Meine Woche

Vom Leben im Kiez

Christine Richter lernt ein neues Berlin-Gefühl kennen

Es ist nach und nach passiert, schleichend. Inzwischen ist es nicht mehr zu leugnen: Ich lebe in einem, meinem Kiez. Das ist, nach so vielen Jahren in Berlin, doch ein neues, ein ganz schönes Gefühl. Mitte der 80er-Jahre bin ich als Studentin nach West-Berlin gekommen – und wie es damals üblich war, in den darauffolgenden Jahren sehr oft umgezogen. Erst wohnten wir als Studenten in einer kleinen WG in Moabit, Hinterhaus, dritter Stock, natürlich mit Kohlenheizung. Dann ging es nach Charlottenburg, schließlich mit dem Freund nach Kreuzberg 61. In diesem schönen Stadtteil, wo rund um den Chamissoplatz aus ehemals besetzten Häusern sehenswerte Altbauten geworden waren, habe ich gleich mehrfach die Wohnung gewechselt. Das gehörte dazu in West-Berliner Zeiten, die Wohnungen wurden größer und irgendwann hatte auch ich keine Lust mehr, die Kohleneimer aus dem Keller in den vierten Stock zu schleppen. Später, kurz nach dem Fall der Mauer, ging es dann in eine Altwohnung nach Prenzlauer Berg.

In all den Jahren hat man den jeweiligen Stadtteil gut kennengelernt, wusste, welche Straße man in der Dunkelheit am besten nicht langgeht, bei welchem Bäcker es die knackigsten Schrippen gibt, wie man auf schnellstem Weg zur U-Bahn kommt und in welchem Buchladen die Verkäuferin besonders freundlich und belesen ist. Aus gingen wir aber nicht nur im Kiez, sondern in der ganzen Stadt. Und so blieb immer eine Distanz, auch wenn man die Händler um die Ecke natürlich kannte – und selbstverständlich grüßte.

Nun bin ich schon seit einiger Zeit am Helmholtzplatz in Prenzlauer Berg zu Hause. Anfangs grüßte man den Zeitungsverkäufer im Kiosk, aber das war’s dann auch. Inzwischen nenne ich meine Vogel-Frau – also die Besitzerin der Tierhandlung, die im Urlaub auf die Vögel aufpasst – beim Namen, die Supermarktfrauen erlauben sich schon mal eine Bemerkung zu meinen Einkäufen („Diese Chips schmecken aber nicht“), die Kellner beim Italiener gegenüber grüßen („Wie geht’s?“), wenn ich im Sommer an ihrem Lokal vorbeilaufe. Im anderen Lieblingsrestaurant ein paar Meter weiter muss ich eigentlich nicht mehr nach meinem Wunsch gefragt werden, auch wenn die Speisekarte stets vorgelegt wird. Und die Besitzerin setzt sich, wenn sie da ist, spät am Abend mit an den Tisch – wir reden über die vielen Baustellen, die klugen und die schlimmen Bezirkspolitiker, die Touristen und darüber, wie sehr sich der Kiez verändert hat. Mit der Apothekerin, die mit großer Geduld für mich bestimmte Pakete annimmt, tausche ich inzwischen Urlaubserlebnisse aus. Ihr fällt auch auf, wenn ich einen freien Tag habe („Schon zu Hause?“) und zu ungewohnter Zeit vorbeischaue. Die Kioskfrau wundert sich dagegen nicht mehr über meinen Zeitungsstapel an solchen Tagen und will schon mal über die Schlagzeilen diskutieren. Von wegen Leben in der anonymen Großstadt.

In einer Studie, die in der vergangenen Woche bekannt wurde, ermittelte das Meinungsforschungsinstitut Forsa, dass immer mehr Städter das Landleben attraktiver finden als das Leben in der Stadt. Zugegeben, die Studie gab die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzerverbände – ja, so etwas gibt es in Deutschland – in Auftrag, da muss man aufpassen, dass die nicht nur uns Großstadtmenschen in ihren Wald locken wollen. Aber interessant sind die Ergebnisse der Meinungsforscher schon: Dreiviertel der unter 30-jährigen Städter können sich heute ein Leben auf dem Land vorstellen. 91 Prozent der Befragten ist die Naturnähe wichtig, 87 Prozent mögen die Ruhe – und für immerhin 73 Prozent der Großstädter spielt das Zusammengehörigkeitsgefühl auf dem Land eine wichtige Rolle.

So weit bin ich dann aber noch nicht – Zusammengehörigkeitsgefühl hin oder her. Ich habe in Prenzlauer Berg, im Kiez rund um den Helmholtzplatz, zwar keine Chance mehr auf ein anonymes Großstadtleben, aber raus aus Berlin geht es nur an freien Tagen und im Urlaub. Und die Nähe, die erlebe ich ja gerade zunehmend in meinem Kiez. „Ist doch schön“, sagt mein Freund. Ist es.