Raub

Soko „Giro“ jagt Automatenräuber

Die Täter nehmen bei der Sprengung der Geldbehälter auch Gefahren für Unbeteiligte in Kauf. Zahl der Fälle steigt immer schneller

Die Methode ist stets dieselbe, ebenso simpel wie gefährlich. Auf der Jagd nach dem schnellen Geld sprengen Kriminelle immer öfter Geldautomaten in den Selbstbedienungsbereichen der Banken in die Luft. Dabei schlagen sie nicht nur mitten in der Nacht zu, sondern lassen zunehmend auch in den frühen Morgenstunden Bankautomaten hochgehen. In vielen der insgesamt 16 Fälle seit Jahresbeginn wurden durch die Detonationen Fassaden- und Fensterteile auf Gehwege und Straßen geschleudert. Passanten wurden bisher noch nicht verletzt, doch das Vorgehen birgt eine ständige Gefahr.

Am 1. September beispielsweise wurde am Mehringdamm in Kreuzberg ein fahrendes Auto von umherfliegenden Trümmerteilen getroffen. Der Fahrer des Wagens kam mit einem Schrecken davon. Mindestens vier maskierte Täter hatten gleich zwei Geldautomaten in einem Vorraum einer Filiale der Deutschen Bank gesprengt, indem sie ein Gas-Luft-Gemisch in den Kartenschlitz leiteten und dann zündeten. Dabei wurden auch der gesamte Vorraum und die Fensterfront zerstört. Die Täter hatten erst gegen 7.20 Uhr zugeschlagen, als die Straße bereits wieder belebt war. Zwei Zeugen, die in die Bank wollten, wurden kurzerhand weggeschickt.

Davon abgesehen war das Vorgehen der Verbrecher typisch für die aktuelle Überfallserie an Geldautomaten. Auch der Umstand, dass die Täter eine dunkle Limousine mit gefälschten Kennzeichen als Fluchtwagen benutzten, passt in das Muster früherer Taten. Auffällig ist zudem, dass die Tätergruppen mehrfach in Wellen zuschlagen, also drei bis vier Taten innerhalb einer Woche oder von zehn Tagen verüben und danach eine Weile untertauchen. Solche Häufungen musste die Polizei etwa Ende Juni sowie Ende Juli beobachten. Die Sicherheitskräfte gehen inzwischen davon aus, dass die Täter aus Rumänien oder den Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawien ins Bundesgebiet einreisen.

Die Geldinstitute versuchen, sich mit technischen Verbesserungen an den Automaten zu schützen. So enthalten viele Geräte inzwischen Sensoren, die bereits während des Einleitens von Gasen Alarm auslösen. Außerdem enthalten die Geldkassetten Farbpatronen, welche die Banknoten bei einer Explosion mit roter oder blauer Farbe einfärben. Dadurch wird die erlangte Beute für die Täter praktisch unbrauchbar. Darüber hinaus erproben Hersteller der Automaten, die Geräte noch robuster zu bauen und die Explosionen durch eine vermehrte Verwendung von Bauschaum abzuschwächen. Allein die Verkleinerung der Hohlräume führt nach Angaben von Experten dazu, dass weniger explosives Gas-Luft-Gemisch in die Bankautomaten eindringen könne.

Vorräume nachts geschlossen

Auch wenn ein Geldautomat nicht in die Luft fliegt und die Täter leer ausgehen, seien die Kosten für die Banken laut Michaela Roth, Sprecherin des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes, erheblich. „Es ist nicht nur das erbeutete Geld, sondern auch der bauliche Sachschaden.“ Die Berliner Sparkasse reagierte im Sommer bereits auf die Angriffe, indem sie insgesamt 65 von 145 Geldausgabestellen im Zeitraum zwischen Mitternacht und 5 Uhr geschlossen hält. Andere Geldinstitute setzen zusätzlichen Wachschutz ein oder planen wie die Postbank und die Berliner Volksbank weitere Sicherheitsvorkehrungen. Details dazu möchten die Banken jedoch nicht mitteilen.

Die Berliner Polizei hat jetzt zur Bekämpfung dieser Kriminalitätsform, die nicht nur deutschland- sondern europaweit bekannt ist, mit dem Aufbau einer Sonderkommission unter dem Namen „Giro“ reagiert. Ziel ist es, den Fahndungsdruck spürbar zu erhöhen und die Banden möglichst rasch zu fassen. Die Häufung der Automatenexplosionen hatte in jüngster Zeit zugenommen. Allein seit Anfang Juni haben die unbekannten Täter in Berlin 15 Mal zugeschlagen. Trotz der vielfach erheblichen Zerstörungen durch die Explosionen gelangten deren Verursacher allerdings in nur acht Fällen auch an die Geldkassetten. Diese recht hohe Quote an Fehlversuchen nehmen die Kriminellen offenbar in Kauf, wie auch die Gefährdung unbeteiligter Passanten.

Nach der Sprengung eines Automaten am 20. Juni in der Postbankfiliale an der Bergmannstraße in Kreuzberg hatten die Täter zudem den Fluchtwagen in Brand gesetzt. Der BMW wurde kurz nach der Tat brennend am Maybachufer entdeckt. Eine Farbpatrone hatte zuvor die Beute verschmutzt, die Täter ließen bündelweise gefärbte Geldscheine zurück.

Wenige Tage später trafen Maskierte vor einem Coup in Friedrichshain auf einen Obdachlosen, der im Bankfoyer schlief. Die Angreifer verscheuchten den Mann, bevor sie einen Geldautomaten der Commerzbank an der Frankfurter Allee in die Luft jagten. Einer der Täter verlor auf der Flucht seine auffällige Karnevalsmaske. Bilder von dieser Maske hat die Berliner Polizei auf ihrer Internetseite unter der Rubrik „Zeugen gesucht“ veröffentlicht.

Dort ist auch eine Mütze zu sehen, die am Tatort Mehringdamm gefunden wurde, sowie Fotos von dem bei diesem Überfall benutzten Fluchtwagen Dabei handelt es sich um einen dunklen Audi S6 Avant, Baujahr zwischen 2005 und 2011. Die Ermittler der Sonderkommission „Giro“ bitten um Hinweise.

Wer Angaben zu den Sprengungen oder den markanten Masken machen kann oder weiß, wo mehrere davon auf einmal verkauft wurden, wird gebeten, sich beim Landeskriminalamt unter der Rufnummer 4664 94 32 60 zu melden.