Sanierung

Der Steinmetz vom Stadthaus

Nach 20 Jahren muss der Turm des Verwaltungsgebäudes in Mitte wieder saniert werden. Die Fassade hat große Risse

Tausende Autofahrer und Fußgänger in Mitte sehen es. Grüne und blaue Netze hüllen den hohen Turm des Alten Stadthauses an der Klosterstraße ein. Die großen Säulen und Steinfiguren sind verborgen. Das markante Gebäude ist Sitz der Senatsverwaltung für Inneres und Sport. Über den Büros von Senator Frank Henkel (CDU) und seinen Mitarbeitern sind Architekten, Statiker und Steinmetze am Werk. Denn die Natursteinfassade des Turms muss repariert werden. Die Steine aus Muschelkalk zeigen Risse. Mörtel löst sich aus den Fugen. Auch der Beton bröckelt, der in der Nachkriegszeit zum Ausbessern benutzt wurde. Es besteht die Gefahr, dass sich Teile aus der Fassade lösen und herunterfallen. Deshalb hat jetzt die Sanierung begonnen.

Es ist ein Lastenaufzug im Innenhof des Stadthauses, der die Fachleute an ihren Arbeitsort in luftiger Höhe bringt. Er knarrt und schaukelt ein bisschen. Auch eine Außentreppe im Gerüst führt nach oben. Auf der Plattform am Fuß des Turms, in 35 Meter Höhe, ist der Blick atemberaubend. Wolfgang Meier-Kühn vom Büro AGP Architekten genießt ihn, aber nur kurz. Dann richten sich seine Augen auf die Steine, die Skulpturen und Vasen, die Fensterumrahmungen des Turms. „Alles ist aus Muschelkalk“, erzählt er. „Er ist marode, das ist das Problem.“ Ein Millionen Jahre alter Baustoff. „Er ist spröde, weich und anfällig für Witterungseinflüsse.“ Am Turm ist er schonungslos dem Wetter ausgesetzt. Regen und Schnee setzen sich in den Fugen und Ritzen fest.

Bis zu 70 Grad heiß

Am Sims, der mit Kupferblech abgedeckt ist, kommt es zu starken Temperaturschwankungen. „Bei Sonnenschein im Sommer heizt sich das Blech auf – bis zu 70 Grad“, sagt der Architekt, „im Winter kühlt es bis minus 20 Grad ab.“ Hitze und Kälte gibt das Blech an den Stein darunter weiter. „Es kommt zu Thermospannungen im Material.“ Für die Reparatur ist die Kupferabdeckung entfernt worden. Die defekten Steine darunter werden ersetzt, Risse geschlossen mit einem Mörtel, „der ähnliche Eigenschaften wie der Naturstein hat. Damit neue Risse vermieden werden.“ Vor 20 Jahren ist der Turm zuletzt saniert worden. Mit der Empfehlung der Fachleute, den Zustand alle sieben bis acht Jahre zu begutachten.

Während der Architekt erzählt, geht er auf einem Gitterrost um den Turm. Zeigt auf Steine, die sich gelockert haben, auf bröckelnde Teile und ausgehöhlte Fugen. Monatelang haben die Fachleute die Fassade am Turm unter die Lupe genommen und die kleinen und größeren Schäden in einer Kartei aufgelistet, „mit spitzem Bleistift“. Dicke Ordner sind damit gefüllt. Von unten, mit einem Teleobjektiv, habe er viele Defekte nicht bemerkt, erzählt der Architekt. „Die sieht man erst, wenn man genau davorsteht.“

Zwei Drittel der Turmfassade seien kartiert, sagt Meier-Kühn. Zwischen 500 und 600 schadhafte Stellen sind aufgeführt, die ausgebessert werden sollen. „Keine Schönheitsreparaturen“, sagt er. „Nur das, was nötig ist für eine intakte Fassade.“ Der Architekt hat mit Baustatikern vom Büro GSE zusammengearbeitet. Denn wenn starke Risse in Steinen auftreten, ist die Stabilität gefährdet. „Dann muss man mit Edelstahlankern arbeiten, um etwas sicher zu befestigen. Sodass es die nächsten 20 Jahre hält.“ Die Berechnungen dafür müsse ein Statiker machen.

Noch sind die Experten dabei, den unteren Bereich der Turmfassade zu sichten. Oben sind bereits Steinmetze am Werk. Jens Woltmann ist einer von ihnen. Fast 30 Jahre Berufserfahrung bringt er mit. „Ich bin Bausteinmetz“, erzählt der 47-Jährige. Er ist gewohnt, außen am Gebäude zu arbeiten, bei Wind und Wetter. Woltmann hat in der einen Hand den Knüppel, in der anderen ein Nuteisen. Damit säubert er Fugen.

Die defekten Steine an der Fassade sollen durch neue ersetzt werden. Sie kommen aus dem fränkischen Kirchheim, wo Muschelkalk abgebaut wird. Von dort stammten auch die mehr als 100 Jahre alten Originalteile. Erbaut wurde das Alte Stadthaus von 1902 bis 1911. Der Berliner Stadtbaurat Ludwig Hoffmann hat die Entwürfe für den Bau geliefert. Zur DDR-Zeit war des Gebäude Sitz des Ministerrates. Im Jahr 1997 zog die Senatsinnenverwaltung ein.

„Die Vorkommen von Muschelkalk in Franken sind groß“, erzählt Thomas Buchhorn. Er leitet die Niederlassung der Firma F.X. Rauch, die die Natursteinarbeiten am Turm des Alten Stadthauses ausführt. Der Steinmetzmeister hat schon mehrere Vorhaben in Berlin betreut, etwa an der Staatsbibliothek. Die besondere Herausforderung am Alten Stadthaus ist die Höhe des Turms. 70 bis 80 Meter über dem Boden bewegen sich die Handwerker auf dem Gerüst mit den Gitterrosten und bearbeiten Säulen, Fenstersimse und Mauervorsprünge. Werkzeuge und Steine kommen mit dem kleinen Lastenaufzug nach oben.

Auch ein Ornithologe ist hinzugezogen worden. Denn am Turm ist auch ein Nistplatz für Wanderfalken angebracht. Der hölzerne Kasten war in den vergangenen Jahren immer bewohnt. In diesem Frühjahr jedoch stand der Wanderfalke vor verschlossener Tür. Mit einem brütenden Greifvogel an der Fassade hätte man die Arbeiten nicht ausführen können, sagt Wolfgang Meier-Kühn. Obdachlos sei der Wanderfalke nicht geworden. Er hat sich für den Nistplatz gegenüber am Roten Rathaus entschieden.

Arbeiten bis Mitte November

Die Sanierung wird im Auftrag der Berliner Immobilienmanagement GmbH ausgeführt. Das landeseigene Unternehmen betreut rund 1600 Gebäude, darunter auch die Philharmonie und die Justizvollzugsanstalten. Was die Arbeiten an der Turmfassade des Alten Stadthauses kosten werden, steht noch nicht fest. „Der größte Aufwand ist das Gerüst“, sagt Architekt Meier-Kühn. Rund 200.000 Euro sind dafür veranschlagt. Weil die Bauarbeiten oben beginnen und sich nach unten fortsetzen, können nach und nach Teile des Gerüstes abgebaut werden. Dadurch verringert sich die zu zahlende Miete. Mitte November sollen die Arbeiten am Turm beendet sein. Dann nimmt sich das Team noch zwei Wochen Zeit, um die Ergebnisse zu kontrollieren und eventuelle Mängel zu beseitigen. „Im Dezember wird das Gerüst abgebaut.“