Deutsche Bahn

„Wir wollen nicht immer die A-Karte“

Verspätungen, Ausfälle, Defekte – Bahn-Chef Rüdiger Grube stellt sich den Fragen seiner Kunden

23 defekte Aufzüge hat Ursula Lehmann allein am vergangenen Wochenende auf der Internetseite der Berliner S-Bahn gezählt. „Für Behinderte ist die Transportkette da ganz schnell unterbrochen, und sie kommen nicht weiter“, klagte die Frau im Rollstuhl. Oft würden Wochen und Monate vergehen, bis die Technik wieder funktioniere. Frage sie dann bei der Bahn nach, wie sie weiterkomme, werde sie von den Mitarbeitern immer wieder vertröstet. „Ganz viele wissen nicht mal, dass der Fahrstuhl kaputt ist“, gab die Behindertensprecherin empört zu Protokoll.

Auch wenn die Veranstaltung im Kasino im Berliner Hauptbahnhof stattfand – der Sprechtag des Deutschen Bahnkunden-Verbands am Montagabend war für den Vorstandschef der Deutschen Bahn (DB) wahrlich kein Heimspiel. Immer neue Klagen musste sich Rüdiger Grube da anhören: etwa über viel zu lange Fahrzeiten und überteuerte Bahntickets oder gar zu hohe Lärmschutzwände, die den Blick aus dem S-Bahn-Fenster auf die Stadt verstellen. Doch immerhin: Erstmals in der 30-jährigen Geschichte des Sprechtags stand ein Bahnvorstandschef den Fahrgästen Rede und Antwort. Grube ermunterte die etwa 70 Zuhörer – überwiegend männlich und jenseits der 50 Jahre – ausdrücklich, alle ihre Fragen zu stellen. „Sie sind doch Insider wie kaum ein anderer“, schmeichelte er ihnen. Es gehe ihm darum, den Imagewechsel bei der Bahn deutlich zu machen. „Auch wenn sicher noch viel zu tun ist: Für uns stehen der Kunde und die Qualität ganz oben“, betonte er. Und – mit Blick auf die gut besetzte Pressebank: „Wir wollen nicht immer die A-Karte.“

Anders als sein oft ungehaltener Vorgänger Hartmut Mehdorn ließ Grube sich dann auch durch schwerste Vorwürfe nicht aus der Fassung bringen. Selbst als einer der vermeintlichen Fachmänner im Publikum der Bahn unterstellte, sie ließe sich viel zu viel Zeit bei der Inbetriebnahme der seit der Juni-Flut gesperrten Schnellfahrstrecke Berlin–Hannover, blieb Grube ruhig und gelassen. „Sie können mir glauben: Keinen stört das mehr als mich“, antwortete er.

Verärgerte Wolfsburg-Pendler

Schließlich sei die hochwassergeschädigte Trasse, über die die ICE normalerweise mit Tempo 250 jagen, die wichtigste Bahnstrecke in Deutschland überhaupt. Jeden Tag seien 10.000 Züge im ganzen Land durch die Sperrung direkt oder indirekt betroffen. „Das kostet Kunden und damit Geld“, konstatiert Grube nüchtern. Doch Sicherheit gehe bei ihm vor Schnelligkeit. „Geben wir jetzt die Strecke schnell frei und irgendetwas passiert, dann sind Sie doch die Ersten, die fragen, wie das sein konnte.“

Eine Entscheidung, wann die ICE-Strecke wieder befahrbar ist, soll in Kürze fallen. „Die Georadar-Untersuchungen sind jetzt so weit abgeschlossen. Ich gehe davon aus, dass wir hier in den nächsten Tagen mehr erfahren“, versprach Grube. Verständnis im Publikum.

Nicht ganz so leicht hatte Grube es mit mehreren Fahrgästen, die zu den Hunderten Berufspendlern gehören, die tagtäglich mit dem Zug zwischen Wolfsburg und Berlin unterwegs sind. Zeitweilig war die Autobauerstadt ganz vom ICE-Verkehr abgekoppelt, inzwischen halten dort wieder etliche Schnellzüge, die wegen der nötigen Umleitungen aber deutlich mehr Zeit benötigen. Weil tägliches Pendeln per Zug viel zu lange dauert, müsste er jetzt 500 Euro pro Woche an Unterkunftskosten zahlen, beklagte einer der Betroffenen. Diese Kosten würden nicht ersetzt. Doch selbst wenn der alte Fahrplan wieder in Kraft trete, würde nur jeder zweite ICE in Wolfsburg halten und der andere einfach durchfahren, klagte eine VW-Angestellte. Da musste Grube doch passen und diese Frage – ebenso wie die nach den fehlenden Zwischenstopps der ICE am Bahnhof Zoo und in Potsdam – an seinen Berliner Konzernbeauftragten Ingulf Leuschel weitergeben. „Wir haben nichts gegen Charlottenburg“, betonte der. Doch die hohe Belegung der Stadtbahntrasse durch Fern- und Regionalzüge ließe zusätzliche Stopps nicht mehr zu. „Sonst bricht uns der Viertelstundentakt zwischen Berlin und Potsdam zusammen.“

Die Begründung, dass viele Aufzüge und Fahrtreppen in Berlin infolge von Vandalismus stillstehen würden, wollte Grube übrigens nicht so stehen lassen: „23 Ausfälle sind nicht akzeptabel – da kümmern wir uns drum.“