Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirch

Glockenspiel, Gottesdienst und ein Andrang wie an Weihnachten

Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche hat ihr akustisches Erkennungszeichen zurückbekommen: Das Glockenspiel im Alten Turm erklang nach zweijährigen Restaurierungsarbeiten am Sonntagmittag erstmals wieder.

Pünktlich um 12 Uhr war die zarte Melodie, eine Komposition des Preußenprinzen Louis Ferdinand, zu hören. Mehrere Hundert Menschen standen auf dem Breitscheidplatz, lauschten konzentriert, fast andächtig, spendeten dann Beifall. Es war ein Moment der Freude und auch der Erleichterung. Die Sanierung des Alten Turms ist fast beendet, und es ist tatsächlich gelungen, die dafür notwendigen 4,2 Millionen Euro zusammenzubekommen.

Auch der Festgottesdienst zuvor war dem weitgehenden Abschluss der Bauarbeiten gewidmet, neben der Gemeinde waren insbesondere die Spender und Fugenpaten eingeladen, die 1,2 Millionen Euro zu der Bausumme beigesteuert hatten. Fast 800 Gäste kamen, „so voll ist es sonst nur an Weihnachten“, freute sich Roland Strehlke, Fundraising-Beauftragter der Gedächtniskirche. Am Gottesdienst nahm auch der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) teil. Ihm sei „das Herz aufgegangen“, als er jetzt endlich wieder den Alten Turm, zumindest die obere Hälfte, ohne Gerüst sehen konnte. Mehr als zwei Jahre war Berlins Mahnmal gegen Krieg und Zerstörung hinter einem mit Aluminiumplatten beklebten Baugerüst verborgen.

„Berlin erhält sein Wahrzeichen zurück“, sagte Wowereit. Mit Blick auf die zahlreichen Neubauprojekte rund um den Breitscheidplatz nannte er die Gedächtniskirche einen „Fels in der Brandung“, der auch in Zukunft für Frieden und Versöhnung stehe und den Menschen Hoffnung gebe. Da die letzten Gerüstteile am Alten Turm erst im nächsten Frühjahr abgebaut werden, konnte der Regierende Bürgermeister noch einen launigen Seitenhieb auf den Flughafen BER platzieren: „Auf anderen Baustellen würde man wohl von einem Soft Opening sprechen.“ Wowereit dankte den vielen Tausend Spendern, die erfolgreiche Kampagne „Rettet den Turm“ sei auch ein Beispiel für gelungenes bürgerschaftliches Engagement.

Ein Stein als Zeitzeuge

Gemeindepfarrer Martin Germer ging in seiner Predigt auf die Geschichte der 1895 geweihten Kirche ein. Er ließ stellvertretend einen Fassadenstein die Geschichte des Bauwerks „erzählen“. So erinnerte er an den mutigen Pfarrer Walther Nithack–Stahn, der sich schon 1911 gegen Nationalismus und Kriegstreiberei aussprach und damit das preußische Militär gegen sich aufbrachte. Er sprach über den Streit zwischen Hitler-treuen Deutschen Christen und Vertretern der Bekennenden Kirche in den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts, der die Gemeinde spaltete, und über die Bombennacht im November 1943, bei der die alte Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche fast vollständig zerstört wurde. Seine Predigt wurde mit Applaus bedacht. Das ist in einem Gottesdienst zwar eigentlich nicht vorgesehen, passte aber an diesem Sonntag gut.

Längst richtet die Gemeinde den Blick auf das nächste Bauprojekt. Der Sockel, auf dem der Alte Turm und Kirchenneubau stehen, muss dringend saniert werden. Klaus Wowereit, auch Vorsitzender des Stiftungsrates der Klassenlotterie Berlin, sagte dafür Unterstützung zu. Das war dann für Pfarrer Germer die schönste Botschaft an diesem Tag.