Gedenken

Das vergessene Heldengrab

Der Chinese Jiang Yuchun initiiert eine Ehrung für Pater Jacquinot, Vorbild des „guten Deutschen von Nanjing“

Es ist nur ein Blatt Papier, darauf wenige Worte. Er suche Hinweise zu Pater Jacquinot, hat der Pekinger Jiang Yuchun darauf geschrieben. In der katholischen St.-Hildegard-Kirche in Frohnau verteilt er den Zettel an einem Februartag 2013 unter den wenigen Besuchern. Es ist seine letzte Station bei diesem Berlinbesuch, wo er Wirkungsstätten des französischen Jesuiten und Archive abgeklappert hat, mit vielen Menschen sprach, von denen keiner etwas wusste. Der letzte Versuch, mehr über jenen vergessenen Helden zu erfahren, dessen Geschichte Jiang umtreibt.

Gut ein halbes Jahr später steht er wieder in Berlin. Obwohl, er steht kaum an diesem 10. September 2013. Er wuselt durch die Menschenansammlung auf dem Friedhof Heiligensee, denn es ist nicht nur Jacquinots Todestag, sondern auch Jiangs großer Tag. Er hat das Berliner Grab des Paters ins Licht der Öffentlichkeit gestellt. Und er brachte den Bezirk Reinickendorf dazu, einen Gedenkstein mitsamt einer Gedenkplatte aus Jade von Jiang zu errichten. Ein später Dank für Robert Charles Joseph Emile Jacquinot de Besange, der nur wenige Monate vor seinem Tod in Berlin lebte, nachdem er zuvor als Missionar in Shanghai während des chinesisch-japanischen Krieges 1937 die erste Sicherheitszone für Zivilisten in einem Kriegsgebiet überhaupt ausgehandelt hatte. Geschätzt einer halben Million Chinesen rettete er das Leben und wird dafür in der Genfer Konvention von 1949 erwähnt. Ohne sein Vorbild hätte es die Nanjinger Schutzzone des deutschen Nazis und Siemens-Mitarbeiters John Rabe, bekannt seit dem gleichnamigen Kinofilm, vielleicht nie gegeben.

„Der gute Deutsche von Nanjing“, wurde John Rabe später genannt, auch der „Oskar Schindler Chinas“. „Aber Jacquinot kennt kein Mensch, weder in Frankreich noch in Deutschland oder China“, sagt Jiang entrüstet. Der Festakt ist vorbei. Die Vertreter der volksrepublikanischen Botschaft sitzen wieder in ihren Büros. Die Historikerin Marcia Ristaino, Autorin eines Buches über Jacquinot, ist in die USA zurückgekehrt. Jiangs Enttäuschung aber, dass keine hohen deutschen Vertreter nach Heiligensee kamen, ist noch spürbar, als er jetzt in einem Café in Tiergarten sitzt. Bis Mitte Oktober wird er in Deutschland bleiben, wenn die chinesische Botschaft ebenfalls einen Gedenkstein einweiht. Dieses Mal an der Grabstelle John Rabes in Charlottenburg. Jiang wird bei jener Zeremonie das John Rabe Kommunikationszentrum in Heidelberg vertreten. Dessen Leiter Thomas Rabe, Enkel John Rabes, hatte er während seines Studiums in Berlin kennengelernt. Damals, im Jahr 2005, las Jiang im Internet von John Rabe. In China war ihm dessen Namen kaum einmal begegnet. „Ich wusste nur, das war ein Nazi und einer von Siemens.“ Deutsch-chinesische Geschichte, sagt Jiang, sei für viele Chinesen ein weißer Fleck. „Ich weiß darüber mehr, weil ich in Berlin gelebt habe.“ In jenem Moment 2005 war seine Begeisterung geweckt. Praktisch jeden von Rang und Namen, der sich jemals mit Rabe befasste, kontaktierte er während seiner Berliner Zeit. Darunter auch Shao Tzuping, Initiator der Veröffentlichung von Rabes Tagebücher in New York. Es sollte der Beginn von Jiangs zweiter Aufarbeitungsaktion werden: „Shao sagt damals, so viele interessierten sich für John Rabe. Dabei sei Jacquinot mindestens ebenso wichtig.“

In China initiierte er die Jacquinot-Rabe-Freundschafts-Gesellschaft. Und er begab sich auf die Suche nach den Spuren des Paters in Berlin. Dorthin war Jacquinot im Dezember 1945 vom Vatikan geschickt worden. Im Militärkrankenhaus in Reinickendorf wurde er vor seinem Tod am 10. September 1946 behandelt und in der sogenannten „Franzosenabteilung“ des Friedhofs Heiligensee beerdigt. Jacquinots Geschichte, glaubt Reinickendorfs Lokalhistoriker Klaus Pegler, wäre hier vermutlich unbekannt geblieben, hätte nicht im Februar 2013 ein älterer Herr in der Hildegard-Kirche Jiangs Zettel gelesen und an Pegler weitergeleitet. Dessen Anfrage beim Friedhofsamt führte zu der vergessenen Grabstelle Reihe 1, Nr. 17 – und nun zu dem Gedenkstein. Für Jiang ist sein eigener Auftrag damit aber nicht erfüllt: zur Völkerverständigung zwischen China und Japan beizutragen. Von den Deutschen und ihrem Umgang mit Geschichte, glaubt Jiang, könne Japan dabei manches lernen.