Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche

Ein Pfarrer als Bauherr

Mit einem Festgottesdienst wird am Sonntag das Ende der Sanierungsarbeiten für die Turmruine der Gedächtniskirche gefeiert

Seine Zeit ist knapp, sehr knapp. Mit wehendem Mantel kommt Martin Germer angelaufen. Er habe gerade eine Baubesprechung, sagt der Pfarrer, und da müsste er auch gleich wieder hin, weil es um wichtige Entscheidungen gehe. Dennoch bleibt er gelassen und steigt über die scheppernden Gerüstbalken hinauf zum Alten Turm der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche. Pfarrer Martin Germer ist seit sieben Jahren nicht nur Prediger und Seelsorger, sondern auch Spendensammler und Bauherr für den bekanntesten Kirchturm Berlins. Noch ist die Turmruine am Breitscheidplatz halb hinter einem Gerüst versteckt, doch bereits am Sonntag wird es um 10 Uhr einen „Festgottesdienst zum nahen Abschluss der Turmsanierung“ geben. Für den Pfarrer ist damit eine wichtige Etappe geschafft, bevor er die nächste in Angriff nimmt. Und dafür muss er wieder in die Baubesprechung.

Vor etwas mehr als einem halben Jahr ist das Datum für die Feier zum Abschluss der Sanierungsarbeiten festgelegt worden. „Da hatten wir gehofft, schon weiter zu sein“, erzählt der Pfarrer. An der Verzögerung war nicht zuletzt der lange Winter schuld. Jetzt will Martin Germer die Gelegenheit nutzen und den Spendern, die alle eingeladen sind, an Ort und Stelle zeigen, wofür sie ihr Geld ausgegeben haben. Nach einem Empfang auf der Gerüstplattform können sie sich bei geführten Baustellentouren ein Bild von der Sanierung machen.

Es ist beachtlich, was in den vergangenen drei Jahren seit dem Start der Turmsanierung geschehen ist. Mit zwölf Tonnen Spezialmörtel wurden insgesamt 15Kilometer Fugen und Risse verschlossen, 1000 Quadratmeter Kupferdach mussten erneuert werden. Hunderte neue Tuffsteinblöcke kamen aus der Eifel, um alte zerbröselte zu ersetzen. „Das Schwierigste war, die Ruine so zu sanieren, dass sie genauso ruinös und kaputt wie vorher aussieht“, sagt der Projektleiter und Architekt Raphael Abrell. Bei der Turmsanierung handele es sich um eine reine Konservierung. Nichts sollte hinzugefügt oder ergänzt werden. Die größte Herausforderung sei gewesen, jeden Tag neu abzuwägen, welcher Stein ausgetauscht werden muss oder noch saniert werden kann. „Oft war das Maß der Zerstörung erst zu sehen, nachdem ein benachbarter Stein entfernt worden war und sich ein Blick in die Tiefe des Steins bot“, sagt der Architekt.

Weihnachten wieder mit Uhr

Nach einem Aufstieg auf 20 Meter Höhe macht Martin Germer einen ersten Zwischenstopp. Der Pfarrer bleibt vor einer Ecke der Ruine stehen. Sie ist noch nicht fertig, deshalb kann er gut die Arbeiten erklären. Er zeigt auf die Risse und Fugen, die bereits freigelegt sind und noch verschlossen werden müssen. Eine marode Steinplatte wurde abgenommen und muss durch eine neue ersetzt werden. Im Moment ist das Gerüst von einst 72 Metern bis auf eine Höhe von 38Metern zurückgebaut. Bis Weihnachten sollen nur noch 20 Meter eingerüstet sein, spätestens dann ist auch wieder die restaurierte und neu vergoldete Uhr zu sehen. Im April nächsten Jahres soll das Gerüst komplett gefallen sein.

Insgesamt 4,2 Millionen Euro hat die Sanierung des Alten Turms gekostet. Es war ein Kraftakt, diese Summe zusammenzubekommen. Allein 1,2 Millionen Euro kamen von Sponsoren und Spendern, darunter auch von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, jeweils eine Million Euro steuerten Bund, Land und Klassenlotterie bei.

Den Anfang der Spendenaktion machte der englische Bomberpilot Charles Jeffrey Gray. Er hatte in der Tageszeitung „The Times“ über das Sanierungsproblem gelesen und bei seinem Besuch in Berlin im November 2007 spontan einen Scheck über 500 Pfund mitgebracht. „Doch dann stagnierte die Spendenbereitschaft“, erinnert sich Martin Germer. Und es sei deutlich geworden, dass man einen symbolischen Gegenwert bräuchte, um die Spender zu motivieren. Da es bei der Sanierung vor allem um die Erneuerung der Fugen ging, sei die Idee der Fugenpatenschaften entstanden. Insgesamt 1500 Fugenpatenschaften wurden abgeschlossen, von der „eisernen Fuge“ für 100 Euro bis zur „Platin-Fuge“ für 5000 Euro. Insgesamt 450.000 Euro sind allein auf diesem Weg zusammengekommen. Der erste Fugenpate war ein Professor aus der Gemeinde. 5000 Euro wollte er spenden, doch er knüpfte eine Bitte daran: Er wollte, dass seine Spende irgendwo sichtbar werde. Die Lösung war, eine Tafel mit den Namen aller Gold- und Platinpaten, die also zwischen 2000 und 5000 Euro gespendet hatten, anzubringen. Die Tafel wird am Sonntag enthüllt. Spender kleinerer Beträge wurden auf einer Schriftrolle erfasst, die ins Mauerwerk der Gedächtniskirche eingelassen werden soll. Die größte Einzelspende stammt übrigens von einem Japaner. Er hatte seine Facharztausbildung am Deutschen Herzzentrum gemacht und war nach seiner Ausbildung nach Japan zurückgekehrt. Als er von der Sanierung erfuhr, hat er aus Dankbarkeit gegenüber der Stadt 10.000 Euro gespendet.

Martin Germer wird auch weiterhin auf Spenden angewiesen sein. Denn die nächste Sanierung steht bereits an. Der neue Glockenturm, den 1961 Egon Eiermann erbauen ließ, zeige gravierende Schäden, sagt der Pfarrer. Und auf der sechs Stufen hohen Plattform, auf der sich alle Kirchenbauten befinden, hätten sich zahlreiche Stolperstellen und Risse gebildet. 1,4 Millionen Euro werde allein die Sanierung des gesamten Podiums kosten. Auch dafür werden nun wieder Paten gesucht, die sich jetzt Podiumspaten nennen. „Ich hoffe, die Menschen auch für die weiteren Vorhaben zu gewinnen und dass sie den Erhalt der Gedächtniskirche zu ihrer eigenen Sache machen“, sagt der Pfarrer.