Berliner helfen

Bildungstankstelle für Kinder in Marzahn

Ausgezeichnet im Ideenwettbewerb: im Haus Bolle wird durch Lob und Anerkennung zum Lernen motiviert

„Ecki, guck mal! Ecki, komm mal!“ Wer sich mit Eckard Baumann unterhalten will, muss seine Aufmerksamkeit mit vielen Kindern teilen. Täglich kommen etwa hundert nach der Schule zu ihm ins Kinder- Und Jugendhaus Bolle nach Marzahn. Sie kommen zum Mittagessen, um Hausaufgaben zu machen, in verschiedenen Gruppen Basketball oder Fußball zu spielen oder auf dem großen Rutsch- und Klettergerüst im Garten herumzutoben. „Vor allem kommen sie, um Aufmerksamkeit und Anerkennung zu bekommen“, sagt Ecki. Er hat das Haus Bolle im Jahr 2010 eröffnet - in einem Flachbau inmitten von Plattenbauten in der Hohensaatener Straße in Marzahn. Als Anlaufstelle für die Kinder aus dem Bezirk, die Nachmittags nicht wissen wohin, weil sich ihre Eltern nicht um sie kümmern können, weil sie berufstätig sind, oder sich nicht um sie kümmern wollen. Oder weil die häuslichen Verhältnisse desolat sind. „Wir haben hier ein Mädchen, das mit sechs Personen in zwei Zimmern - ohne Strom“, erzählt Eckhard Baumann. Er berichtet von verstörten Jungen, deren Mutter als Pornodarstellerin arbeitet, von Kindern, deren Väter selten oder nie auftauchen. Die keine Vorbilder haben, weil alle Personen in ihrem Umfeld von staatlichen Transferleistungen leben. „Wir wollen diese Kinder motivieren, fördern und begleiten“, sagt der Leiter vom Kinderhaus Bolle, das sich ausschließlich durch Spenden finanziert. Träger des Hauses ist der von Eckhard Baumann gegründete Verein Straßenkinder, der sich seit mehr als zwölf Jahren um jugendliche Herumtreiber am Alex und an der Gedächtniskirche kümmert. „Damit hat alles angefangen“ erinnert sich Baumann. Als er kurz nach der Wende zum Studium nach Berlin kam und anfing, sich gemeinsam mit seiner Frau ehrenamtlich um Ausreißer und Straßenkinder zu kümmern. Damals begleitete er die Jugendlichen zu Ämtern und Behörden und versuchte ihnen „ohne viel Ahnung aber nach bestem Wissen und Gewissen“ zu helfen. Das nahm ihn mehr und mehr in Anspruch, bis er schließlich beschloss, aus seinen Beruf auszusteigen. „Finanziell war es in den ersten Jahren schwierig, aber wir haben genug zum Leben und ich wollte lieber in Menschen investieren als in Raumtemperatur“, sagt Eckhard Baumann.

Grenzen zeigen

Im Sommer ist er mit einigen Erziehern und Bolle-Kindern nach Rügen gefahren. Auf der Fähre zum Kreidefelsen erzählte ihm ein Zehnjähriger plötzlich von schrecklichen häuslichen Erlebnissen. „Der Junge hatte andere Kinder mit Steinen beworfen. Wir waren kurz davor, ihn nach Hause zu schicken. Das haben wir ihm auch klipp und klar gesagt. Er war geradezu dankbar, dass ihm jemand Grenzen setzt“, meint Baumann. Den Jungen hat er dann „zurecht gelobt“, wann immer er etwas richtig gemacht hätte. „Wirkt Wunder, alle wollen doch anerkannt werden“, sagt Baumann, selbst Vater von drei Kindern.

Im Haus Bolle kümmern sich 15 Erzieher und Sozialpädagogen um die Kinder. Nach dem kostenlosen Mittagessen mit Kräutern aus dem hauseigenen Kräutergarten wird der Kopf „gefüttert“: in einem Extra-Container im Garten gibt es Hausaufgaben-Hilfe, Leseübungen und Unterstützung in allen schulischen Belangen. „Wir sprechen auch mit den Eltern und Lehrern, haken nach, wenn es ein Problem gibt“, erzählt Sozialpädagogin Ulrike Neubert. Es gebe zum Glück auch Eltern, die sich sehr um ihre Kinder kümmerten und das Angebot in Bolle unterstützen. Anreize zum Lernen schaffen, Aufzeigen, dass es Spaß macht, etwas zu leisten, ist der Ansatz im Haus Bolle. Dafür gibt es Bolle-Punkte und nach vier bis sechs Wochen durchhalten eine Belohnung, zum Beispiel eine Playmobil-Figur. „Die Kinder hier sind ja nicht dümmer als die Frohnau. Aber ihr Startblock im Leben steht 30 Meter weiter hinten. Die müssen erst mal aus der Kurve“, meint Eckhard Baumann. Und das sei eben viel schwerer, wenn es keine Bezugsperson als Vorbild da sei und man gegen sein Umfeld ankämpfen müsse.

Für sein pädagogisches Konzept ist das Haus Bolle gerade als „Bildungsidee“ im Wettbewerb „Ideen für die Bildungsrepublik“ ausgezeichnet worden - leider ohne Preisgeld.