Asyl

Eine Familie auf Abruf

Millionen Syrer sind auf der Flucht. Die Familie Bro kam nach Berlin. Jetzt ist sie in großer Sorge um die Großmutter

Seit mehr als zwei Jahren lebt Malak Bro nun in diesem Land. Vieles hat er verstanden. Dass man Kopien beglaubigen lassen und Anträge stellen muss, dass es Fristen gibt und Wartezeiten und man bei den Ämtern mehr erreicht, wenn man in Begleitung eines deutschen Staatsbürgers dorthin kommt. Das Einzige, was er immer noch nicht verstanden hat, ist die deutsche Fixierung auf Tage und Uhrzeiten. Was in anderen Ländern Bestechungsgelder sind, ist bei uns der Termin.

Malak Bro ist im Juli 2011 mit seiner Frau Sandra und den drei Kindern nach Deutschland geflohen. Assads Armee hatte ihn zwingen wollen, an ihrer Seite zu kämpfen. Monatelang saß Malak Bro im Gefängnis. Für 3000 Dollar konnte er freigekauft werden, aber die Bedrohung durch die Soldaten blieb. Die Bros sind kurdische Syrer, und sie sind Jesiden, eine religiöse Minderheit, die schon vor dem Ausbruch der Kämpfe in Syrien unter Druck gesetzt wurde. „Meine Kinder sind nicht schuld an diesem Krieg“, hatte Sandras Vater gesagt. „Sie sollen frei sein, zu gehen.“ Er verkaufte sein Haus, damit Sandra und Malak die Schlepper bezahlen können. „Ich bin alt“, sagte Murad Bro, „mir werden sie nichts tun.“ Jila, Saado und Talin, Sandras minderjährige Geschwister, blieben beim Vater. Die Mutter lebte da schon nicht mehr.

Malak und Sandra Bro kamen nach Berlin. Sie wurden nach Paragraf 25 Abs. 2 als Flüchtlinge anerkannt und fanden eine Wohnung in Marienfelde, sie kauften sich ein Sofa und sie begannen, Deutsch zu lernen. Malak machte den Führerschein. Als Landwirt kann er hier nicht arbeiten. Bis er etwas Besseres gefunden hat, jobbt er als Aushilfe in einer Restaurantküche, die Kinder gehen in die Kita. Das ist die eine Seite der Flucht. Das Ankommen.

Aber es gibt noch eine andere Seite. Den Verlust. Wer flieht, der muss einen Teil seines Lebens aufgeben. Seine Heimat, seine Familie, sein Zuhause, sein Auto, das Ansehen, das er in seinem Dorf genossen hat, Vertrautes, seinen Beruf, Freunde, Gewohnheiten, seine Sprache. Wer flieht und in einem anderen Land aufgenommen wird, der muss auch Rechte zurücklassen, die für ihn immer selbstverständlich gewesen sind. Zum Beispiel das Recht, sich um seine Mutter zu kümmern.

Millionen Syrer sind seit Beginn des Bürgerkriegs auf der Flucht, die genaue Zahl kennt keiner. Auch die Zahl der Toten nicht. Die Uno geht von 100.000 Todesopfern aus. Baschar al-Assad steht im Verdacht, Giftgas-Angriffe auf sein eigenes Volk zu befehlen. Und Assads Armee ist bei Weitem nicht der einzige Aggressor in diesem Krieg.

In der Nacht zum 17. August 2013 hat die islamistische Al-Nusra-Front das Dorf Assadije überfallen, in dem die Bros lebten. Sie entführten Ali Bro, den Vater von Malak. Sandras Vater, der ihm zu Hilfe kommen wollte, schossen sie an. Sie drohten jedem, den sie am Morgen noch im Dorf antreffen würden, würde dasselbe geschehen. Nachbarn trugen Sandras Vater ins Haus, versuchten, seine Verletzungen selbst zu behandeln, aber nach sechs Stunden Todeskampf starb Murad Bro. Seine Kinder waren dabei. Ali Bro, Malaks Vater, brachten die Rebellen noch in der Nacht zurück. Sie hatten ihn enthauptet. Seine Leiche legten sie vor das Haus. „Als Warnung für die anderen.“ Chamsa Bro, Malaks Mutter, floh mit den minderjährigen Waisen über die Grenze in die Türkei. Noch in derselben Nacht.

