neuen Vorstoß will der 82 Jahre alte Dramatiker durchsetzen, dass das BE ihm die im Mietvertrag von 1998 vereinbarten Aufführungsrechte einräumt. Hochhuth hatte Anfang der 90er-Jahre das Gebäude von den Erben der jüdischen Eigentümerfamilie unter anderem deswegen erhalten, weil er 1963 mit dem „Stellvertreter“ ein Epoche machendes kritisches Stück über die Verfolgung der Juden in Rom und das Wegsehen des Papstes verfasst hatte. Im Mietvertrag sicherte ihm der Senat nicht nur eine Bespielung in den sommerlichen Theaterferien zu, sondern auch drei Aufführungen des „Stellvertreters“ jedes Jahr zwischen dem 16. und 18. Oktober. Laut Hochhuth waren diese Rechte die Gegenleistung dafür, dass er dem Land das Gebäude in bester Lage für eine Jahresmiete von 214.000 Euro überlassen hat.

Uraufführung vor 50 Jahren

Nachdem BE-Intendant Claus Peymann am 10. September seinen Spielplan ohne den „Stellvertreter“ veröffentlichte, sieht Anwalt Kerber nun „Eilbedürftigkeit“. Statt Hochhuths Dokumentarstück will das BE Max Frischs „Andorra“, Georg Büchners „Dantons Tod“ und Lessings „Nathan der Weise“ zeigen. „Wie in jedem Jahr ist auch in diesem Jahr eine Aufführung erwartet und erwünscht“, heißt es im Text des Antrages auf einstweilige Verfügung. Dies gelte insbesondere, weil „Der Stellvertreter“ den 50. Geburtstag seiner Uraufführung feiert. Das Werk wurde 1963 unter der Regie von Erwin Piscator an der Berliner Schaubühne erstmals gezeigt. Die von Hochhuth darin geschilderten Ereignisse fanden 1943, also vor 70 Jahren, statt. Anwalt Kerber wirft dem Senat vor, in dem seit Jahren andauernden Konflikt mit dem betagten Autor auf Zeit zu spielen. So sei es auch im Streit über die Sommerbespielung des Theaters gelaufen. Die Senatsverwaltung für Kultur, der der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) vorsteht, habe so lange eine Reaktion verweigert, bis die Theaterferien vorbei waren.

„Jetzt sind wir gehalten, diese Taktik des Zeitablaufs nicht weiter mitzumachen“, so der Jurist. Die Verwaltung hatte für die Sommerbespielung stets auf Fristen verwiesen, die Hochhuth mit seinen Wünschen hätte einhalten müssen. Für die drei Aufführungen des „Stellvertreters“ im Oktober seien solche Einschränkungen aber nirgendwo im Vertrag geregelt. Dennoch klagt Hochhuth, sein „christliches Trauerspiel“ sei nur zweimal zur vereinbarten Zeit im BE gezeigt worden. 2009 fand eine einzige Aufführung statt. Deshalb ist Kerber „optimistisch“, dass ein Richter in seinem Sinne entscheide.

„Existenzielle Bedeutung“

Im Antrag auf die einstweilige Verfügung wird ein Brief Hochhuths an BE-Intendant Peymann zitiert. Darin schreibt der 82-Jährige am 14. August dieses Jahres an „Claus“, er möge doch „nicht ausgerechnet im 50. Jahr seiner Uraufführung am Kudamm den ,Stellvertreter‘ vergessen – so wie ihr ihn ja schon voriges Jahr vergessen habt“. Am liebsten sei ihm, wenn im Oktober die BE-Inszenierung von Philip Tiedemann aus dem Jahr 2000 auf die Bühne käme.

Laut Antragsschrift hat das Ganze für Hochhuths Stiftung „existenzielle Bedeutung“. Sie sei laut Satzung verpflichtet, Werke von politisch-gesellschaftskritischen Bühnenautoren des 20. Jahrhunderts aufzuführen. Neben dem Verlust der Ticket-Einnahmen droht der Stiftung andernfalls der Verlust der Gemeinnützigkeit. Hochhuths Anwalt Kerber hatte schon nach der im Juni eingereichten Räumungsklage dem Senat und dessen Rechtsvertreter Peter Raue eine außergerichtliche Einigung angeboten, war aber auf den September verwiesen worden.