Urteil

Doppelmörder muss lebenslang in Haft

Höchststrafe für Mehmet Ö., der im Januar in einer Neuköllner Bäckerei die Ex-Freundin und ihre Schwester erschoss

Das Urteil des Gerichts war eindeutig: „Schuldig des zweifachen Mordes“. Mehmet Ö., der Mann, der im Januar dieses Jahres in einer Bäckerei in Neukölln seine Ex-Freundin und deren Schwester tötete, ist am Donnerstag von einer Schwurgerichtskammer des Landgerichts Moabit zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt worden. Das Gericht folgte damit dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Die Verteidigung hatte eine mildere Strafe aufgrund einer aus ihrer Sicht verminderten Schuldfähigkeit des Angeklagten beantragt.

Seit Anfang August hat das Landgericht die Tat verhandelt, die weit über die Grenzen Berlins hinaus für Schlagzeilen gesorgt hatte. Am Morgen des 16. Januar betrat Mehmet Ö. die Bäckerei, die erst zwei Wochen zuvor von seiner Ex-Freundin Nura H. (33) und deren Schwester Guylten (38) eröffnet worden war. Nach einem kurzen Wortwechsel zog er eine Waffe und gab mehrere Schüsse auf die beiden Frauen ab. Nura H. war sofort tot, ihre Schwester starb am Folgetag im Krankenhaus. Ein Zeuge alarmierte die Besatzung eines zufällig vorbeifahrenden Funkstreifenwagens, die Beamten nahmen den Schützen fest.

Regelrechte Hinrichtung

Wie so häufig bei Schwerverbrechen, klaffte auch in dem jetzt zu Ende gegangenen Strafprozess die Bewertung des tödlichen Geschehens durch die Parteien weit auseinander. Für die Verteidigung war es die Tat eines Verzweifelten, der die Trennung von seiner Freundin nicht verkraften konnte, der sich in einen regelrechten Wahn steigerte und zudem zum Tatzeitpunkt unter dem Einfluss von Alkohol und Kokain stand. Für die Staatsanwaltschaft war das Geschehen am 16. Januar in der Bäckerei an der Flughafenstraße ebenso wie für die Vertreter der Nebenklage schlicht die kaltblütige und brutale Umsetzung einer lange geplanten und vorbereiteten Tat.

Ermittler sprachen dabei von einer regelrechten Hinrichtung. Mehmet Ö. schoss zunächst einmal auf seine Ex-Freundin und gab dann einen weiteren Schuss auf ihre Schwester ab. Die war ihm, der Anklage zufolge, eigentlich egal, er habe sich von ihr aber auch nicht bei seinem Vorhaben stören lassen wollen. Nach dem Schuss auf die Schwester gab der 46-Jährige noch acht weitere Schüsse auf Nura H. ab, alle in den Kopf.

Die blutige Tat markierte das Ende einer Beziehung, die nur am Anfang für kurze Zeit glücklich war. Täter und Opfer hatten sich durch ihr gemeinsames Hobby, die Musik, kennengelernt. Zusammen traten sie auch in Lokalen oder bei Familienfeiern auf. Doch schon bald kriselte es. Mehmet Ö. habe seiner Freundin mit seiner extremen Eifersucht das Leben schwer gemacht, berichteten Zeugen. Die Familie des Opfers, die die Probleme bemerkte, ging auf Distanz zu dem Angeklagten. Bereits im Sommer 2011 wollte Nura H. sich von Ö. trennen, im Herbst desselben Jahres setzte sie ihren Entschluss schließlich um.

Für das ganze Umfeld sichtbar litt Ö. unter der Trennung. Rasende Eifersucht mischte sich bei ihm mit einer Art Besitzanspruch, wie es ein Sachverständiger im Prozess formulierte. Anfangs versuchte er mit lästigen, aber friedlichen Mitteln, seine Ex-Freundin zurückzugewinnen. Er machte ihr Geschenke und suchte immer wieder eine Aussprache. Als Nura H. keinen Zweifel daran ließ, dass die Beziehung für sie beendet war, änderte sich das Verhalten des Angeklagten. Es folgten Nachstellungen, Beschimpfungen und schließlich massive Drohungen. Zwischenzeitlich beruhigte sich Mehmet Ö. scheinbar wieder, eine Zeit lang ließ er Nura H. in Ruhe. Dann kam der 16. Januar.