Religiöse Selektion

Doch im Flüchtlingslager, auf der anderen Seite der Grenze, konnten sie nicht bleiben. „Sie fragen dich, bist du Muslim?“, erzählt Malak Bro. „Zeige mir, wie man betet.“ Wer nicht beten kann, den duldeten sie nicht. Diese Berichte sind nicht neu. Immer wieder hört man von andersgläubigen Flüchtlingen, dass in den Lagern die Muslimbrüder herrschten. Die Türkei scheint dagegen nichts zu unternehmen, internationale Einmischung ist nicht erwünscht. Immer wieder hört man auch Geschichten, dass Flüchtlinge zurück nach Syrien abgeschoben würden. So ist es Aidan Bro, Malaks Bruder, und seiner Familie geschehen. Doch die Grenzbeamten sind bestechlich. Mit den Kleinkindern auf dem Arm und zu Fuß gingen die Bros zum nächsten Grenzübergang, dort wurden sie wieder in die Türkei gelassen. Für 50.000 Euro fanden sie in der Türkei einen Schlepper. Sie kamen nach Berlin. Die Kosten für die Schlepper sind gestiegen. Aidan Bro hat schon für seine Familie doppelt so viel gezahlt wie Malak Bro anderthalb Jahre zuvor. Wenn sie ihre Mutter auf dem selben Weg, über Schlepper, ins Land holen wollten, müssten sie 60.000 Euro bezahlen. So sind die aktuellen Preise, sagt Malak Bro. Der Bruder war bei seinem ersten Fluchtversuch über Schleuser geschnappt worden und hatte mehrere Wochen im türkischen Gefängnis gesessen. „Das Risiko ist zu groß“, sagt Malak Bro. Sie haben auch gar kein Geld, um Schleuser zu bezahlen.

„Meine Mutter soll auf legalem Weg nach Deutschland kommen“, sagt Malak Bro. Er wolle keine Gesetze verletzen oder unterwandern. Aber es könne doch nicht sein, dass eine deutsche Behörde es ihm verbiete, seine Mutter zu sich zu holen. „Wie soll sie dort leben, ganz alleine?“, sagt Malak Bro. Wenn seine Mutter kein Visum bekommt, sagt er, dann will er bei ihr in der Türkei bleiben. Ihre Väter können Sandra und Malak nicht begraben, es gibt nur eine Trauerfeier bei der Jesidischen Gemeinde in Oldenburg. Danach beantragt Malak Bro ein Visum für sich und leiht sich Geld von Freunden. Er will in die Türkei fliegen, seine Mutter und Sandras Geschwister suchen, Visa bei der deutschen Botschaft in Ankara beantragen und sie alle nach Berlin bringen.

Malak Bro hat viel gelernt über dieses Land, in dem er seit mehr als zwei Jahren lebt. Aber er hat gerade seinen Vater verloren, und seine Frau hat ihren Vater verloren. Auch seine Heimat, die ihm seit seiner Flucht unerreichbar weit weg schien, ist jetzt endgültig zerstört. Seine Anwältin, die ihm eben noch Hoffnung gemacht hatte, dass die Mutter im Rahmen des Familienzuzugs nach Berlin kommen könnte, ruft ihn Anfang September an und sagt, dass er keine Chance habe. Gerade noch sei einer allein reisenden Witwe der Familiennachzug verweigert worden. „Die Frau hat im Bürgerkrieg ein Bein verloren, wenn sie nicht kommen darf, wer dann“, sagt Malak. In seiner Trauer und seiner Verzweiflung vergisst er das, was bei Ämtern am wichtigsten ist. Er vergisst, einen Termin zu machen.