Viele Bekannte des Täters und der Opfer haben in dem Prozess ausgesagt. Und ihre Aussagen ließen wiederholt die Frage aufkommen, ob die Tat nicht hätte verhindert werden können. Zwei Mal hatte das Opfer, das inzwischen in permanenter Angst vor dem Angeklagten lebte, im Frühjahr 2012 Strafanzeige erstattet. Nura H. versuchte zudem, ein Kontaktverbot nach dem Gewaltschutzgesetz zu erwirken. Dazu konnte sich das Gericht seinerzeit allerdings nicht durchringen. Den Richtern reichte das Versprechen des Angeklagten, sich künftig von seiner Ex-Freundin fernzuhalten.

Auch Freunden und Bekannten muss aufgefallen sein, wie es in Mehmet Ö. innerlich brodelte. Mehrfach drohte er offen, Nura H. zu töten, sollte sie nicht zu ihm zurückkehren. Einen Freund fragte er zudem, ob der ihm eine Waffe besorgen könne. Dennoch hat offenbar niemand die Drohungen ernst genommen. „Mehmet war immer so ein freundlicher und höflicher Mensch, man hat ihm das ganz einfach nicht zugetraut“, sagte ein Zeuge im Prozess. Eine Aussage, die von vielen weiteren Zeugen bestätigt wurde.

Alkohol und Drogen

Das Drama nahm seinen Lauf, als Nura H. zusammen mit ihrer Schwester die Bäckerei an der Flughafenstraße eröffnete. Der Angeklagte, der in unmittelbarer Nähe wohnt, erfuhr davon. Den Laden durfte er nach der Vereinbarung vor Gericht nicht betreten. Aber jetzt war sein Stammplatz in einer Kneipe schräg gegenüber der Bäckerei, von dem aus er Tag für Tag seine Ex-Freundin beobachtete. Gleichzeitig trank er immer häufiger Alkohol und nahm Drogen, meistens Kokain. Auch am Tattag hatte er beides konsumiert. Um sich für die Arbeit „fit zu machen“, erzählte er dem Gericht. Um die Tat begehen zu können, glaubten hingegen die Richter. Anders als der Sachverständige und der Verteidiger gingen die Richter nicht von einer verminderten Schuldfähigkeit aus.

Auch die Behauptung des Angeklagten, er habe die Waffe lediglich gekauft, um sich zu schützen, und er habe nie die Absicht gehabt, jemanden damit zu schädigen, nahmen ihm die Richter nicht ab. Seine Darstellung des Tathergangs, es habe ein Gerangel im Laden gegeben, dabei habe sich versehentlich ein Schuss gelöst, und an mehr könne er sich nicht erinnern, bezeichnete der Vorsitzende Richter in seiner Urteilsbegründung als reine Schutzbehauptung. „Wir müssen berücksichtigen, dass der Angeklagte nicht nur zwei Menschen in der Blüte ihres Lebens getötet hat, sondern auch unermessliches Leid über die Familie der Opfer gebracht hat“, sagte der Richter weiter. Die Eltern der Opfer hätten auf einen Schlag zwei Töchter verloren, kleine Kinder ihre Mutter. Die Familie von Nura und Guylten H. – die Eltern, drei Brüder und eine Schwester – hat den Prozess als Nebenkläger verfolgt. Das Urteil nahmen sie, ebenso wie der Angeklagte, ohne sichtbare Regung auf. Lediglich die Mutter brach mehrfach in Tränen aus. Denn auch die über Mehmet Ö. verhängte Höchststrafe bringt ihr ihre Töchter nicht zurück.