Am 10. September fliegt Malak Bro nach Ankara. Von dort fährt ein Bus in die Stadt an der syrischen Grenze, in der seine Mutter, sein Bruder und die Geschwister seiner Frau zusammen mit anderen Nachbarn in einer Zwei-Zimmer-Wohnung untergekommen sind. Die Fahrt dauert 17 Stunden. Malak und die anderen nehmen sofort den nächsten Bus zurück nach Ankara. Seiner Mutter und einer Nachbarin geht es nicht gut, die Frauen haben beide Bluthochdruck, Malaks Mutter hat Herzbeschwerden. Die Kinder haben Angst.

Im März hat die Bundesrepublik Deutschland angekündigt, 5000 syrische Flüchtlinge aufnehmen zu wollen. Jetzt, im September, werden die ersten 110 von ihnen in Hannover erwartet. Chamsa Bro und die minderjährigen Kinder können sich für dieses Aufnahmeprogramm nicht bewerben. Es richtet sich nur an Syrer, die bereits bei der Flüchtlingskommission der Vereinten Nationen oder bei der Caritas im Libanon registriert sind. Selbst wenn Chamsa Bro und die Kinder quer durchs Land nach Beirut geflohen wären, um sich registrieren zu lassen, wäre es zu spät gewesen. Es hat viel Kritik an diesen Auswahlverfahren gegeben. Malak und seine Mutter haben inzwischen ganz andere Probleme bei der Botschaft. Der Wachschutz ließe seine Mutter gar nicht erst in das Gebäude, erzählt er am Telefon. „Sie sind Türken, wir sind Kurden, die mögen sie nicht“, sagt Malak. Die Mutter hat nur eine Kopie ihres Passes, die lag noch bei einer ihrer Töchter in Deutschland. Die Kopie reicht aber nicht aus. Ohne Pass kein Zutritt. Einen Tag lang versucht Malak Bro vergeblich mit Hilfe seines Cousins vor der Tür der Botschaft etwas zu erreichen. Als sie auch am nächsten Tag keinen Erfolg haben, versuchen sie es telefonisch. Aber auch hier gibt es kein Durchkommen. Erst durch Mails und Faxe von deutschen Behörden, die bestätigen, dass Malaks Cousin eine Verpflichtungserklärung für seine Tante unterschrieben hat und dass er ihren Lebensunterhalt sichern würde, gibt es eine Antwort aus der Botschaft. Wenn es um ein Besuchsvisum gehe, dann solle er sich bitte an die Firma iDATA wenden. Die Anmeldeformalitäten sind outgesourct. In anderen Fällen brauche man „Vorabarbeiten“, die in Deutschland erledigt werden müssten und eine „Vorabzustimmung“.

Am 12. September erklärt Innensenator Frank Henkel (CDU), dass Berlin den weiteren Familiennachzug syrischer Flüchtlinge ermöglichen wolle. Wer eine Verpflichtungserklärung abgibt und im Besitz einer Aufenthaltserlaubnis ist, für den soll es in Zukunft einfacher sein, seine Familie zu sich zu holen. Der Bundesinnenminister müsse noch zustimmen.

Ein Haus in Niedersachsen

In Niedersachsen soll das Verfahren jetzt schon einfacher sein. Dort lebt Sandras Schwester seit 2005 mit ihrem Mann. Sie haben ein eigenes Haus mit genügend Platz, ihr Mann war nie arbeitslos. Sandras Schwester hat den Antrag gestellt, dass ihre Geschwister zu ihr kommen sollen. Saado hatte vor drei Tagen Geburtstag, er ist 13 Jahre alt geworden, die Mädchen sind 14 und 16 Jahre alt. Sie haben am 30. September einen Termin bei der Botschaft bekommen. Dann wird über den Antrag entschieden.

Auch Malak Bros Mutter hat inzwischen einen Termin in der deutschen Botschaft bekommen – am 5. Dezember 2013.

Die Berliner Morgenpost hat am 23. April 2012 zum ersten Mal über die Familie Bro berichtet. Seitdem begleitet unsere Autorin Judith Luig das Leben der Flüchtlingsfamilie in Berlin, zuletzt berichtete sie über die Ermordung von Malak Bros Vater durch Truppen der islamistischen Al-Nusra-Front.